Buchtext Bernhard Vogel Radierungen/Etchings 1988-2002
Druckgrafik wird die anspruchsvollste Herausforderung an Hand, Auge und Hirn des Künstlers und des Kunstbetrachters bleiben. Auf diese Aura des "Speziellen" und "Elitären" wird stets gepocht, wenn es gilt, die scheinbar mangelnde Popularität alles Gedruckten etwa gegenüber der Malerei mit einem ideellen Mehrwert zu kompensieren. Liebhaber der Druckgrafik formieren sich zur Aristokratie des Kunstpublikums, das sich gleichsam mit den leisen Tönen der Differenzierung begnügt und insgeheim auf die lauten Vergnügungen der großen Malerei herunterblickt. Immer wieder wird der Vergleich des Druckgrafischen mit "Kammermusik" für ein kleines, auserlesenes Publikum bemüht, um den besonderen Anspruch von Holzschnitt, Stich, Radierung und Steindruck zu untermauern. Die oft geknüpfte assoziative Verbindung etwa zwischen einem Streichquartett und einem Print-Kunstwerk liegt nahe, führt aber völlig in die Irre. Druckkunst diente stets der Verbreitung von Bildideen. Der Adressat alles Gedruckten ist nicht der Einzelne, sondern die Masse. Und gerade in der imaginären Künstlerrede an ein kaum abschätzbares, anonymes Publikum unterschiedlichster soziologischer Schichtung und Bildung liegt die Faszination des Druckgrafischen. "Vermassung" der Kunst ist aber nicht gleichbedeutend mit Verflachung des Künstlerischen - ganz im Gegenteil. Druckwerke waren und sind weder billiger in der Ästhetik noch bescheidener in den Mitteln als ein Ölgemälde, das im Gegensatz zur "dürren Kammermusik" gern als volltönendes "Orchester" bezeichnet wird. Beliebte musikalisch-visuelle Vergleiche dieser Art führen zu Missverständnissen. Eines gilt für die Druckgrafik uneingeschränkt: Ihre Verbreitung korrigiert nicht die allgemeine Unkenntnis über Techniken und Wesenarten selbst bei sogenannten Kunstkennern. Wie Tief- und Flachdruck entstehen, bleibt für viele ein Geheimnis. Noch immer wird unter der Bezeichnung "Stich" alles Gedruckte subsummiert und für viele Kunstfreunde sind die Bezeichnungen Originalgrafik und Reproduktion spanische Dörfer. Nur der Künstler scheint zu wissen, was an konzeptiver Denkleistung und handwerklicher Disziplin nötig ist, um über den Weg der Druckplatte, der Papierbehandung und der Presse ein überzeugendes künstlerisches Ergebnis zu erzielen. Die Druckgrafik fordert Intellekt und Intelligenz des Künstlers heraus wie keine andere Diszipin. Nicht aus Zufall haben nur die allergrößten Geister die Druckgrafik weiterzuentwickeln vermocht und in ihr die beeindruckendsten Leistungen hinterlassen.
Die Radierung als Höhepunkt der Druckunst
Die Technik der Radierung ist die ausgefeilteste Methode, aus einer "gewaltsamen" Zwiesprache von aggressiven Werkzeugen und widerspenstigem Metall die zartesten und ästhetisch vielschichtigsten Bildresultate hervorzulocken. Der Umgang mit Kupfer, Asphalt, Stift, Stichel und Säure markiert den Höhepunkt in der Verfeinerung und Ästhetisierung der druckgrafischen Methoden. Mit der Radierung - deren technische Prinzipien von breiten Kreisen der Kunstfreunde vielleicht am wenigsten unter den Möglichkeiten des druckgrafischen Spektrums verstanden werden - ist es ab dem 17. Jahrhundert gelungen, die in sich gebrochene, ohne forcierten Kraftaufwand und rein aus dem zeichnerischen Duktus der Hand entstehende Linie ohne Materialwiderstand in Metall zu senken und in weiterer Folge mit malerischen Raumwirkungen sowie dramatischen Lineareffekten zu kombinieren. Rembrandt, Goya und Picasso haben aus diesen tragenden ästhetischen Aspekten der Radierung bis dahin nicht Gesehenes, Unübertroffenes und zugleich Schulbildendes geschaffen. Nur Dürer hat mit seinen Kupferstichen Schatten geworfen, aus denen kein späterer Künstler herauszutreten imstande war. Nur dem Nürnberger Meister war es gegeben, allein aus der Kraft der reinen, klar gestochenen Linie Maßstäbe der "Versinnlichung" und des Visionär-Methaphysischen vorzugeben, die von keiner Gipfelleistung späterer Drucktechniken gesprengt worden sind.
