„Ein Aquarell entsteht aus sich heraus“
Bernhard Vogel hat den „Mal-Fluss“ des Loslassens in jahrzehntelanger Arbeit zur Meisterschaft gebracht.
Fragt man Bernhard Vogel nach seinem Werdegang, erzählt er sehr bereitwillig vom wohl wichtigsten Wendepunkt in seinem Leben. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums und der Handelsakademie, bereits auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen Karriere, bewirkte ein schwer wiegender Unfall die plötzliche berufliche Neuentscheidung mit dem Wunsch, Künstler zu werden.
In Heft Nr. 60 von palette + zeichenstift, Ausgabe 4/2005, Seite 6 ff., konnten unsere Leser einen Einblick in das Werk des Aquarellisten Simon Fletcher gewinnen. Betrachtet man dagegen das Schaffen des Aquarellisten Bernhard Vogel, der sich gleichzeitig auch als Druckgrafiker und mit anderen Medien einen Namen gemacht hat, so wird sofort klar, dass kein direkter Vergleich der beiden befreundeten Künstler denkbar ist.
Diese Idee wäre zumindest äußerst reizvoll – nicht zuletzt aus dem Grund, als die beiden Künstler in den Jahren 2001 und 2002 gemeinsame Malreisen nach Italien unternahmen, die sie einmal in die Küstenregion der Cinque Terre, der fünf malerischen Dörfer an der ligurischen Steilküste, und später noch in die Toskana führten. Diese Malreisen bildeten denn auch den reizvollen Grundgedanken, einen Artikel zu verfassen, der genau diese Vergleichbarkeit zur Thematik haben sollte. Im Interview mit Bernhard Vogel versuchte ich daher zunächst, einiges über diese Tage und sein persönliches und künstlerisches Verhältnis zum geschätzten Malerkollegen herauszufinden. Was er mir aber hierüber sagte, ließ mich von meiner ursprünglichen Idee Abstand nehmen: Zu kontrapunktisch sind die maltechnischen Auffassungen und auch der persönliche, doch sehr unterschiedliche Arbeitsrhythmus, der beide am Ende ihrer letzten Malreise erkennen ließ, dass die erwünschte gegenseitige Befruchtung, die im Jahre 1914 sehr wohl ein Künstlertrio wie August Macke auf seiner gemeinsamen Tunesienreise mit Paul Klee und Louis René Moilliet eng zusammenwachsen ließ, leider nicht in jedem Fall direkt ableitbar ist.
Spannung der Gegensätze
Interessant ist es dennoch, einmal in Kürze die gegenseitigen Einschätzungen der beiden Maler festzuhalten: Spannend, wie jeder für sich zum Ausdruck bringt, was genau er am anderen einfach großartig findet. Bernhard Vogel bewundert an Simon Fletcher seine „absolute Stilsicherheit“ im Bereich des Aquarell-Stilllebens und der Landschaftsmalerei in Pastell und seine absolute Kultivierung der Perspektive. Außerdem sei für ihn die Qualität der Farbe und seiner Pinsel von höchstem Vorrang. Vogel sagt, er selbst könne nie so akribisch malen, so technikversessen und mit einem so detailverliebten Blick. Bei ihm selbst sei das Malgeschehen immer im Fluss: Habe er seine Konzentration auf ein Hauptmotiv einmal gefunden, dann beginne das Bild sich ganz von selbst zu entwickeln, man könne geradezu von einer Verselbstständigung des Malprozesses sprechen…
Wo Simon Fletcher sich auf die Details konzentriert und an der Perfektion im Bild feilt, bemühe er sich viel mehr, einem Ausdruck vom „großen Ganzen“ auf die Spur zu kommen: Weite, Panoramen, Luft, Atmosphäre und Bewegung seien für ihn Kriterien, die es immer neu auszuloten gelte.
Simon Fletcher hingegen äußerte in einem Kurzbericht über die miteinander verbrachten Tage, dass Bernhard Vogel zu Beginn eines Aquarells am liebsten von einem Punkt ausgehe und dann sein Motiv Schicht für Schicht aufbaue, unter Verwendung von viel Deckweiß und großen flachen Pinseln, wobei er es vorziehe, erst am Nachmittag mit dem Malen zu beginnen und dann Stunde um Stunde bis zur Vollendung durchzuarbeiten, getragen vom Impetus des sich Entwickelnden. Fletcher sagt von Vogel, oft habe er den Eindruck gehabt, im entstehenden Bild einige malerische Fehler erkennen zu können. Doch das Endergebnis sei immer perfekt gewesen, von geradezu stupender Perfektion! Und das noch Erstaunlichere: selbst er, Fletcher, habe mit seinem fachmännischen Blick nicht mehr erkennen können, wie das Bild überhaupt entstanden sein könnte (bei Simon Fletchers Aquarellen ist das in der Tat sehr leicht nachzuvollziehen).
