Die eigene Handschrift

Immer wieder wird gefragt: Was sind die Merkmale eines gelungenen Bildes? Die meisten Kunstkritiker antworten darauf: Eigen-ständigkeit und künstlerische Qualität. Damit ein Bild interessant ist, muß es unverwechselbar sein und eine eigene Handschrift be-sitzen.

Wie der Daumenabdruck eines jeden Menschen verschieden ist, so hat jeder auch eine ganz eigene und völlig unterschiedliche Ge-fühls- und Seelenwelt. Das sollte in der Kreativität zum Aus-druck kommen. Kunst ist auch Sehnsucht nach Selbstver-wirk-lichung und Selbsterkenntnis. Gerade beim Aquarell ist es unerläßlich, unverwechselbar zu sein.

Erste Impulse. Der Impuls, mit dem Malen zu beginnen, kann in erster Linie durch den Besuch zahlreicher Ausstellungen und Publikationen bekannter Künstler entstehen. Man bewundert die Technik und ist fasziniert von den Geheimnissen der Licht-wir-kun-gen, die nur das Aquarell hervorzubringen vermag. Begeiste-rung und Freude sind Voraussetzungen, um kreativ zu sein. Enthu-sia-stisch macht man sich ans Werk und entdeckt, was das Medium Aquarell bietet. Es ist ein Prozeß des Übens und technischen Aus-lotens. Im Vorder-grund steht die Beherrschung von Wasser und Farbe, die unzählige Hell-Dunkelwerte hervorbringt. Man entdeckt die strahlende Wirkung und die Schwierigkeit des Aus-spa-rens von Papierweiß und die Transparenz der sich überlagernden Farbschichten. Man macht die schmerzliche Erfahrung, daß das Aquarell schwer korrigierbar ist, denn jeder überflüssige Pinsel-strich schmälert die Intensität der Aussage. Um allmählich eine eigenständige Handschrift zu finden, bedarf es einer langen, ständigen und intensiven technischen Auseinandersetztung mit dem Medium. In dieser Zeit des Erspürens und Herantastens soll man sich im klaren sein, daß das Ergebnis der anfänglichen Malübun-gen und die Anlehnung an Vorbilder nicht überbewertet werden dürfen und nur ein Anfangsstadium sind.

Welche Voraussetzungen sind erforderlich, um sich allmählich von Vorbildern loszulösen? Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, obwohl Originalität nicht vermittelbar ist.

Die individuelle Ausformung einer Bildidee. Meiner Mei-nung nach ist es nicht gerade hilfreich oder förderlich, andere Bil-der zu kopieren. Man erspart sich das Suchen und Finden einer eigenen Interpretation. Gerade in der Spontaneität des Aquarel-lie-rens wäre es hinderlich und unzweckmäßig, immer wieder Vor-bil--der zu kopieren. Mit dem Argument, sich technisches Rüstzeug bei Vorbildern zu holen, wird oft in sogenannten Lehrbüchern oder Malschulen für das Kopieren und Nachahmen geworben. Die technische Umsetzung erwirbt man im Umgang mit Materie, da jeder Künstler ganz individuelle malerische Vorlieben hat. Gerade das

Aquarell bietet unendlich viele Umsetzungsmöglichkeiten, die eigene Sichtweise auf den Punkt zu bringen. Durch Nachahmung kommt man schneller zu ansehnlichen Ergebnissen und scheinbaren Erfolgserlebnissen, jedoch fehlt das spezifisch Künstlerische, das Geheimnis der Individualität. Etliche hören nach anfänglicher Euphorie, aus Lustlosigkeit und mangels Anerkennung, wieder auf. Denn wer einmal in die Mühle des Nachahmens geraten ist, wird kaum seine Handschrift finden. Man sollte sich immer wieder der Herausforderung stellen, eigene Ideen zu kreieren. Auch wenn die Ergebnisse nicht befriedigend ausfallen, ist der ehrliche Weg der bessere. Höchste Priorität, auch in der Kunst, liegt darin, ehrlich zu sein. Das Malen ist kein flüchtiger Zeitvertreib, es ist höchste Anspannung bei gleichzeitiger seelisch-geistiger Entspannung. Das Resultat ist ein Dokument der eigenen Persönlichkeit.