Die Radierung bringt die Befreiung des Druckgraphikers von der "Arbeit". Sie öffnet den Tiefdruck auch für das Spekulative, gewissermaßen nur Angedeutete. Musste der klassische Kupferstecher mit seinem Stichel die Metallplatte regelrecht aufreißen - indem er einen Graben aushob und das überschüssige Material entfernte - so hinterlässt der Radierer seine leichte, wendige, zu jeder Flüchtigkeit befähigte Zeichenspur lediglich in der wachsweichen Aspaltschicht auf der Metallplatte. Die "Arbeit" leitet dann eine Säure, die durch die Schichtverletzung die Zeichenspur ins Metall ätzt. Das ist ein "Quantensprung" in der Übertragung des grafischen Impulses in die Technik der Vervielfältigung. Erst die Radierung bringt für den Künstler die Möglichkeit, der Linie die Zartheit und "Geschwindigkeit" einer Federzeichnung zu verleihen, die Linie spontan zu brechen oder schwellen zu lassen, klar umrissene und modellierte Volumina in Impression, das heißt, in Andeutung zu verwandeln. Der Stecher denkt in plastischen Körper und begrenzten Räume, der Radierer bewegt sich hingegen in der Region der Reflexe und des Atmosphären. Die Kunst der Radierung fördert das Traumhafte, Unwirkliche - sie ist vom Wesen her Imagination. Alles Frühere ist Kampf um Konkretion, um das Greifbare. Zwischen dem "Alten Testament" des Tiefdrucks - Holzschnitt und Kupferstich - und dem Nuancenreichtum der neuen Druck-Äthethik liegt eine ganze Welt. Diesseits flutet das Licht, setzt alles in Bewegung und lässt die Vergangenheit dunkel erscheinen.
Ein neuer Zweig am alten Baum der Radierung
Das Zusammenwirken von deckenden Stoffen in unterschiedlichen Zuständen, feinen Zeichenspitzen, chemischen Substanzen und verschiedenen Farben setzt so etwas wie ein weit vorausblickendes "Regietalent" voraus. Der Künstler muss berechnen können, welche Töne sich aus Farbüberlagerungen, aus der Kombination mit Linienätzung sowie der direkt in die Platte gravierenden Kaltnadel ergeben, welche Mischeffekte in welchen Grenzen verlaufen. Die Radierung in ihrer entwickelten Form - das heißt mit Einbeziehung der Aquatinta-Flächenätzung - verklammert alle ästhetischen Möglichkeiten der Druckgrafik - indem sie die Tiefenschärfe und optische Wucht des Tiefdrucks mit den malerischen Finessen der viel später entstehenden Flachdrucktechnik der Lithografie verbindet. Sie bezieht aus den historischen Wurzeln der Vervielfältigungsmethoden die Kraft der "Bezeichnung" und lässt zugleich verfließende, konturlose Übergänge zu.
Genau dieser Bogen an Differenzierungsmöglichkeiten zwischen scharfer, linearer Begrenzung und aquarellistischer Wirkung zieht eine "pittoreske" Gestalternatur wie Bernhard Vogel auf besondere Weise an. Radierung und Aquarell scheinen sich dabei wechselseitig zu bedingen - gerade durch ihre vergleichbaren ästhetischen Ergebnisse und ihre diametral entgegengesetzten technischen Realisierungsschritte. Beide Bilderscheinungen sind geprägt von der Anschaulichkeit des scheinbar Flüchtigen und überaus Zarten, aber der Weg zu diesen "verwechselbare" Ergebnissen könnte unterschiedlicher nicht sein. Vogel bewegt sich mit Vorliebe im Farbmedium des Flüssigen und Augenblicklichen. Er kultiviert die Kunst des "richtigen Pinselaufenthaltes zur richtigen Zeit am richtigen Ort des Papieres". Andererseits fühlt er sich herausgefordert, als Druckgrafiker den Horizont aller aquarellistischer Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu überblicken und Wirkungen im voraus zu disponieren. Die Radierung dient unter diesem Gesichtpunkt auch als Rückversicherung, die eingesetzten Mittel - in welchen Medium auch immer - gleichsam unfehlbar im Griff zu haben. Solche kontrollierende Absicherung des eigenen Vermögens lässt tief in eine Künstlerseele blicken, der alles Zufällige zutiefst fremd ist. Vogel gilt als Inbegriff des Aquarellisten. Er arbeitet stets vor dem Motiv und findet es nicht irrtierend, auf seinen Malreisen von vielen Schülern permanent beim Gestaltungsprozess beobachtet, in jeder seiner Bewegungen, seiner Pinselsetzungen studiert zu werden. Auch diese Immunisierung gegenüber einer Außenwelt, die nur auf die Lüftung des Künstlergeheimnisses aus ist, sagt viel über die psychische Konstitution und die Grundlagen der Schaffensfähigkeit dieses außergewöhnlichen Maler-Radierers aus. Was für die neugierigen Blicke der Lernenden der Ausdruck purer Spontaneität und reinster Unbekümmertheit sein mag, enthüllt sich von einer distanzierten Warte als Kulminationspunkt von Abstraktionsvermögen und konstruktiver Intelligenz.
