Jürgen Weihardt über Bernhard Vogel

anlässlich der Ausstellung "Jahreszeiten" in der Galerie Loy 2004

Nicht sehr häufig begegnen wir in Ausstellungen einem wirklich guten Aquarellisten, obwohl doch so unheimlich viele Autoren und Malerinnen mit dieser Technik vertraut sind. Von ihnen bekommen wir zwar hübsche Bilder, aber eben keine Kunst zu sehen.

Zu Recht können Sie, meine Damen und Herren, fragen, was macht die Arbeiten von Bernhard Vogel zu Kunst, worin sind sie anders als Tausende von Aquarellen zu ähnlich thematisierten Motiven?

Schauen wir genauer hin:

Nur dem Titel nach lassen sich die Motive in den Aquarellen Bernhard Vogels mit jenen der Erinnerungs-Aquarellistik reisender Laien in Beziehung setzen. Einzelne Höhepunkte der europäischen Stadtkultur wie Münchens Feldherrnhalle, Venedigs Canales, der Dom in Berlin kann jeder, der mit einem Aquarellkasten bewaffnet ist und sich neugierigen Zuschauern nicht verweigert, abmalen.

Doch eben hierin liegt bereits der gravierende Unterschied: Bernhard Vogel malt nicht ab. Nach langer Meditation zur Auswahl des Motives, zu dem auch das Einbeziehen des Umraums gehört, überträgt er das Motiv nicht einfach auf Papier, sondern er erfindet es in seinem eigens gewählten Ausschnitt und seinen Farben neu.

Wichtiges Werkzeug im Prozess der Erfindung sind die Farben. Dazu später mehr.

Aber dieses Erfinden ist ein langwieriger Prozess, der sich gewöhnlich angesichts des Motivs abspiel - mit anderen Worten, Bernhard Vogel malt vor dem Motiv, gewöhnlich nicht im Atelier, sondern pleinair, wie man im Osten zu sagen pflegt.

Und er malt nich drauflos, als könne das Motiv verloren gehen, sondern er meditiert angesichts von Landschaft, Stadtausschnitt oder Architektur. Er verinnerlicht, und dazu gehört auch das Nachvollziehen der möglichen Gedankengänge jener, die einst Plätze, Räume, Häuser errichtet hatten, so wie sich angesichts von Landschaftsausschnitten die Gedanken den Strukturen, den gewachsenen oder willkürlich in die Landschaftsoberflächen eingehauenen Brüche nähern. Ehe also der Pinsel ins Wasser und dann in eine Farbe getaucht wird, hat sich Bernhard Vogel die Motivik visuell und meditativ zu eigen gemacht.

Bernhard Vogel bevorzugt die Pleinair- Malerei, weil er Vorkommnisse und Geschehen, die er weder gewollt noch beeinflußt hat, an der Malerei teilhaben lassen will. Für ihn ist der Malvorgang ein komplexes Unternehmen, in das die Natur unmittelbar einbezogen wird. Im Freien malen, ist nicht nur eine körperliche Anstrengung, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den widrigen Umständen des Materials, seiner Empfindlichkeit gegenüber dem Wetter, das in einzelnen Aquarellen Vorgänge provoziert, die sich nicht mehr steuern lassen - wie Eisbildung oder Regentropfen, die auf die Bildfläche fallen können. Das Aquarell ist aufgrund seiner Abhängigkeit vom Wasser temperaturabhängig und in den feinen Spuren ost die Aquarellmalerei auch nicht mehr steuerbar. Die Wirkung ist nicht spektakulär, sondern nur für gute Augen sichtbar - feine kristalline Äderchen auf kleinen Flächen, die zum Zeitpunkt des Gefrierens gerade bewässert wurden.

Weil der Künstler im Angesicht der Motive gearbeitet hat, sind ihm die Titel mit Ortsangaben nicht unwichtig. Die Bildinhalte haben einen Wiedererkennungswert. Aber der Maler rückt das Gebäude oder den Wasserzug keineswegs in den Mittelpunkt seiner Komposition. Sie erscheinen mit ihrem Umfeld, mit anderen Architekturen, kurz sie stehen in einem umfänglichen Raum: Architekturen werden also nicht isoliert. Das Ensemble der Architektur wird mit dem Ambiente verbunden.Von der Feldherrnhalle sind nur anderthalb Bogen der arkadenhaften Front und zwei Statuen zu sehen, schattenhaft, während das seitlich davor liegende Gebäude im hellen Licht erstrahlt wie der ganze Straßenzug, der sich nach rechts im Licht verliert. Nur ein Detail begründet den Teil.

Und anders als moderne Romantiker beläßt Bernhard Vogel zuweilen die zeitgemäßen Accessoires der Straße, die Autos, durchaus im Bilde italienischer Stadtansichten. Ermöglichen sie ihm doch eine Strukturierung der Vordergrundfläche, auf der die Flächengliederung der Fassaden kraftvoll fortgesetzt wird.

Die Freiheit gegenüber dem Motiv, die sich Bernhard Vogel nimmt, ist die des Meisters, der sich sicher ist und der das Abmalen in kleinlicher Gradlinigkeit verabscheut als Erbsenzählerei gegenüber dem Erfindungsreichtum der Architekten wie des Künstlers.

