Das Geheimnis einer Person

Anton Gugg

Buchtext Bernhard Vogel FACE2FACE 2004
Zur Porträtmalerei Bernhard Vogels

Unter den obsolet gewordenen klassischen Bildgattungen kommt der Bildniskunst eine besondere Stellung zu, was die Aussagekraft über die Krise des zeitgenössischen Menschenbildes betrifft. Viel zu nahe sind die wissenschaftlichen Entschlüsselungstechniken des Physischen und Psychischen dem Forschungsobjekt Mensch gerückt, viel zu dominant ist die dokumentarisch geprägte, fotografisch-filmische Grundwahrnehmung des berechenbar gewordenen Gegenübers, als dass ein Bildnis noch glaubwürdiges Gefäß für das Mysterium des Du, für das Geheimnis des noch unentdeckten Lebens sein könnte.

Lange Zeit war das Porträt Hauptinstrument der Erforschung der sichtbaren körperlichen und seelischen Wahrheit. In der Rückschau auf "alte" Gesichter ist die Bildniskunst in Umkehrung ihrer ursprünglichen Enthüllungsfunktion ein Mittel der Versiegelung. Die stets erbärmliche Existenz des Einzelnen wird im Typus des Porträts aufgehoben. Das Gesicht mit seinen mehr der weniger abstoßenden anatomischen Gegebenheiten samt den psychologischen Veredelungs- und Schürfspuren des ehrgeizigen Porträtisten leiht sich vom klassischen Götterbild eine Erhabenheit und Entrücktheit, die dem Modell niemals zukommt. Nur in diesem Punkt sind Fotografie und Malerei ident.

Bildnisse von der Palette und aus dem Kamerakasten erschleichen sich gleichermaßen das Rätsel der hohen, fast göttlichen Undurchdringlichkeit. Das Porträt verwandelt das Tier in eine sakrale Macht. Man meint, einen Menschen zu kennen. Vom Foto und von der Leinwand blicken jedoch fremde und zugleich nahe, vertraute Personen. Genau in diesem "sphingischen" Zwiespalt liegt der zentrale Reiz jeglicher Porträtkunst.

Bei den aquarellierten Bildnissen aus der Hand Bernhard Vogels fällt sofort auf, dass der Künstler das Geheimnis der scharf beobachteten Person unangetastet lässt. Das nicht Darstellbare, Abbildbare eines Individuums ist das eigentliche Thema einer dunkel grundierten Körper- und Gesichtsauffassung, die weder expressiv, noch impressionistisch oder realistisch ist. Auch dem Psychologisierenden geht der Künstler aus dem Weg. Bernhard Vogel versucht nicht, hinter die Fassade der seelischen "Signalgeber" zu dringen, er schaut den Dargestellten nicht auf den Augengrund.

Vogel hält sich an die Signifikanz des Äußeren. Er studiert markante Linien und optische Flächenzusammenhänge, graviert sie gewissermaßen mit exakt realisierten Verläufen auf dem Papier nach. Er entfacht eine raffinierte Dramaturgie der Farbgrate, der Licht- und Schattenpartien.

An dieser beherrschten und beherrschenden Haltung gegenüber den Objekt der Betrachtung entsteht eine erschreckende Dämonie, die mit dem Undefinierten - einer Art Leere zu tun hat. Vogels kalter Porträtblick lebt gleichsam vom "Toten". Ein ungewöhnlicher Menschenzugang, weit weg von den üblichen Peinlichkeiten eines unterstellten Seelenlebens. Der Maler malt nichts zur Hülle dazu, er sichert diese für das Bild, indem er sie nicht anders behandelt als ein Stillleben oder eine Landschaft.

Bernhard Vogel kommt dem Modell nicht werbend, einfühlend, mit der Heimtücke des selbstgefälligen Menschenkenners entgegen. Er stellt auf malerisch anspruchsvolle Weise lediglich fest, interpretiert nicht und legt keine mögliche, aus persönlichen Verfassungen entstandene Diagnose in das andere, das fremde Gesicht.

Augen, oft als beredte Tore ins Menscheninnere beschrieben, spielen keine Hauptrolle in den Bildnissen. Vielmehr ist es die "monolithische" Erscheinung einer Schädelform, das Raubtierhafte eines Profils, das Spannungsverhältnis zwischen Kopf und Rumpf, das knappe Auskunft gibt über eine Persönlichkeit.

Vogel erfasst das Anonyme in der Maske des Typischen. Seine Menschen sind zugleich versiegelt und durchsichtig. Es sind fleischliche Gewächse auf dem Seziertisch des Blumen- und Städtemalers. Das gibt ihnen etwas Gespenstisches, etwas Überzeichnetes und Überspanntes. Diese Porträts kommen nicht den Erwartungen eines Menschen entgegen, der sich im freundlichen Rampenlicht sehen will. Man erkennt sich nicht gern in diesem Spiegel der "tragischen Monster".

Bernhard Vogel behandelt Gesichtszüge und Körpereigentümlichkeiten wie die Merkmale einer bizarren Landschaft. Er bleibt als Maler so distanziert wie möglich und fördert so das Groteske im scheinbar Normalen zutage. Der Betrachter identifiziert niemanden, auch nicht das Ich im eigenen Spiegelbild. Er fühlt sich angerufen von etwas Unbekannten.

Bernhard Vogel weiß, dass der Zwang zur Ähnlichkeit und zur Auskundschaftung des "eigentlichen" Menschen, wie sie die traditionelle Auffassung vorschreiben, sinnlos geworden ist. Die Gegenstrategie des Künstlers ist vielversprechend. Sie führt den Maler nicht ins Reich der anmutigen, romantischen Menschenlegenden, sondern zu einem lange bekannten, künstlerisch meist ignorierten, tief beunruhigenden Kern der modernen Existenz - zu einer Art von bleiernem, lauerndem Nichts. In diesem "Unraum" bleibt der Mensch gefangen in seiner Einsamkeit. Alle großen Maler der Modene haben das Einzelwesen so beschrieben.

Anton Gugg