Zum gleichen, natürlich wertungsfreien, Ergebnis kommt auch Bernhard Vogel: Durch die Loslösung von einem bestimmten Abbild des fertigen Bildes im Kopf, könne auch ein Bild, dessen anfängliches Stadium ihm vielleicht nicht gefallen hat, noch zu einem großartigen Ende gebracht werden. Aus diesem Grund nutzt Vogel auch teilweise das Deckweiß und weiße Tusche zur Steigerung der Spannung: er setzt gerne Schicht auf Schicht, um Akzente im bisherigen Bildstadium zu verschieben und so den Schwerpunkt des Bildes neu zu fassen. Hierbei bemerkt er noch, dass auch der Aquarellist William Turner, ein großes Vorbild für ihn, schon nahe an der Mischtechnik war, als er die Kreide in seine Aquarelle einbezog. In seinem malerischen Experimenten gelangte Turner denn auch zur fast weißen Bildfläche, nachdem er zunächst rasch die Grenze der Gegenständlichkeit überschritten hatte, wie im Bild Stürmische See mit Delphinen, ca. 1835-40, Öl auf Leinwand, Tate Gallery (Turner Bequest), London (zu sehen im Band „Licht und Farbe“).
Kurz zusammengefasst, könnte man die Malauffassung beider so definieren:
Simon Fletcher, der sich stark an die Malregeln hält, reagiert intuitiv (und damit doch zu einem Großteil unbewusst) im Dialog mit der Natur, während Bernhard Vogel für sich den „Mal-Fluss“ als Grundlage seines Schaffens angibt.
Ein weiterer Hauptantrieb, ein Leitmotiv seines Arbeitens, sei für Vogel sein „Grundsatz des Unorthodoxen“:
Wo Simon Fletcher als in England ausgebildeter Maler Wert auf die richtigen Farben legt („er ist ein großer Theoretiker und Verfechter des reinen Aquarells“) und streng seine Materialien, nämlich transparente und deckende Aquarellfarben sowie Farbstifte, und Malweisen auseinandersortiert, da ist Bernhard Vogel ganz locker, er legt sich auf keinen akademischen Malstil fest und findet das für sein Werk äußerst befruchtend. Selbstverständlich müssten, so sagt er, in der Urkomposition Spannungsmerkmale vorhanden sein, und es müsse quasi ein Weg ins Bild hinein führen – eine reine Aufreihung von Linien sei äußerst spannungsarm, so Vogel. Er beginne stets mit etwas Wichtigem, mit vordergründigen Ankerpunkten an den sensiblen, meist außermittigen Stellen. Der Höhepunkt im Bild muss daher immer an der richtigen Stelle sitzen, denn was die Komposition trägt, das ist tatsächlich diese Entwicklung nach außen. Und so setzt er seine Farben nebeneinander, zu Flächen, und die Flächen pflanzen sich überraschend nach allen Richtungen fort.
Es ist eine Grundkomposition zu sehen, aber alles andere ist immer völlig unklar, das Ergebnis sei auch für ihn sehr überraschend. Die malende Hand hat eine Eigendynamik, die der Intuition folgt ohne eine erkennbare weitere Beeinflussung von außen.
Die eigene Handschrift
Die ureigene Handschrift sei es, sagt Bernhard Vogel, die den wahrhaft großen Aquarellisten ausmache. Anfänger würden oft glauben, ihr Nichtkönnen sei an sich schon schlecht. Das denke er ganz und gar nicht, denn das Eingeständnis, dass vieles in der eigenen Maltechnik noch nicht perfekt sei, wäre vielmehr die Triebfeder, ja der Schlüssel eines guten Bildes. Auf die Epigonen angesprochen, die Vogels Stil seit vielen Jahren mit Erfolg kopieren, angesprochen, sagte mir der Künstler, das sei so gut wie vorbei, auch diese Menschen hätten jetzt seine Botschaft verstanden, denn sowohl zu viel akademisches Wissen als das gedankenlose Abmalen verhinderten mit Sicherheit jegliche Kreativität. Und überhaupt sei es sehr schwer, seinen Stil nachzuahmen, da er selbst es nie schaffen würde, auch nur ein Bildmotiv so zu wiederholen, dass zumindest eine Ähnlichkeit zum zuerst gemalten Bild zu erkennen sei.
Einen Großteil seines Erfolges sehe er gerade darin, dass er sich oft über die akademischen Grundregeln hinwegsetze: vielleicht auch das Geheimnis seines besonderen Erfolges in einem Land wie Großbritannien, wo eine starke akademische Maldoktrin herrscht und es viele „educated painters“, also sehr gute Maler, gibt. Klingt das unglaubwürdig? In der Tat, diese Anerkennung ist aber eine Tatsache, und mag sie alle noch so sehr erstaunen.
Kunst, so Vogels Credo, sollte immer widersprüchlich sein und deshalb darf sie auch jeder Theorie oder einem festen Regelwerk widersprechen und eine Gegenhaltung einnehmen. Denn für Bernhard Vogel sind Begeisterung und das Suchen nach Neuem immer noch die Eckpfeiler der eigenen künstlerischen Entwicklung.