Al-fred Kubin schreibt: »Jeder schafft das, was er muß, auf seine Weise, wie es ihm seine Gaben erlauben.«

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo die technische Umsetzung kaum noch eine vordringliche Rolle spielt. Erst jetzt beginnt der lange Weg der künstlerischen Reife. Natürlich ist es nicht leicht, sich von gewissen Vorbildern zu lösen, denn gerade in dieser Technik gibt es ja viele selbsternannte »Meister«. Um nicht immer Schüler zu bleiben, ist es dennoch unumgänglich.

Bei meinen Malkursen fällt mir immer wieder auf, daß eine zu rasche Beurteilung des eigenen Ergebnisses die richtigen Wege ver--sperrt. Das ist auch verständlich, denn das eigene und somit ehrliche Resultat ist ja mit nichts anderem vergleichbar und meß-bar. Nach längerem Hinschauen könnte man allerdings einige Bot-schaften erkennen. Manchmal hilft auch ein Diskutieren mit Teil-nehmern der Malgruppe. So ist es von Wichtigkeit, die richtigen Leute zu kennen, die unverblümt ihre Meinung äußern, obwohl dies schmerzhaft sein kann.

Die richtige Selbsteinschätzung. Wer ein Maltalent mitbe-kom--men hat, sollte damit feinfühlig umgehen und bescheiden bleiben. Eine künstlerische Entwicklung vollzieht sich eher in kleinen als in großen Schritten. Eine übersteigerte Selbsteinschätzung führt unweigerlich zu negativen Resultaten. Malen, so wie ich es sehe, ist die Loslösung vom eigenen Ego mit all seinen zivilisatorisch bedingten negativen Begleiterscheinungen. Damit meine ich, sich oder anderen etwas beweisen zu müssen. Gerade in der Malerei hat man es ständig mit visuellen, handfesten Resultaten zu tun, die jedermann kritisieren kann. Bei Malkursen mache ich immer wieder die Beobachtung: Die am Anfang stehende Begeiste-rung und Unbefangenheit kann durch zuviel Lob in ungesunden Ehr-geiz umschlagen. Durch Erfolgsdruck und verfrühte Aus-stel-lungsmöglichkeiten wird eine übersteigerte Selbstein-schät-zung gefördert. Die künstlerische Selbstverwirklichung benötigt Zeit, um zu überzeugenden Resultaten zu gelangen. Sie umfaßt Be-schei-denheit, Selbstbewußtsein, gesunden Ehrgeiz, Freude, Neu-gier und richtige Selbsteinschätzung. Es gibt für mich dem Wesen nach keinen Unterschied zwischen professioneller Malerei und Frei-zeitmalerei.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zu Beginn meiner Lauf-bahn den ersten Kunstpreis gewann. Es waren meine ganz anderen Salzburg-Aquarelle, die nicht das typische Altstadtbild zeigten,

sondern Ansichten unbeachteter Randbezirke der Stadt. Meine Überraschung war so groß, daß ich diese Erfahrung als Beispiel einbringen will: Es kommt nicht darauf an, was man malt. Ob das fertige Bild gelungen ist, kann man erst nach gehörigem zeitlichen Abstand beurteilen. Ich empfehle daher, Arbeiten nicht sofort zu ver-dammen oder hochzuloben, sondern liegenzulassen. Was beim Malen zählt, ist Freude und Ehrlichkeit.

