Blumenstilleben

Bernhard Vogel 1999

Die Thematik Blumen und Stilleben ist etwas ganz anderes als Städte oder Landschaftsbilder. Mich reizen vor allem die Symbolik, die Farben und das Formenspiel, welche Blumenstilleben ausstrahlen. Blumen haben mit Gefühlen zu tun. Ihre Farben sind Seelenstimmungen, haben etwas Schnellebiges, symbolisieren das Dasein in geraffter Form. Ein Blumenstrauszlig; in voller Blüte vermittelt den Höhepunkt des Lebens, erinnert an Liebe, Erotik und Energie. Aber auch verwelkte Blumen können etwas Faszinierendes sein, man denkt an Vergänglichkeit, Melancholie, Tod oder Rückblick auf ein intensives Leben. Von der ungeöffneten Knospe bis zum verwelkten Blatt kann der ganze Dualismus eines Lebens sichtbar werden. Die eigene Phantasie wird angeregt, die Sehnsucht nach dem Transzendenten, nach dem Traumhaften, man beginnt zu träumen. Blumen können etwas ausdrücken, was mit Worten nicht oder kaum möglich ist. Nicht von ungefähr entstand der Begriff von der Blumensprache. Die Verbindung von Poesie und Blumen ist von vornherein gegeben. Blumen sind etwas Vollkommenes.

Viele bekannte Künstler haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihre Arbeiten sind ein Vorbild, es immer wieder selbst zu versuchen.

Für mich geht es bei Blumen vorrangig um die Aktivierung der eigenen Phantasie, die Hinführung zu Abstrahierung und Reduktion. Nicht das Abbild ist das Ziel, sondern die Bewältigung der vielen Formen hin zu einer spannenden, ausdrucksstarken Einheit. Oftmals sieht das Ergebnis völlig anders aus als das Blumenstilleben vor mir. Das verstärkt das Loslassen und Zulassen von etwas völlig Neuem, und gerade das ist auch für Landschaftsmalerei förderlich die völlige Verfremdung. Nicht das dekorative oder korrekte Abbild ist Kunst, sondern die verbildlichte Seelenlandschaft.

Blumen zu malen, kommt der Aquarelltechnik sehr zugute, da es bei dieser Technik viele Zufälle und Farbverflieszlig;ungen gibt, die neue Ideen fördern und dem Bild überraschende Wendungen einverleiben. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und es entsteht immer wieder etwas überraschend Neues. Farbübergänge werden zu Metamorphosen.

Bei der Landschafts und Städtemalerei sind Perspektive, Topographie, Gröszlig;enverhältnisse und Tiefe wichtig, die bei Blumenstilleben im wesentlichen wegfallen. Dadurch ist es leichter und freier, mit Farben und Flächen umzugehen. Abstraktes Arbeiten wird möglich, ohne an Spannung oder Aussage einzubüszlig;en. Die Gefahr besteht aber, in Chaos und Dekoration abzugleiten.

Nichts ist schlimmer, als wenn man vorher jeden Pinselstrich im Kopf hat, um das Bild zu konstruieren. Es wird keine Freiheit zugelassen, es bleiben vorrangig nur Blumen über und nicht das Dahinter: ein kopflastiges Ergebnis. Man soll vielmehr das Gefühl haben, ein eigenes Bild nie mehr wiederholen zu können. Ein gelungenes Ergebnis ist wirklich einzigartig.

Sehr oft werde ich gefragt, warum ich nur Städte und Landschaften male und nicht Menschen. Mir geht es nicht um das Thema, sondern um den seelischen Prozeszlig;, der sich beim Malen abspielt. Es ist für mich nicht das Was wichtig, sondern das Wie. Letztendlich ist jedes Bild, egal welches Thema, ein Selbstporträt. Städte und Landschaften können für mich als Maler und Mensch ein sich Zurückziehen bedeuten, die Sehnsucht nach Einsamkeit und Klausur. Gerade als Maler hat man die Chance, sich ganz zurückziehen zu können.

"Was letztlich überbleibt, ist die Ästethik."

Dostojewski