CITIES 2006

Bernhard Vogel, März 2006

Unter freiem Himmel zu malen ist etwas Traditionelles und deshalb eher in Vergessenheit geraten. Für meine Kreativität als Aquarellist ist es jedoch etwas sehr Förderliches. Besonders in der Natur bei Wind und Wetter entsteht ein intensiver Dialog mit dem Motiv, der hohen geistigen und körperlichen Aufwand erfordert. Ich glaube, dass man für eine kreative Entwicklung viel investieren muss und es sich nicht zu leicht machen darf. Im Zeitalter der Computertechnologie und einem großen Angebot an Vervielfältigungsmöglichkeiten wird es immer einfacher, schnelle und dekorative Ergebnisse zu schaffen, denen es aber an Tiefe und Kraft fehlt. Das Malen vor dem Motiv in freier Natur kann zu Höchstleistungen führen. Nicht die Sicherheit und das Gewohnte ist die Grundlage der Kreativität, sondern das über sich Hinauswachsen, das Abheben und das Verlassen von egozentrischen Gefilden.

Dieses „über sich Hinauswachsen“ wird noch gesteigert, wenn ich mitten in einer Metropole, umgeben von Verkehrsgewühl, Menschenmassen, Getöse und Benzindämpfen zu malen beginne. Das Urbane mit all seinen Nebenerscheinungen scheint mich immer wieder zu inspirieren und anzuspornen. Oft ist es nur eine Städtereise, die mir wieder Energie für einen neuen Zyklus gibt. Zur Zeit beschäftigt mich meine Heimatstadt Salzburg, weil sie, besonders im März, von den Stadtbergen faszinierende Blickwinkel durch die noch unbelaubten Bäume bietet. Dabei erinnert mich eine Stadtansicht immer wieder an meine erste große Leidenschaft, das Sammeln von Kristallstufen. Die Anordnung von großen und kleinen Kristallen auf Muttergestein vereint, hat für mich immer einen besonders ästhetischen Reiz ausgeübt. Eine Stadt mit ihren vielen geometrischen Flächen, die von großen Türmen oder Kathedralen eine kompositionelle Ordnung und Spannung bekommen, ist sehr ähnlich und begeistert mich deshalb immer wieder aufs Neue.

Je komplexer ein Motiv ist, um so mehr kommt der Rhythmus des Weglassens und Dazugebens in Schwung, der den kreativen Prozess erst einleitet. Gerade bei Städtebildern ist das Weglassen eine besondere Herausforderung, aber auch Bedingung. Nicht das Abbild ist wichtig, sondern die eigentümliche und persönliche Umformung der Komposition. Dabei achte ich auch für mich wichtige Kriterien wie Stimmung, Tiefe, Licht, Spannung, Klarheit und Ästhetik. Die Stimmung muss nicht der gerade erlebten entsprechen, sondern soll sich aus dem Bild heraus entwickeln. Ein Bild habe ich zwar am Anfang im Kopf, um mich ungefähr zu orientieren, es kann aber eine völlig andere Wendung bekommen. Richtig gute Ergebnisse sind meistens Überraschungen. Ein weiterer Kraftaufwand geistiger Natur ist die Wahl des Motivs und die Entscheidung zu einer Komposition. Nicht der einfache, sofort sichtbare realistische Ausschnitt ist die Aufgabe, sondern ein Wagnis in Form von Fantasie. Dies bedarf aber ebenfalls einer großen Überwindung.

Es ist eine sehr große Herausforderung, Städtepanoramen mit den tausend Dächern, Fenstern, Straßen und Autos zu malen. Immer wieder zerstöre ich die ganze Komposition, um sie danach wieder aufzubauen. Dies kann auch aus Verzweiflung oder Wut passieren. Wenn die Aquarelltechnik von akademischen Transparenzregeln zu Gunsten expressiver Malerei tendieren soll, ist das auch notwendig. Nicht die Konservierung von schönen, und durch Zufall passierten Details ist das Ziel, sondern die Gesamtstimmung. Die Zerstörung bedeutet ja nicht Eliminierung, sondern das Entstehen von malerischen Strukturen, aus denen neue Ideen entstehen können. Es ist wie bei Ölbildern, nicht die oberste Schicht ist die wichtigste, sondern die darunter liegenden, scheinbar zugedeckten vielen Pinselspuren lassen eine eigenartige und nicht wiederholbare malerische Grundstimmung entstehen. Als Leiter vieler Malkurse in Städten ist eines der wichtigsten Resümers: Mut wird immer belohnt ! Mut bedeutet auch zu sich selbst zu stehen und Fehler nicht zu bereuen. Alles ist erlaubt, nur keine langweiligen Bilder!

Ob bei Hitze, Gegenlicht, Wind, Staub oder Regen, Gewitter, Schnee oder gar Gefrieren, es ist immer ein Kampf mit der Natur und mit einem selbst. Die Blätter kommen oft völlig verwaschen, gesprenkelt, verbogen oder gar durchlöchert nach Hause ins Atelier, wo dann der interessante Prozess der Nacharbeitung beginnt. Es ist der zweite Neuanfang, der vom Bild selbst ausgeht und nicht mehr vom Motiv. Völlig unbefangen und manchmal erst nach Tagen beginnt eine künstlerische Entscheidungsfindung. Ich habe aber manchmal trotzdem das Gefühl, immer noch vor dem Motiv zu stehen und zu fühlen, was sich eigentlich da abgespielt hat. So intensiv prägt sich ein Malprozess vor der Natur ein. Natürlich gelingen nicht immer alle Bilder, im Gegenteil, ich würde sagen, eins von zehn ist wirklich herausragend. Die anderen bedürfen oft langer und immer wiederkehrenden Nachbearbeitungen und Auswaschungen, bis sie für mich fertig sind.

Das Buch enthält eine Auswahl von großen und kleinen Städten, entstanden in den letzten 5 Jahren. Bewusst wurden verschiedene Städte gegenübergestellt, um die verschiedenen Charakteristika und Stimmungen zu verdeutlichen. Ein Buch ist für mich ein letzter Versuch, den Abschied meiner Bilder zu ermöglichen und leichter zu machen.