Selbstvertrauen. Jeder neue Impuls in der Kunstgeschichte war ein Auflehnen gegen Akademisches und Althergebrachtes. Künst-le-risches Selbstvertrauen bedeutet, den eigenen Weg zu finden und sich nicht davon abbringen zu lassen. Das Ziel wäre es, aus der Tradition heraus etwas Neues, Ungewisses zu versuchen und keinen Modeströmungen hinterherzujagen. Kunstkritiker aller Schat-tie-rungen können mit ihren Ansichten den eingeschlagenen Weg ungünstig beeinflussen. Wie man weiß, ist die Kunst-ge-schich-te vol-ler Fehlurteile. (William Turner etwa hatte man nahegelegt, einen ande-ren Beruf zu ergreifen, da ihm Malerei nicht liege). Man soll der inneren Stimme mehr vertrauen, als sich zu sehr fremden Ein-flüs-sen auszusetzen. Kunst ist auch geistig-seelischer Exhibitio-nis-mus, reine und unmanipulierte Zurschaustellung des eigenen Ichs. Das bedeutet natürlich nicht, daß man sich abkapseln soll und andere Meinungen nicht zuläßt.

Ich konnte feststellen, daß für neue Experimente eine belastbare psychische Verfassung nötig ist, um Niederlagen positiv bewerten zu können. Gesundes Selbstvertrauen bedeutet, gerade in der Irri-tation oder Frustration Hinweise für einen Neuanfang zu sehen. Es sollte einem zu denken geben: Man soll nur malen, was man ist und was man kann.

Der richtige Umgang mit Kritik. Kritik soll man nicht persönlich nehmen, sondern überdenken. Eine Wahrheit ist immer dar-in verborgen, die man auch erkennen kann, allerdings nur, wenn man sich nicht so wichtig nimmt. Gefährlicher sind die gutgemeinten und schöngefärbten Urteile, besonders von Freunden und Bekann-ten, die meistens völlig danebentippen und einen an-trei-ben, falsche Wege zu gehen. Auch erfolgreiche Ausstellungen und Bildverkäufe können bewirken, daß man sich selbst kopiert und somit stehenbleibt oder fehlgeleitet wird. Um dies zu vermeiden, ist es vonnöten, sich nicht von kurzweiligen Erfolgserlebnissen blenden zu lassen. Es ist ein Gabe, alles, was einem kreativ widerfährt, als Geschenk zu sehen und nicht als persönliche Leistung. Auch wenn Bilder ge-kauft werden oder eine »gute« Kritik in ir-gend-einer Zeitung steht, heißt das noch lange nicht, daß man sich ausruhen kann oder daß die Bilder genügend Qualität besitzen. Oft ist das Gegenteil der Fall. Eine gewisse Unzufriedenheit ist eine Triebfeder, sich weiterzuentwickeln. Sie resultiert in der eigenen Handschrift und löst ab diesem Stadium höchste Glücksgefühle während des Malens aus. Die Devise ist: offen zu sein, alles zu filtrieren, auszuprobieren und auf die innere Stimme zu hören, was einem gut tut, was man selber ist und will. Auch wenn man damit gegen den Strom schwimmt und viel Kraft und Persönlichkeit braucht, um den eingeschlagenen Weg nicht zu verlassen, ist es die richtige Entscheidung. Selbst-vertrauen ohne Egoismus, ohne An-er-kennungssucht zugunsten eines ehrlichen, aber beschwerlicheren Weges.

So wie man ohne technische Hilfsmittel keine Möglichkeit hat, sich selber zu sehen oder zu hören, ist es auch beim Malen. Man ist befangen und unsicher. Das Wesen des Künstlers müßte aus seiner Handschrift erkennbar sein. Wenn ein Bild gelingt, ist es immer ein Selbstporträt. Man sieht nur das, was man weiß, was man in sich trägt. Wenn man sich intensiv mit der Materie beschäftigt, wird man überrascht sein, wieviel man in sich selber entdecken kann, wieviel in einem schlummert, das bis jetzt nicht aktiviert wurde.

