Malen, kreativ zu sein im weitesten Sinne, ist für mich eines der gröszlig;ten und wunderbar-sten Geheimnisse des Lebens. Wenn es gelingt, ist es ein unbeschreiblicher Glückszustand, ein schöpferischer Prozeszlig;, ein Eins -Sein mit der Natur, ein über- sich- Hinauswachsen. Jeder, der dieses Gefühl erlebt hat, wird süchtig danach, es wieder zu erleben. Es ist wie Emil Nolde sagt: "Ausflüge ins Traumhafte, ins Visionär, ins Phantastische stehen jenseits von Regeln und kühlem Wissen. Es sind freie, herrliche Gefilde und Gebiete voll Reiz und Schwarm in lichtem geistigen Erleben, wer nicht träumen und staunen kann, kommt nicht mit."
Nicht das Anstreben von Perfektion oder die Beherrschung der Technik ist das Ziel oder der Auslöser für den schöpferischen Prozeszlig;, sondern vielmehr das Gegenteil, nämlich die Gabe, sich vom eigenen Ego und Wissen loszusagen und in einen mit Spannung versetzten Zustand einzugehen, der alles zuläszlig;t, ohne jegliche Ratio und Erwartungshaltung. Im Moment des kreativen oder schöpferischen Prozesses hat es den Anschein, man fungierte nur mehr als Mittler oder Zuschauer. Der Pinsel malt von alleine, alles geht wie von selbst - man ist durchlässig geworden. Es ist, wie es Lao Tse definiert, ein Handeln durch Nichthandeln: höchste Aktivität bei höchster Entspannung. Trotz dieser scheinbaren Inaktivität ist man danach völlig erschöpft. Diese Erschöpfung resultiert aus dem unbewuszlig;ten Kraftaufwand des über-sich-hinaus-Wachsens, der völligen Loslösung von einem selbst. Darum ist echte, ehrlich durchlebte Kreativität aber auch so leidvoll. Es ist eine dauernde Gratwanderung zwischen zwei Welten. Damit ein gutes Bild entstehen kann, muszlig; der Maler die reale, menschlich verständliche Welt hinter sich lasssen, selbst wenn es auch nur für wenige Au-genblicke ist. Diese Fähigkeit des über-sich-hinaus-Wachsens ist einmal gröszlig;er oder leichter,ein anderes Mal ist jeder Kraftaufwand umsonst. Je länger und intensiver man malt, desto wahrscheinlicher ist es, daszlig; man diesen Zustand erreicht. Ist er einmal erreicht, ge-lingt einem fast alles. Es ist, wie Van Gogh sagte, "man darf sich nicht schonen, wenn es darauf ankommt".
Oft werde ich gefragt, wie dieser oder jener Effekt erzeugt wird bzw. warum ich gerade diese Farbe gewählt habe oder wie lange ich für ein Bild brauche. Ich kann diese Fragen einfach nicht ausreichend beantworten. Wenn ein gutes Bild entstanden ist, kann ich es auch nicht mehr nachvollziehen, es ist wie ein Geschenk, es ist passiert. Als ich einmal mit einem Ma-lerfreund dabei war, meine Bilder für eine Ausstellung aufzuhängen, hatte ich die Möglich-keit meine Bilder von nächster Nähe wiedereinmal genau zu betrachten. Ich sagte dabei ein-mal ganz spontan: "Wer hat das gemalt ?". Mein Kollege antwortete: "Es war ein anderer". Wenn es gelingt, kann man nichts dafür, wenn es nicht gelingt, kann man was dafür. Kreati-vität heiszlig;t demnach auch, nicht erklären zu müssen, warum. Natürlich ist dieser anzustre-bende Zustand erst möglich mit dem nötigen technischen Rüstzeug, das man sich im Laufe der Zeit durch Einflüsse, Studium und Selbsterfahrungen automatisch aneignet. (Malen lernt man nur durch Malen) Es gibt aber im Zen eine Geschichte, die beschreibt, wie man ein gu-ter Maler wird."Lerne erst 12 Jahre die Technik, mache dann 12 Jahre gar nichts und fange dann erst mit dem Malen an." Die Technik oder das sogenannte Können soll also in den Hintergrund treten, um der Kreativität nicht im Wege zu stehen. Freiheit ist viel wichtiger, Freiheit von Wissen, Können und Denken. Kreativität heiszlig;t, Neues zu versuchen, Risiken eingehen, zu überraschen und sich nicht darauf zu konzentrieren, alles richtig zu machen (Ein gutes Bild muszlig; Fehler haben). Gute Bilder erkennt man daher meiner Meinung nicht so sehr daran, daszlig; sie gekonnt gemacht sind, sondern vielmehr daran, daszlig; sie beim Betrachter eine Seelenvibration auslösen, die den losgelösten Zustand der Kreativität illustriert aber nicht erklären kann. Bilder die nur auf Können basieren sind leer und ohne Ausdruck. Malen fängt erst nach dem Können an.
Paul Cezanne: "Wenn ich beim malen denke, ist alles verloren."
