Blumen im Licht

Bernhard Vogel 2001

Blumen sind ein klassisches Motiv. Viele Maler haben Blumenstillleben in unterschiedlichster Form und Technik interpretiert und umgesetzt. Für mich sind Blumen in ihrer Ästethik, Farbenpracht, Aussagekraft, Formenvielfalt und Symbolik ein unerschöpfliches Thema. Besonders als Aquarelllist kann man diese Gedanken und Empfindungen spontan umsetzen.

Blumen sind Stellvertreter des gesamten Lebens, der perfekten Natur. Es sind nicht nur Blüten und Blätter, sondern abstrakte Gebilde, die in ihren unterschiedlichsten Arten an alle Lebensbereiche und Formen erinnern.

Wenn man einen Strauß in einer Vase vor sich hat und sich damit malerisch auseinandersetzt, wird einem der Ablauf, die Gesetzmäßigkeit und die Gegensätzlichkeit des Lebens vor Augen geführt. Verwelkte Blüten, noch nicht geöffnete Knospen, eingedrehte Blätter, kraftvolle alles überstrahlende Blüten und hängende Köpfe erinnern an ein ganzes Leben. Es ist, keine statische Tätigkeit, Blumen zu malen, es entsteht etwas Lebendiges, sich Entwickelndes, das den Malprozess fortwährend beeinflusst.

Wie setze ich ein Blumenstilleben um ?

Es beginnt mit der Auswahl der Blumen, der Zusammenstellung des Buketts und der Form der Vase. Ich drehe die Vase und richte die Blüten, bis ich das Gefühl habe, beginnen zu wollen. Dann beobachte ich das Motiv und lasse mich inspirieren wie vor einer Landschaft. Ich filtere die wichtigsten Farben heraus, die ich meistens aus Tuben auf einer Palette vorbereite. Die nächsten Gedanken gelten der Komposition: wo ich verdichten will, welche Blüten ich weglasse, welche Bewegungen und Richtungsänderungen das Bild bekommen soll oder welche Teile des Straußes von den Bildkanten abgeschnitten werden. Diese und andere Einstimmungsverfahren sind notwendig, bevor ich den ersten Pinselstrich setze.

Die erste Phase eines Bildes ist die wichtigste. Sie wird durch die Transparenz der aquarellistischen Technik und darüber gelegte Schichten bestimmt. Ein langes Studium und Beobachten bewirken eine Art Einssein mit dem Motiv. Sie verstärken die spontane Umsetzung der ersten Farbaufträge. Der erste Pinselstrich ist der wichtigste. Er muss frei und ungehemmt von der Hand gehen. Unterschiedliche Farben sollen sich im nassen Zustand verbinden: Scheinbar Zufälliges, Unvorhergesehenes, Farbexplosionen und das Entstehen neuer Formen. Ich male auswendig und lasse es zu. Das Motiv schaue ich in dieser Phase nicht mehr an, um dem ungehemmten Malduktus Vorrang zu geben. Viel Wasser und Farbe fördern intuitives Malen. Anschließend nehme ich Abstand vom bisher Geschehenen. Ein wichtiges technisches Ausdrucksmittel im Aquarell ist es, den Farben Ruhe zu geben, bis sie getrocknet sind. So kann Neues entstehen, das man mit Pinselstrichen nicht erreichen kann. Je mehr man im Aquarell noch nicht getrocknete Pinselstriche und Farbflächen korrigiert und weiterbehandelt, umso dumpfer und schmutziger werden die Farben. Es heißt, es gibt keine Korrektur im Aquarell.

Die nächste Malphase beginnt. Ich versuche, neue Botschaften oder malerische Richtungsweiser aus, dem bereits Entstandenen herauszufiltrieren. Das Motiv ist nun wieder wichtig geworden. Ich versuche, mit weiteren Malschichten zu verstärken, zu verdichten, Formen zu konkretisieren und auszusparen. Dabei entsteht ein Malrhythmus, der zwischen genauen und kontrollierten Pinselstrichen und spontanen, schnell und intuitiv hingelegten Farbschichten wechselt. Ich wasche partielle Teile des Blattes aus und versuche, einzelne Partien zu verstärken. Das Wechselspiel von Gegensätzen habe ich dabei immer vor Augen: Weiche malerische Stellen im zu harten kontrastreichen Verdichtungen, realistische Formen zu nur angedeuteten, farbenreiche Knalleffekte zu Ton- in- Ton- Partien, lebendige Strukturen zu ruhigen Flächen. Es geht hier nicht mehr um vordergründige Blumen, Blüten, Blätter oder Vasen, sondern um den malerischen Dualismus, der für ein gutes Bild entscheidend ist.

Wenn mir eine Trocknungsphase wichtig scheint und mir nichts mehr einfällt, lasse ich das Blatt trocknen. Pausen sind notwendig, um später das Blatt unbefangen betrachten zu können.

Die Erfahrung zeigt auch, dass in den ersten Phasen scheinbar nicht Gelungenes die wirklich interessanten und überraschenden Partien im Bild sein können. Es geht auch darum, nicht vorschnell zu urteilen zugunsten eines freien und nicht zu sehr vom Kopf beeinflussten Malablaufs.

Wenn ich nach mehreren Pausen wieder zu malen beginne, ist die Orientierung am Motiv nicht mehr nötig. Ich schaue fast gar nicht mehr hin, außer wenn ich Ideen für einzelne Bildausschnitte brauche. Das Bild hat mittlerweile an Eigendynamik gewonnen; es betrifft das Motiv und ist zum eigentlichen Ideenträger geworden. Es ist die wichtigste und kreativste Phase, wo die eigene Handschrift zur Geltung kommt. Ich male wie von selbst. Wie eine Kettenreaktion entsteht ein Pinselstrich nach dem anderen. Daraus entwickeln sich Verdichtungen, geheimnisvolle Welten, eigene Strukturen entstehen. Auch Kreiden und wasservermalbare Buntstifte nehme ich gern zur Hand.

In dieser entscheidenden Malphase wird das Glück des Kreativen bewusst. Alles geht von selbst. Gefühle werden ausgeschüttet und manchmal bin ich erstaunt, was passiert ist. Wenn man diese Phase wiederholen kann, wenn es Kalkül ist oder eine spezielle Technik, die man abrufen kann, fehlt das Kreative, das Geheimnisvolle. Blumen sollen nie nur Blumen sein, sondern daran erinnern, dass sie eine geheimnisvolle Fantasiewelt darstellen, die es nur einmal gibt.

„Das Schöne, das wir erfahren können, ist das Geheimnisvolle.“ (Albert Einstein)