Intensives Schaffen. Man soll die Tradition nicht verleugnen. Auch Picasso oder Schiele und alle anderen haben klein angefangen und waren sich der Tradition bewußt, bis sie sich gefunden hatten. Man soll keine Stufen überspringen, sondern sich langsam auf ein intensives Schaffen konzentrieren. Die Zeichnung ist hier besonders angesprochen. Sie ist eine ganz wichtige Basis für alles Weitere. Veränderungen, somit auch die eigene Handschrift, passieren nicht plötzlich, nicht in diesem oder jenem Malkurs. Sie resultieren aus einer stetigen und intensiven Beschäftigung mit der Malerei. Ich kann mich noch erinnern, wie ich angefangen habe, mich ausschließlich der Malerei zu widmen. Es war wie eine Sucht, von der ich nicht mehr lassen konnte. Als Angestellter im elterlichen Betrieb war ich mit meinen Gedanken immer mehr in meiner 24 Quadratmeter großen Garconiere, wo alle Bilder entstanden sind, die die Basis für meine Laufbahn waren. Jeden Tag um 18 Uhr nach Dienstschluß war ich sofort daheim und malte oft die ganze Nacht durch. Freundschaften und Beziehung zerbrachen, und natürlich war ich auch in meinem Beruf nicht bei der Sache. Ich merkte, daß die Malerei meine ganze Kraft braucht, und war auch nur glücklich, wenn ich Zeit zum Malen hatte. Manchmal, wenn ich mit Freunden zusammen war, überkam mich urplötzlich der Drang, zu malen, und es gab für mich nur eines, diesem nachzugeben, egal wo und wie die Situation geartet war. Diese Zeit war etwas sehr Schönes, malte ich doch im Verborgenen. Es war fast etwas Geheimes und Kostbares. Seit zwölf Jahren hauptberuflicher Maler, habe ich Zeit und Raum für meine Ideen, so viel ich will. Das macht einerseits glücklich, andererseits muß man sich seiner schöpferischen Pausen bewußt werden und diese auch akzeptieren. Künstlicher Druck von außen oder von einem selbst können Feinde des kreativen Prozesses sein, für die Entwicklung der eigenen Handschrift, die ja nie abgeschlossen ist. Andererseits sagt Gio-acchino Rossini: »Der Termin ist die beste Inspiration.« Dringlich in der Entwick-lungs-phase ist also die volle und enthusia-stische Konzentration auf das Tun, die Liebe zur Kreativität, nicht so sehr das Ergebnis.

Beharrlichkeit führt zum Erfolg. Für mich ist es etwas sehr Wertvolles, bei nicht gelungenen oder schlecht begonnenen Bildern weiterzuarbeiten und nicht aufzugeben. Gerade in dieser Situation ist man in einem Zustand des Zu- und Loslassens, weil man ja nichts mehr erwartet. Viele meiner »nicht gelungenen Bilder« sind im Nachhinein betrachtet die besten oder wichtige Stu-fen für die eigene Entwicklung. Deshalb ist es auch wichtig, jedes Bild aufzuheben und zu datieren, um es später studieren und analysieren zu können. Vieles wird einem erst viel später klar, denn man kann aus seinen eigenen Bildern für den nächsten Schaffens--

prozeß viel herauslesen und lernen.

Jeder, der selber malt oder es einmal versucht hat, weiß, wie sehr man beim Malen Gefühlsschwankungen ausgesetzt ist und wie oft man sein Blatt am liebsten zerreißen möchte. Es sind wertvolle Anzeichen dafür, daß man kreativ ist. Wenn beim Malen alles glatt geht, nimmt man kein Risiko auf sich, man malt nicht über seine Verhältinisse, nichts kann passieren, man wiegt sich in Sicherheit. Kreatives Malen bedeutet ein über sich Hinauswachsen, und das bedarf großer innerer Kraftaufwendung und Energie. Malen ist auch Leiden. Wenn man sich dies ersparen will, bleibt nur noch Handwerk und geschicktes Wiederholen. Das Ergebnis mag im ersten Moment ganz gut ausschauen, doch die Seele, das gewisse Etwas, das Faszinierende fehlt und – der Betrachter spürt es.

Kunst kommt vom Nichtkönnen! Nach zwölf Jahren intensiver Maltätigkeit kann ich im Rückblick feststellen, daß für den Malprozeß das Nichtkönnen wichtiger ist als das Können. Können bedeutet in der Malerei Wissen, Studieren, von anderen Malern Tricks und Effekte zu übernehmen und auszuspielen.