Natürlich läßt sich solche Freiheit auch in den Landschaftsbildern nachvollziehen: Bei den winterlichen Landschaften wird nicht ein beliebiger Stall oder Baum, sondern der weite Raum bishin zu fernen Bergspitzen in seiner schneeweißen Verwandlung vorgestellt, ein Raum zudem, der gleichfalls identifizierbar ist wie die Architekturen. Seine leichte Staffelung von den Zaunpfählen im Vordergrund bis zu den schattigen Gebirgshängen mit dem Ort, niedrigeren Hügeln und einzelnen Hütten davor, macht Entfernung erkennbar - eine sichtbare Distanz, die man nur an Glückstagen im Gebirge antreffen kann, wenn es nicht regnet oder schneit, wenn kein Nebel aufsteigt, wenn kein Dunst von veränderlicher Witterung kündet.

Das Frostige - es ist ja ein Winterbild - läßt uns dennoch nicht frieren, weil zum einen das kalte Blau weich und milde erscheint, weil zum anderen warme Lichtspuren auftauchen, vielleicht als Licht im Ort, vielleicht als tauende Partie am Dorfrand, sicher aber auch im kaum wahrnehmbaren Rot der Elektrizitätsmasten. Wieder verzichtet Bernhard Vogel nicht auf die Gerätschaften des technischen Zeitalters Manche Rotspuren lassen sich aber auch nicht identifizieren, was wir nicht bedauern müssen, weil in der Umfassenheit des Bildes ohnehin nicht alles aufgeklärt werden kann und soll. Was also als weiterer Indiz für eine hohe künstlerische Qualität festhalten müssen, ist die Wahl des Landschaftsausschnitts als Raum für Spannungen, nicht zuletzt zwischen Autor und Realität.

Ein weiterer Aspekt ist der Umgang mit den Eigenheiten des Aquarells: Gemeinhin werden zwei Eigenschaften besonders geschätzt - das selbständige Verlaufen der Wasserfarben und die dadurch entstehende Mehrschichtigkeit der betroffenen Farben und zum anderen die Transparenz in der Bildfläche. Beide führen zu einer Autonomie der Farben gegenüber den Motiven, weil sich die Farben nicht an die Grenzen dargestellter Gegenstände, etwa der Architekturen, der Bäume, der Stege und Wege halten.

Hier die Balance gefunden zu haben, belegt das Fingerspitzengefühl des Künstlers Bernhard Vogel. Nur scheinbar formen sich die Farben zu den wesentlichen Architekturen, tatsächlich zeigt das Original an (deutlicher als die Reproduktionen in den Katalogen, was auf ihre Größe zurückzuführen ist), wie eigenständig und eigenwillig Farben durcheinander laufen können. Dabei entstehen Formen, deren Beziehung mit dem Ausgangsthema eben so wenig geklärt werden kann, wie zur realistischen Standort-Bestimmung.

Das ergibt in den Bernhard Vogels Aquarellen eine besondere Spannung zwischen der relativ genauen Ortsbeschreibung in Wort und Bild, und diesem weichen Fließen des Materials, der Farbe, die sich nicht an Häuser oder Wege binden lassen will. Noch relativ leicht ist es, beide Möglichkeiten, Realitätsmotiv und Autonomie der Farben, nebeneinander einzusetzen. Aber richtig spannend wird es, wenn sie über- und ineinander geraten.

In einem besonderen Maße spielt das Licht in den Aquarellen eine Rolle. Es wird in jedem Blatt herausgearbeitet. Meist ist es ein Licht, das von oben ins Blatt hineinfällt, natürlich das Sonnenlicht, aber zuweilen wird es auch als Reflexion dargestellt, wobei es keine neuen Quellen braucht, aber in Schreiben reflektiert und von hellen Flächen, die sonnentrunken sind, zurückgeworfen wird. Bernhard Vogel bindet das Licht, wie es den südlichen Gefilden Europas entspricht, an Gelbtöne, die sehr dünn und transparent auf die Bildfläche aufgetragen werden. Aber zuweilen können auch andere Farben als Lichtträger gesehen werden, dann wenn sie besonders, intensiv aus einer dunkleren Farbigkeit hervorstechen.

Der Licht zusammen mit den autonomen Farbschichten machen das Armosphärische aus, das die Aquarelle auszeichnet. Auch die Farbwahl trägt entscheidend dazu bei, dass der Betrachter das Gefühl hat, die Aquarelle seien in einem besonderen Augenblick gemalt worden, in dem das Licht Spiegelungen erlaubt, die Farben der Flächen sich durchsichtig machen, der Blick nicht auf Motive fällt, sondern in sie eindringt und nach den Geheimnissen sucht, die in ihnen und dahinter verborgen sein könnten. Ein Geheimnis läßt sich entdecken: Die Schönheit, die nicht nur in den Aquarellen selbst zu finden ist, sondern die von den Aquarellen in Landschaften und Architekturen aufgespürt wird. Zuweilen mag sich das Gefühl des Erhabenen einstellen, das Bernhard Vogel freilich immer mit dem Verweis auf die Erarbeitung eines Aquarells verbindet - erhaben ist nicht nur das Sujet, erhaben ist auch die Kraft des Künstlers.