Meine Reise nach New York im Winter 95/96 war völlig anders verlaufen als meine früheren Malaufenthalte. Ihre Ausbeute bestand nur aus den im Textteil abgebildeten Zeichnungen
So spannend es ist, direkt vor dem Motiv spontan zu malen, unterbrach ich diesmal das mir gewohnte Umsetzen von Gesehenem in Aquarell und ließ mich einfach nur beeindrucken und aufladen.
Wer New York kennt, der weiß, daß einen diese pulsierende Stadt einfach nicht kalt lassen kann. Wie die Amerikaner treffend beschreiben, ist New York nicht Amerika, New York ist New York - oder wie ein Taxifahrer mir einmal sagte: New York und seine Menschen sind wie das Wetter in dieser Stadt, einmal 40 Grad mit 90 % Luftfeuchtigkeit und Smog, dann wieder klarste Luft mit Sonnenschein oder Schneeverwehungen mit 20 Grad unter Null. Ein Schmelztiegel der Welt, auf kleinstem Raum strömen die vielfältigsten Gegensätze zusammen, ein Energiezentrum mit einer unsagbaren Ausstrahlung, Moloch und Paradies zugleich, ein Impulsgeber in jede Richtung.
New York als Inbegriff des Dualismus löst vielleicht deshalb bei mir immer wieder eine Richtungsänderung aus und ist somit stets neuer Antrieb für meine Arbeit. Schon 1988 und 1992 konnte ich dieses Phänomen beobachten, und doch war es diesmal etwas anderes. Ohne mich auf die Arbeit zu konzentrieren, konnte ich mich der Stadt mit ihren Wirkungen völlig hingeben, gleichsam wie ein Schwamm alles aufsaugen.
Wieder in Salzburg - als ich meine gewonnenen Eindrücke endlich in Aquarell umsetzen wollte - geschah etwas Sonderbares. Es wollte nicht gelingen, oder, besser gesagt, ich fing erst gar nicht mit dem Aquarellieren an. Zuviel war in mir gespeichert. Die Technik des Aquarells konnte den Schwall meiner Eindrücke nicht auffangen.
Rastlos und unsicher wartete ich auf eine Idee, bis mir eines Nachts die amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften auffielen, die zufällig im Atelier lagen. Spontan und ohne Kalkül begann ich Schriften und Zeitungsausschnitte zu sammeln und zuerst noch zurückhaltend auf ein Papier zu kleben und darüberzumalen, zu experimentieren. Es war der Beginn eines neuen Zyklus.
Der nächste Schritt war die Idee, eine im Dezember zufällig gekaufte Wellpappenstruktur in ein Bild zu integrieren. Die Struktur der Wellpappe begeistert mich noch immer, da sie einerseits den besonderen Charakter dieser Stadt sehr gut wiedergeben vermag und andererseits eineen spannenden Bildaufbau ermöglicht. Die ersten Bilder entstanden und machten süchtig, weiter zu arbeiten. Ein intensiver Schaffensprozeß begann, und ich malte fast jeden Tag und auch Nächte durch. Ich versuchte, alle möglichen Materialien in die Bilder einzubinden und damit zu experimentieren, wie z.B. rostigige Nägel, Netze und Bootsreste von alten Schiffen aus einem Hafen in Apulien oder vergilbte Platkatfetzen aus Venedig.
Eine weiterere Folge dieses Prozesses war, ältere Aquarelle und Öl- bzw. Acrylbilder auf Leinwand zu übermalen. Dabei entdeckte ich die Wichtigkeit der scheinbar unsichtbaren darunterliegenden Schichten und entwickelte daraus eine neue Technik
Viele Ideen folgten noch und ich war wie in meine Anfangszeit als Maler zurückversetzt: ohne Perfektion ein Suchender; dem schöpferischen Prozeß hingegeben, bis in die Nacht hinein malend, wie in einem Rausch nicht mehr wissend, was man malt, am nächsten Tag neugierig, was am Vortag passierte..... das ist aufregend - aber was noch aufregender ist: Ich hatte die richtige Ausdrucksform für meine Erlebnisse in New York gefunden
"NYC was like a ship on fire and sinking at the same time."
"I was born in the back seat of a Yellow Cab in a hospital loading zone and with the meter still running. I emerged needing a shave and shouted 'Time Square, and step on it !"
Tom Waits