Ist es nicht so, daß man bei sogenannten gekonnten Bildern etwas vermißt? Der Betrachter ist unerbittlich, er verlangt Seelen-ver-wandt-schaft im Bild, die kreative Ader, das Unverwechselbare, die Suche nach dem Geheimnis des Lebens, nach Individualität, nach sich selber.

Das echt Kreative hat seinen Ursprung in der geistigen, tiefer liegenden Ebene, die mit Wissen und Erlerntem nichts zu tun hat. Es ist das Zulassen und Loslassen, das eben auch scheinbare Fehler und vermeintliches Nichtkönnen akzeptiert. Daraus entwickelt sich eine eigene Handschrift. Ich habe von einem Sammler gehört, daß man malen soll, wie man ist. Es bedeutet, sein wahres Ich und nicht das verbildete Ich zu entdecken. Gerade die Kreativität hat die Kraft, dies möglich zu machen. Ich kenne einen Maler, der von Perspektive, Bildaufbau, Komposition keine Ahnung hatte und die aufregendsten Bilder malte. Als er Malerei zu studieren begann, schwand sein Glücksgefühl und die Begeisterung zu malen, bis er schlußendlich aufgab.

"Als Kind ist jeder ein Künstler,

die Schwierigkeit liegt darin,

als Erwachsener einer zu bleiben."

Picasso

"Wenn man es kann,

ist es sehr schwer,

wenn man es nicht kann,

ist es leichter!"

Chinesisches Sprichwort

Gerade Perfektionisten sind gefährdet, denn wenn man intensiv und lange mit einer Technik arbeitet, tritt das Können immer mehr in den Vordergrund. Man wird verleitet, sich selber zu kopieren, bis jedes Bild, trotz unterschiedlicher Motivwahl, dem anderen gleicht. So ist es notwendig, sich auch anderen Techniken und Mate-rialien zuzuwenden, wie etwa Zeichnung, Gouache, Tempe-ra-malerei. Anderes Papier, andere Farben oder Pinsel können kleine, wertvolle Hilfestellungen sein, neu anzufangen, unsicher zu sein, es wieder nicht zu können und somit kreativ zu bleiben.

Phantasie aktivieren. Um elementare Schritte zur eigenen Handschrift zu unternehmen, ist es unbedingt notwendig, die eigene Phantasie in die Bildgestaltung mit einzubeziehen. Gerade wenn man als Aquarellist vor der Natur seine Inspiration holt, genügt es nicht, diese zu übertragen oder abzubilden. Das Ergebnis wäre oberflächlich und leer. Technische Perfektion genügt eben nicht, um ein Bild leben zu lassen. Es ist die Phantasie, die das Ergebnis belebt, unverwechselbar macht, und dem Betrachter ein Geheim-nis überläßt. In einer Landschaft kann man beispielsweise menschliche Körper erahnen, mystische Symbole hervorheben. Bäume kön-nen zu Gestalten oder Tänzerinnen transformiert werden, Wege können verlängert, Verwirrendes kann weggelassen, oder Fehlendes dazukomponiert werden. Städte können zu kubistischen Skulpturen, Farben können übersteigert oder verfremdet werden, Perspektive kann übertrieben oder negiert werden. Jeder sieht die Welt anders. Deshalb gibt es unzählige Möglichkeiten der Unverwechselbarkeit des eigenen Malstils. Das Ziel ist es, die Natur zu seinen Gunsten zu verändern. Oft werde ich gefragt, was ich beim Malen denke. Anfangs habe ich das Motiv und seine Interpretationsmöglichkeit im Sinn, doch ab einem bestimmten Zeitpunkt sind meine Gedanken ganz woanders als beim Malen oder der Umgebung. Fast so wie vor dem Einschlafen gleiten meine Gedanken von einem Thema zum anderen. Ich bin dann in irgendeiner Art weggetreten. Loslassen, »es malen zu lassen«, das ist die eigene Handschrift.

