MODERN ART GALLERY
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Art Profil Artikel 2001
Bekannt als begnadeter Aquarellist ist der Österreicher Bernhard Vogel vielen. Mit seinen Collagen erschließt er sich und uns eine neue Welt. In seinem Buch „ Aquarelle, Blumen, Landschaften und Städte“ (Callwey Verlag, 1999) beschreibt B. Vogel seinen Weg dahin.
Zurück von New York.
„Wieder in Salzburg, geschah etwas Sonderbares. Es wollte nicht gelingen, besser gesagt, ich fing gar nicht erst an mit dem Aquarellieren. Zuviel war in mir gespeichert. Mit der Technik des Aquarellierens konnte ich den Sog der Eindrücke nicht auffangen. Rastlos und unsicher wartete ich auf eine Idee, bis mir eines Nachts amerikanische Zeitungen und Zeitschriften auffielen, die zufällig im Atelier lagen. Spontan und ohne Kalkül begann ich Schriften und Zeitungsausschnitte auszuwählen, zuerst noch zurückhaltend auf Leinwand zu kleben und darüberzumalen. Es war der Beginn neuer malerischer Zyklen."
Was ist eine Collage?
Collage heißt im weitesten Sinne „kleben, zusammenkleben“ .Max Ernst und die Dadaisten haben nicht nur malerisch, sondern auch theoretisch den Weg dahin gewiesen. „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“ (M. Ernst)
Schauen wir uns die Collage-Bilder von Vogel an, so sehen wir kraftvolle Transformationen, die zunächst auf dem Prinzip der De-Collage beruhen: einer Sammlung, Fragmentarisierung von Materialien, die einem anderen, alltäglichen und in unserer Wahrnehmung fast „natürlichen“ Umfeld entstammen. Da sind: Ausschnitte aus Illustrierten, Werbetexte, Wellpappe, Stoffe, unterschiedlich dicke Papiere, Pappen, Fasern. Alle diese Materialien sind Träger von Botschaften gewesen, die in einen schlüssigen Zusammenhang gehörten. Herausgerissen, zerstückelt, aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, sind die Teile – fast sinn( en) – los, leer.
Der Künstler ist zunächst Archivar des Zufälligen. Dabei ist die Wirklichkeit in Bezug auf das Archiv sekundär, denn die ursprüngliche Syntax stimmt nicht mehr. Ganz anders für den Künstler: der Collage geht immer ein kreativer Akt der Zerstörung voraus. Der Künstler bestimmt, was selektiert wird, er spielt mit dem Verhältnis Exklusion – Inklusion. Für den Betrachter des Archivs sind es Buchstaben, Farben, Zeichen, Schnipsel, die ihr Signifikat eingebüßt haben. Für Vogel werden sie zur medialen Fläche, zum Träger neuer Botschaften. „Sie waren noch nicht in die Prosa der Welt gefallen. Die Prosa der Welt läßt sich nicht von der Poesie trennen“ ( Lefèbre) Poesie aber ist sinngebende schöpferische Gestaltung. Und der begegnen wir in den Stadtcollagen Bernhard Vogels.
Beschreibt er den Schritt zur Collage für sich als Grenzüberschreitung, so definiert er durchaus die Grenze. Die Stadt als „Metropole“ ist mit den Mitteln des Aquarells fast nicht mehr darstellbar. Denn was Wahrnehmung von Metropolen ausmacht ist Beschleunigung. Verkehrslenkung, Zentralisierung – Dezentralisierung sind dem Zwang zur Beschleunigung und der Verarbeitung von Massenströmen unterworfen. So wie der Verkehr möglichst um Zentren geleitet oder Stadtkerne als geschlossenes Bild wegen massiver Bebauung nicht mehr als Ganzes erfahrbar sind, so verschiebt sich auch der Blick auf die Stadt: Ihr „Bild“ ist nur noch aus der Ferne, als Skyline abzulesen. Für den Maler verschiebt sich die Perspektive: er muß seinen Blickwinkel auf das Detail lenken, oder aber in die Distanz, d.h. Totale gehen, in die Höhe oder in die Ferne.
Schon Walter Benjamin beschreibt nicht nur die Funktionsveränderung der Kunst seit der Erfindung der Photographie, sondern auch die Beschleunigung und Reduktion der Wahrnehmung, die dem Auge in der Abfolge von Bildern abverlangt wird. Was Benjamin für den Film beschreibt, gilt für die permanente Abfolge von Reizen in Großstädten gleichermaßen. So, wie die Industrieexpansion das Leben in der Stadt verändert hat, verändert Geschwindigkeit die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das Ensemble reduziert sich zum Detail/Monument/ Wahrzeichen und mutiert zum marginalen Zitat. Wichtiger wird die Verarbeitung der Bilderfluten, die heute Metropolen auszeichnen. (Time Square, Picadilly, Arc de Triomph, Potsdamer Platz)
Das Zusammenspiel von Gesetzmäßigkeit (Metropole) und Individualität einer Stadt wiederzugeben, hat B. Vogel in seinen Aquarellen begonnen, in seinen Collagen werden sie konsequent radikalisiert. In der Collage liegt weit eher die Möglichkeit, auf das malerisch - kontemplative Detail zugunsten von Rhythmik, Drive, Rush, Speed, Aggressivität und Lärm zu verzichten. Man könnte meinen, Vogel fügt in der Collage die Dimension Beschleunigung in seine Malerei ein. Was wie Bewegung aussieht, ist Bewegtwerden.
Anders als beim Aquarell taucht weit mehr für den Betrachter die Frage auf: Was ist das Bild? Ist das Bild – die Collage - Fenster oder Spiegel? Ist es In-Bild des Künstlers oder will es „noch“ Ab-bild sein? Denn auch der Malplatz verschiebt sich. Entsteht das Aquarell überwiegend vor Ort, wächst die Collage unbedingt aus dem Archiv/Atelier. Der Schritt vom Aquarell zur Collage ist der Schritt vom Papier zur Leinwand, ein medialer Wechsel, der Vogel die Bildsprache wie auch die malerische Perspektive erweitert. Es ist ebenso ein physischer Wechsel, der vom Sitzen vor dem Objekt (Aquarell – „Be-sitzen“) zur Bewegung im Atelier (Collage – „Auseinander-Setzung“).
Für seine Städtebilder hat er mit den Collagen einen konsequenten Schritt getan. Wunderten wir uns bei seinen Aquarellen über die Souveränität des Malers, so ist uns mit den Collagen der Raum der Werkspur, das Spiel von Nähe und Distanz, von laut und leise, von Witz und Verve, von Dekonstruktion und Konstruktion eröffnet.
Mit seinen deftigen Übermalungen zeigt Vogel uns beides: eine scheinbar alltägliche Oberfläche und ein Geheimnis. Es ist die Suche nach dem Bild unter dem Bild, unter der Oberfläche. Doch dort das „Eigentliche“ zu vermuten ist letztendlich die Subjektivität des Betrachters. Der Künstler komponiert die Oberfläche. Aber er weiß um die Irritation und Suche: er spielt mit dem Sichtbaren und der Vermutung. Der jeweils kräftige Farbduktus, der seine Metropolen- Bilder durchzieht, ist Reduktion auf das Wesentliche.
Darum ist Köln rot ! Und New York hat ein kräftiges Gelb, so wie die permanent fahrenden „Yellow Cabs“ eine Farbspur in den Straßenfluchten hinterlassen.
Vogels Collagen erinnern an dauerbelichtete fotographische Aufnahmen.
Bernhard Vogel, Jahrgang 1961, lebt in Salzburg.
Jantje Janßen