Bergbilder II

Bernhard Vogel 2005

Mein drittes Buch über Berg- und Winterbilder ist eine Auswahl der letzten Malaufenthalte in hochalpinen Regionen, vorwiegend in Salzburg. Es ist eine intensive Beziehung und Sehnsucht zu diesen Landschaftsformen entstanden, die mich immer wieder zu neuen Malzyklen inspiriert.

1994 hat alles begonnen, in dem mein Freund Helmut Hierner aus Zell am See mir die Europasportregion und seine Höhepunkte zeigte. Ich sollte den Auftrag übernhemen, anlässlich der 25 Jahresfeier der Europasportregion ein Buch zu gestalten und eine Ausstellung zu ermöglichen. Meine anfängliche Skepsis war groß und ich wusste nicht, ob ich diesem Auftrag gerecht werden kann. Doch nach den ersten Maltagen in den Bergen verwandelte sich meine Unsicherheit sehr schnell in große Begeisterung und Drang zu malen. Ich nahm den Auftrag an und es begann eine sehr intensive kreative Zeit mit völlig neuen Herausforderungen.

Viele Aufenthalte folgten zu allen Jahrezeiten und Wetterbedingungen nicht nur allein, sondern auch in Form von internationalen Malseminaren, wo ich meine Begeisterung weitergeben konnte. Anlässlich einer Ausstellung in Zell am See wurde ein zweiter Katalog mit 20 Aquarellen gedruckt, um diese Zeit auch dokumentarisch festzuhalten.

Inzwischen sind wieder viele neue Bilder entstanden und obwohl es manchmal dieselben Motive sind, ist das Ergebnis im Stil, Ausschnitt und Ausdruck doch sehr anders. In den letzten 3 Jahren hatte ich besonders intensive und dramatische Malreisen erlebt, die viele Aquarelle entstehen ließen. Sie waren der Ausschlag, wieder ein Buch zu drucken.

Warum ist es für mich so anders in den Bergen zu malen? Ich ziehe es generell vor, meine Aquarelle vor Ort zu malen und dies auch bei den widrigsten Wetterbedingungen. Sämtliche abgebildeten Aquarelle in diesem Buch beinhalten auch diese Geschichte. Hier ist der Grund meiner Begeisterung und letztendlich auch des kreativen Potentials im Allgemeinen verborgen . Es ist der intensive Dialog mit der Natur, körperlich, geistig, visuell und gefühlsmäßig und in den Bergen viel dramatischer, unheimlicher, urwüchsiger, bedrohlicher und gewaltiger als bei lieblichen Landschaften. Wenn man bei minus 15 Grad versucht ein Aquarell zu beginnen und mit Alkohol malen muss, damit das Wasser nicht sofort friert, oder bei knapp unter 0 Grad zusehen kann wie eine Eiskristallstruktur Farbflächen wie von Geisterhand gestaltet, sind nur eine kleiner Teil vieler Grenzerlebnisse in den Alpen.

Ich glaube, es ist die Faszination der Naturgewalten, die eigene Überwindung, der Aufwand, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Ich vergleiche es mit Extremsportarten, die genauso mit Faszination behaftet sind. Nur beim Malen bleibt ein sichtbares Ergebnis zurück, das man analysieren kann. Sport und Kreativität hat für mich vieles gemeinsam. Nicht nur die Überwindung und hartes Training, sondern auch das psychologische Moment, das Loslassen und die Besinnung auf seine eigenen Stärken. Das Vergessen des eigenen Egos sind die Basis für den Erfolg in beiden scheinbar verschiedenen Tätigkeiten.

Ich leite seit über 20 Jahren Malseminare und bin zur Erkenntnis gekommen, dass jeder Mensch nur soviel lernen kann, wie in einem selbst verborgen ist. Es bedeutet einfach nur sich selbst zu entdecken, das heißt, auch seine eigenen Schwächen nicht nur zu akzeptieren, sondern in Stärken zu verwandeln. Das Geheimnis der eigenen Handschrift liegt in dieser Erkenntnis verborgen. Nicht das akademisch Richtige, Brave oder Überlieferte führen zum Erfolg, sondern das Neue, unbeholfene, Kindliche, Unschuldige und anfänglich noch Unterschätzte!

Übertriebenes Wissen, Theorie und Bildanalysen können zu kopflastig werden und ersticken jegliche persönliche Entfaltung. Freie Malerei allein führt zu einer persönlichen Handschrift, die für den Erfolg unerlässlich ist. Ich bin kein Gegner des Ateliers, der Wissenschaft und Theorien, die richtig eingesetzt auch motivierend und wichtig sein können, bin aber ein begeisteter Verfechter vom Malen vor Ort in der freien Natur, weil gerade der intensive und aufwendige Erarbeitungsprozess das eigene Ego, der größte Gegner der Kreativität, und damit auch vordergründiges Wissen ein wenig vergessen lässt.

Berge haben immer etwas Dramatisches und strahlen etwas Unheimliches aus. Ich glaube, dass man als Maler diese Mystik spürt und deshalb sofort intensiv umsetzen kann. Die Monumentalität der Berge und ihre Schatten lassen Lichtstimmungen entstehen, die großartig und gleichzeitig bedrohlich wirken. Das immer dämonisch wirkende Naturschauspiel lässt einem als Maler einen kalten Schauer spüren und man wird in die Kindheit zurückversetzt, in der Angst Lustempfinden auslösen kann.

Bei solchen Naturgewalten kommt große Bescheidenheit auf und vielleicht ist gerade diese Tugend eine der wichtigsten Grundlagen für reine Kreativität.