Der richtige Arbeitsrhythmus. Viele Kursteilnehmer malen im-mer wieder schöne Details, aber als Ganzes zerfällt ihr Bild sehr oft. Ein gutes Bild muß in sich stimmig sein und die Polarität des Daseins konzentriert widerspiegeln. Dieses zu erreichen, ist Talent und bedarf keineswegs einer wissenschaftlichen oder einer anderen Ausbildung. Es ist vielmehr der ganz eigene Arbeitsrhythmus und Vorgang, den man finden sollte, um sich ohne Krampf und Muß, sondern mit Freude und Begeisterung auf die Arbeit konzentrieren zu können. Der eine braucht Ruhe, der andere sucht die Ablen-kung, zum Beispiel durch Musik, Geräuschkulisse oder gar das gezielte Gespräch mit anderen.

Jacques Offenbach konnte nur komponieren, wenn um ihn herum viel Betrieb war. So sagte er einmal: »Was ist los, warum ist es still, ich kann nicht komponieren, wenn es still ist.« Margret Bilger hingegen meint: »Ich brauche die Einsamkeit wie einen Bissen Brot. Ich bin in Klausur.«

Jeder sollte wissen, was ihm gut tut, was er braucht, um in der rich-tigen Umgebung kreativ zu sein. Auch der Rhythmus des Ma-lens ist individuell verschieden.

Das Aquarell bietet verschiedene Möglichkeiten: die spontane »à la prima-Malerei«, die aus einem schnellen und intensiven Arbeiten besteht. Dies ist vor allem für das Aquarell eine geeignete Technik, denn die Farbe ist wertvoll, solange sie noch naß ist. Einmal eingetrocknet, gibt es keine Kor-rektur mehr. Es wird Schnelligkeit und Mut gefordert. Die andere Technik besteht aus mehreren Arbeitschritten – die sogenannte Schich-ten-malerei. Ich bevorzuge diese Arbeitsweise, weil ich im-mer wieder Abstand vom bisher Geschaffenen brauche. Das Weg-gehen vom Arbeitsplatz, sei es in der Natur oder im Atelier, ist für mich ein ganz wichtiger Teil meiner Art zu malen. Dadurch verliere ich die Befangenheit und kann neue Wege und Wendungen im Prozeß erkennen. Eine weitere Steigerung wäre es, den Be-obach-tungs- und Inspirationsvorgang in der Natur mit einer skizzenartigen Anlage abzuschließen und den kreativen Prozeß erst daheim zu beginnen, ohne unbewußt dem Motiv oder der Stimmung entsprechen zu müssen. Denn dem Bild ist erst dann eine Seele eingehaucht, wenn es mehrere Stimmungen hat. Also nicht nur die Abend- oder Morgenstimmung, sondern beides oder mehr, Dualis-mus, der in jedem Kunstwerk vorherrschen sollte.

Abschließend ist zu sagen, daß man die eigene Handschrift nicht lernen kann. Es ist eine Gabe, eine dauernde Gratwanderung zwischen Gegensätzen, die uns in der Kunst immer wieder begegnen. Dualismus ist nicht nur in guten Bildern spürbar, auch in uns selber. Es ist eine Kunst, damit richtig umzugehen, von beiden sich widersprechenden Seiten das Richtige im richtigen Moment zu nützen, also Bescheidenheit, Selbstvertrauen, Kritikfähigkeit, Selbst-bewußtsein, Mut, Zurückhaltung, Schnelligkeit, Besonnen-heit, Beeinflussung, Selbsterkenntnis, Intensität, Gelassenheit, Arbeitseifer, schöpferische Pausen und vieles mehr. Gerade als Maler hat man mit diesen Widersprüchen zu leben und zu kämpfen, um kreativ zu bleiben. Wenn man keine Angst hat, in der Herde das schwarze Schaf zu sein, kann man beginnen, daran zu arbeiten. Vieles geht und entwickelt sich von selbst.

Warum ich Malkurse abhalte. Oft werde ich gefragt, warum ich das Anliegen habe, Malkurse abzuhalten und so mein Wissen und meine Erfahrung offen preiszugeben. Ziehe ich mir nicht meine eigene Konkurrenz heran und verliere viel Kraft für die eigene Entwicklung?