Bei jedem kann die bereits verschüttete, aber noch latent vorhandene Kreativität wieder-kommen, man muszlig; nur alles ablegen, was man gelernt hat, sich frei machen, loslösen, spie-lerisch und mit Forscherdrang auf der Suche nach Neuem ein Ziel anstreben. Das Ziel ist das Spiel, die Freude, nicht das sich selbst etwas beweisen wollen.
Es ist meiner Meinung nach daher auch eine bestimmte Geisteshaltung, die die Basis für al-les Kreative darstellt. Ob am Anfang oder später, es bleibt immer ein Suchen. Es gibt kein Ende, und somit kann auch der Anfänger- oder gerade der- von Beginn an "kreativ" sein. Kreativität alleine macht jedoch noch kein gutes Bild aus. Jeder Anfänger macht diese schmerzliche Erfahrung. Erst mit der Zeit und mit Talent schafft man es immer öfter, diese erstrebenswerte Symbiose einzuleiten. Am Anfang ist noch das Studium der Technik und die Beeinflussung von Vorbildern oder Lehrern sichtbar, doch je intensiver man sich mit der Malerei beschäftigt desto mehr kann man seine eigene Handschrift entwickeln. Diese zu fin-den ist gleichzusetzen mit dem Finden des schöpferischen Prozesses. Ich kann mich an das erste Druchleben dieses Moments noch sehr gut erinnern. Es war nach einer langen Malreise - weniger zufrieden mit den Ergebnissen, machte ich mich daran, noch aufgeladen mit Ein-drücken von der Reise im Atelier, umzusetzen und weiterzuverarbeiten. Es passierte auf einmal etwas Unglaubliches. Ich konnte wie in Trance dem Pinsel zuschauen, wie er ganz selbständig, ganz weich und unverkrampft, gleichsam losgelassen und selbständig geworden, seine Bahnen zog. Zunächst glaubte ich an nichts Besonderes, auch deswegen, weil alles so leicht und einfach ging, eben wie von selbst, und schenkte dem Bild keine weitere Beachtung. Erst am nächsten Tag sah ich, daszlig; mir ein aufregendes Bild, mit völlig neuem Aufbau und Duktus gelungen ist. Man kann ähnliches auch in vielen anderen Lebenssituationen erfahren: wenn man losläszlig;t und frei vom Ego und von Manipulationen agiert, kommt man mitunter zu sensationellen Ergebnissen. übertrieben formuliert heiszlig;t das: Wenn es gelingt, kann man nichts dafür, wenn man scheitert, kann man was dafür. Nun gibt es natürlich kein Rezept, sich diesen Zustand anzueignen. Es ist vielmehr ein In- sich- Hineinschauen, seine kreati-ven, und vielleicht noch viel wichtiger, seine nicht kreativenPhasen zu erkennen, sensibel zu werden.
Der Könner mit viel Erfahrung läuft jedoch mitunter Gefahr, sich selbst zu kopieren, d.h. er verläszlig;t sich zu sehr auf Erprobtes, auf sein Können. Als "erfahrener" Maler muszlig; man im-mer so fühlen wie ein unbefangener Anfänger, also neugierig, süchtig, begeirig sein, nicht wissend was passiert. Wissen und Erfahrung können groszlig;e Gegner der Kreativität sein. Neue Impulse wie z.B. ein neuer Zyklus, andere Trägermaterialien, eine neue Palette, neue Bild-ausschnitte, neue Bekanntschaften mit Malerkollegen, wie auch schöpferische Pausen können einen Neuanfang beschleunigen und Wunder bewirken. Für mich sind sind es vor allem auch Reisen. Andere Länder, Städte und Landschaften inspirieren mich immer wieder aufs neue und sind somit der Auslöser, um neu beginnen zu können. Ich denke hier im besonderen an eine Reise nach Venedig - es war im Jahre 1988 - die einen so wertvollen und schöpferi-schen Prozeszlig; in mir ausgelöst hat. Dieser Erfahrungswert auf höchster Gefefühlsebene dient für mich stets als Gradmesser für die richtige Einstellung zur Malerei. Aber auch andere Techniken zwischendurch, wie für mich die Radierung, die Zeichnung oder der vor kurzem entstandene Collagezyklus New York bieten neue Herausforderungen und Ideen.
Der wichtigste Vorsatz beim Aquarallerieren ist die Verfremdung, die Phantasie. Es ist das Sehen mit dem 3. Auge, das weit über das nur Gesehene hinausgeht. So können Bäume zu Tän-zerinnen werden, Berge zu Lebewesen, ein Haus zu einer bedrohlichen Fläche, in einer Landschaft Gesichter und Gestalten entstehen. Aus der objektiven Wirklichkeit eine ganz neue Welt zu schaffen ist die Aufgabe der Kreativität, zu überraschen, beim Betrachter Staunen und Sehnsüchte auszulösen. Das reine Abbild ist leer und hat vielleicht nur mit Können zu tun.
Vincent van Gogh "Dieses Hinter-die-Kulissen-sehen ist, glaube ich, gerade die Eigenschaft, die man haben muszlig;, um zu malen."