StillLeben

Bernhard Vogel, März 2006

Vor zwei Jahren fragte mich ein Galerist aus Norddeutschland, ob ich für eine Sonderpräsentation in seiner Galerie Stilllebenaquarelle malen würde. Er würde gerne zum ersten Mal dieses Genre von mir zeigen. Er ist überzeugt, dass es etwas Besonderes sein wird.

Warum hatte ich bis jetzt dieses Thema für einen Zyklus nicht aufgegriffen? Vielleicht war es fehlende Energie, die ich für Städtebilder aufbrauche oder es ist der große Respekt vor diesem klassischen Thema.

Die Begeisterung und der Wunsch des Galeristen waren dann ausschlaggebend, diese für mich neue Aufgabe zu beginnen. Der Unterschied zu anderen Themen beginnt schon beim Motiv. Nicht wie bei Städten und Landschaften, wo man sich einen persönlichen Ausschnitt sucht, muss man bei Stillleben sich eine eigene „Stadtlandschaft“ erst schaffen. Der kreative Prozess beginnt schon beim Aufstellen der Gegenstände und die richtige Wahl nach Größe, Farbe und Form. Es entsteht eine eigene kleine Welt. Für mich ist Abwechslung und Spannung in der Wahl der Gegenstände wichtig, auch Klarheit und Einfachheit. Viele unterschiedliche Formen sollen Angriffsflächen für kreative Fantasie bieten. Besonders die transparente Aquarelltechnik mit vielen durchsichtigen Schichten ist hervorragend für die Bewältigung von glatten und teilweise durchscheinenden Flächen geeignet.

Bevor ich zu malen beginne, verinnerliche ich mir den vor mir präsentierten Mikrokosmus und fühle mich wie eine Maus, die darin spazieren geht. Ich stelle mir dann den gewählten Ausschnitt auf dem weißen Aquarellbogen vor wie ein unsichtbares Raster und prüfe Komposition und Farbwahl. Erst dann setze ich den ersten Pinselstrich. Eine große Herausforderung war die Bewältigung des kleinen Raumes in Bezug auf Licht und Atmosphäre. Dabei kam mir mein Malstil zugute, der auf realistische Begebenheiten in der Natur zu Gunsten einer fantasievollen Stimmung verzichtet. Ein geheimnisvoller Raum soll entstehen, losgelöst von Abbild und Regeln. Mystik ist etwas, das nur der kreative Prozess schaffen kann und nicht der Maler selbst mit seinen Erfahrungen. Es war jedenfalls ein spannendes Unterfangen.

Noch etwas befangen, war ich dann doch überrascht, dass bei der Ausstellung alle Stilllebenaquarelle verkauft wurden. Vom Erfolg stimuliert, setzte ich meine Serie heimlich im Atelier fort und es begann eine große Leidenschaft für dieses Genre. Ich sammelte Gegenstände, Vasen, Fundstücke und malte mich immer mehr in Schwung, um die neuen Ideen sofort umzusetzen. Der Zyklus „Stillleben“ nahm Formen an und wurde mit diesem Buch vorerst abgeschlossen.

Etwas Neues zu beginnen, Erfahrungen zu vergessen, sich einem Wagnis zu stellen, ist geistiger Aufwand und Grundvoraussetzung, um kreativ zu bleiben. Je mehr man weiß, umso mehr kann es schaden. Theorie und Wissenschaft ist der Tod jeder künstlerischen Entwicklung. Gerade als Maler wird man ständig einer Entscheidungsfindung ausgesetzt, sei es im Malprozess oder im Suchen nach einer Bildaussage oder eines Motivs. Ein Wagnis wird immer belohnt und Sicherheit ist das Kopieren von einem selbst. Unsicherheit, Unerfahrenheit und Zweifel sind der Humus für künstlerische Entfaltung.

IMMER MUSS MAN VERSUCHEN, EINEN ANDEREN NACHZUAHMEN.
ABER ES STELLT SICH DANN HERAUS, DASS MAN ES GAR NICHT KANN!
MAN MÖCHTE ES WOHL TUN. MAN VERSUCHT ES.
ABER ES GEHT IMMER SCHIEF.
UND IN DIESEM AUGENBLICK, WO MAN ALLES VERPATZT,
DA GERADE IST MAN SELBST.

(Pablo Picasso)