Es ist mir bewußt, daß Malen – so wie ich es erlebe – ein Geschenk ist. Es ist etwas Besonderes, es läßt sich nicht festhalten, es muß sensibel behandelt und gepflegt werden. Dazu gehören auch die Verpflichtung und das Bedürfnis, innere Erlebnisse und Erfahrun-gen weiterzugeben.

Etwas geben zu können, ist auch ein Glücksgefühl. Wer es in dieser sensiblen Sparte nicht gerne täte und mit dem Herzen nicht dabei wäre, hätte keinen Zulauf beziehungsweise Erfolg.

Meine Art, Kurse zu leiten, unterscheidet sich von anderen, denn ich lege keinen Wert auf eine akademische Arbeitsweise, das heißt, sich auf technische Übungen oder Fertigkeiten zu konzentrieren. Viel wichtiger ist es mir, in inspirierender Umgebung kreativ zu sein, über die Arbeiten zu diskutieren, mit Kritik richtig umzugehen, sich Anregungen bei anderen zu holen. Ich versuche das in jedem schlummernde Maltalent hervorzuholen und darauf einzugehen. Dazu muß ich mich in die "Malseele" eines jeden einzelnenhineinversetzen.

Es ist nicht einfach und benötigt viel Energie. Ich tue es gern, denn auch ich habe als Autodidakt angefangen. Ich weiß, welchen Gefahren, Skrupeln, Leiden und Irrwegen jeder ausgesetzt ist. Dazu kommen Bedenken, Selbstzerwürfnisse, Unwissenheit, fehlende Selbsteinschätzung, möglicher Stillstand und anderes. Gerade deshalb, weil auch ich in meiner Entwicklung »Fehler« gemacht habe, kann ich darüber reden und helfend eingreifen.

Durch die innerliche Haltung passiert das meiste, was den malerischen Fortschritt anbelangt. Würde man sich zu sehr auf maltechnische Probleme konzentrieren, gäbe es keine Individualität, nur ähnliche Maler. Solche Diskussionsgrundlagen und Einstellungen sind mir wichtig. Ich gehe immer wieder darauf ein.

Nach Besprechung des Motivs beginne ich zu malen. Ich tue es nicht in Form einer Demonstration oder Anleitung, sondern so, als wäre ich allein. Das kann den einen oder anderen verwirren und der Vorstellung eines Malkurses widersprechen. Doch genau das ist meine Philosophie: sich über die Schulter schauen zu lassen, zu sehen und zu spüren, wie ich mich abmühe, experimentiere, neue Ideen suche, manchmal scheitere und manchmal das Geschenk eines gelungenen Bildes erhalte. Es soll vermitteln, daß das Malen keiner technischen Trickkiste bedarf, daß auch ich nur mit Wasser koche.

Es kann gefährlich sein, als Leiter des Malkurses mit den Schülern zu malen, da manche versuchen, meine Malweise nachzuahmen. Man vergißt dabei auf seine Stärken und wird zum Kopieren verleitet. Es ist mir bewusß. Meine Bilder jedoch könnte ich nicht wiederholen, denn ich male nicht nach einem Schema. Jedes Bild fange ich anders an. Immer entwickelt sich etwas anderes, und jedesmal bin ich überrascht, was passiert.

Meine Gedanken auszudrücken, ist für mich inspirierend und herausfordernd, das heißt, mit Gleichgesinnten über Malerei zu diskutieren. Es ist etwas Nehmendes und Lernfähiges. Ich profitiere sehr viel und versuche es weiterzugeben.

Eine ganze Woche mit Gleichgesinnten in neuen, fremden Gegenden zu verbringen, ist spannend und dynamisch. Als Leiter versuche ich mich nicht abzuheben, sondern mich zu integrieren. Sicher liegt es an mir, Entscheidungen zu treffen und meine Meinung zu sagen, aber nicht in abgesonderter Funktion. Die Motive werden von mir bei einer vorher getätigten Reise sorgfältig ausgewählt, um eine reibungslose Woche zu garantieren. Malen hat mit Leben, mit Gefühlen, Menschlichkeit und Sehnsüchten zu tun. Es ist ein unheimlich spannender Prozeß, der mich immer wieder veranlaßt, auf das Abenteuer »Malkurs« einzugehen.