Bernhard Vogel radiert seine Hauptthemen Landschaft, Städteansicht und Blumenstilleben auf dieselbe Art und Weise wie er seine Aquarelle zu Papier bringt. Lange bevor sich das Bild für fremde Augen aus der momentanen Gelegenheit heraus realisiert, hat der Künstler Horizonte festgegelegt, den Bildaufbau grafisch verstrebt, Räumliches und Flächiges instrumentiert, Farbmischungen abgestimmt, das Netz der Lichtflecken geknüpft und den Niederschlag der Schatten verteilt. Das ist vom gesamtkompositorischen Plan her anspruchsvoller als es dem Laien bewusst sein kann. Es geht darum, Asphaltpulver auf die Metallplatte aufzubringen und anzuschmelzen, um zu gleichmäßig körnigen Flächenstrukturen zu gelangen. Dazu kommen feine Strichätzung und die samtigen Akzente der Kaltnadel, jener Durchpflügung der Platte mit scharfer Spitze, an deren empfindlicher Gratbildung sich die intensivsten Farbreserven festsetzen.
Bernhard Vogel atmet wie jeder schöpferische Zeitgenosse eine Luft, deren Sauerstoffgehalt durch das Personal der Kunstgeschichte so gut wie verbraucht ist. Alles ist bereits erfunden und gesehen, gestaltet und zitiert worden. Selbstverständlich ist auch bei Vogel die Radierung das, was sie immer war - die Königsdisziplin des Drucks, die nach wie vor über ein unvergleichliches, von den alten Genies ausgebautes Arsenal an Gestaltungsmöglichkeiten verfügt. Vogels Radierungen ein neuer, frischer Zweig an einem besonders hohen, breitkronigen Baum der Künste. Mit allen Regeln des Handwerklichen geht er durchaus selbstbewusst die schönen alten Themen der Kunst an. Er porträtiert Landschaften, berühmte Städte und Blumengestecke. Er weiß auch, dass auf diese historischen Stichworte die edelsten Gedichte und kunstvollsten Arien gesprochen und gesungen wurden und ist sich bewusst, dass alles, auch das Radierte, nicht aus dem langen Schatten der ganz Großen heraustreten kann. Diese "Gefangenschaft" im Rückblick und Vergleich mit den Heroen einer langen, ruhmvollen Gestaltungsgeschichte bringt ihn jedoch nicht von seinem bildnerischen Eigensinn ab. Dieser Wille setzt sich stets durch und bringt das hervor, was genenell kennzeichnend für diesen Künstler ist: Die intelligente Bewältigung komplizierter Aufgabenstellungen für das Auge und die Wahrung von Distanz zu den atmosphärischen Verlockungen des Gegenstandes. Gewiss findet man in Vogels Landschaften "gewisse" selbst erlebte und deshalb geliebte Stimmungen wieder. Aber in erster Linie bestechen die Druckgrafiken ebenso wie die Aquarelle als souveräne Lösungen der Problemstellung "Ansicht". Das abstrakte Denken des Künstlers trägt zur Klärung des Bildes bei und drängt das rein Motivische in den Hintergrund. Bei diesem Vorgang präziser Bildformulierung hat die Radierung im Werk des Künstlers den vielleicht entscheidendsten Anteil. Sie ist für Bernhard Vogel so etwas wie Etüde der visuellen und grafischen Sicherheit und Geläufigkeit. Der Begriff der Übung hat dabei nichts Abwertendes. Gerade in solchen strengen Exerzitien schaffen Meister ihre ästhetischen Konzentrate.
Anton Gugg