Das Legen von Flächen ist für Vogel jedenfalls ein Grundmoment seiner Malerei: Vor allem die transparente Schichtentechnik und die Hinzunahme von aquarellfremden Materialien wie Farbstiften, Acrylfarben und Tusche hat bei ihm zu einem unverwechselbaren Stil geführt, der eine wesentliche Voraussetzung für den künstlerischen Erfolg darstellt.
Die Konzentration auf die Flächen gilt für die Stadtansichten genauso wie für seine Naturbilder. Seine Städtebilder voller Bewegung und Licht lassen das Auge des Betrachters in immer neue pulsierende Straßenschluchten stürzen und geben neue, ungeahnte Einblicke in das sich oft gewaltbereit und herausfordernd gebende Phänomen der Megalopolis des 21. Jahrhunderts.
Bernhard Vogel arbeitet bereits seit etwa zehn Jahren an seinen „Downtown-Collagen“, den Städtebildern aus Druckerzeugnissen aller Art, Acrylfarben, Tapetenkleister und Holzleim. Der Leim lässt sich ziehen und auf das Bild spritzen oder tropfen und bildet glitzernde und erhaben hoch stehende Tropflinien entlang der vielen Ebenen in seinen Bildern. Mit Hilfe von weiteren malerischen Techniken wie Kratzen, Schaben und dem Auftrag von Kreide setzt Bernhard Vogel weitere Malmittel ein, mit denen er, wie er sagt, manchmal richtiggehend wütet. Es entsteht so Schicht auf Schicht, die vielen Farbaufträge lassen oft gerade erst das geheimnisvolle Durchscheinen zu, das die plötzliche Bodenlosigkeit eines als „sicher“ geglaubten Untergrundes enthüllt.
Ein Beispiel soll das Bild „New York Rental“ geben. Besonders interessieren den Maler auch hier die Beziehungen aus räumlichen und flächigen Gegebenheiten. Dabei nutzt er Wellpappe, Teile von Plakaten, Foto- und Zeitungsausschnitte. All diese an sich wertlosen Schnipsel aus Drucksachen jeder Art werden in der Art, wie er sie für seine Collagen einsetzt, plötzlich zum hochbedeutsamen Träger des Räumlichen. „Diese Kunst der suggestiven Stoff-Verwandlung beherrscht Vogel wie kein anderer“, schreibt der Kunstkritiker Anton Gugg. Und auch die Farbgebung der collagierten Stadtbilder ist eine gänzlich unterschiedene von jener der Landschaftsbilder. Herrschen dort Blau-, Grün- und Brauntöne vor, so ist das Bild der Stadt in Vogels Collagen geprägt von tiefen Schatten und allen Tonvarianten an Grautönen von Silber bis zu tiefstem Anthrazit; allerdings durchbrochen von überall sich überlagernden Lichtpfeilen und -schneisen aus gleißendem Gelb, Rot und Weiß, wobei der Hintergrund und die indirekt beleuchteten Bereiche der Straßenschluchten, Fassadenmassen und Himmelsausschnitte in einem fahlen grünblauen Nebel liegen. Besonders häufig anzutreffen sind neongelbe Lichtströme auf reflektierenden Flächen, wie wir sie alle schon gesehen haben, wenn Sonnenstrahlen aus dunkel hängenden Wolken sich plötzlich wie ein gelber See auf die Glasfassaden eines Gebäudes ergießen.
Faszination Berglandschaft
Mit der Zunahme des Interesses an aktueller Malerei in den letzten Jahren ist auch das Genre des Bergbildes wieder erstanden: Als Erben des großen Impressionisten und Farbenschwelgers des 19. Jahrhunderts, Csontvary, stehen neue Bergbilder von kontemplativer Weite, die zur Meditation einladen, wie im Bild „Figure in a mountain landscape“ von Peter Doig (palette + zeichenstift, Nr. 59, Seite 14) oder surreale neue Fantasielandschaften wie die von Peter Thorpe (im selben Heft, Seite 16) oder das unheilvolle, an symbolische Schriftkürzel erinnernde Gezacke der Berge bei Gerhard Richter (siehe Katalog Ausstellung Gerhard Richter: printed! imMuseum Rupertinum Salzburg, 23.07. bis 16.10.2005,
In seinem jüngsten Schaffen faszinierten Bernhard Vogel vor allem alpine Winterlandschaften, die er nach vielen hundert Sommerbildern aus europäischen Landschaften nun in einem hochspannenden Bilderzyklus zusammengestellt hat, der im Winter 2005 als Buch im Eigenverlag erschienen ist.
Ein Beispiel ist das Bild „Winterlandschaft bei Kaprun“. Der Wintersportort Kaprun unterhalb des Kitzsteinhorn-Gletschers ist für Vogel ein Beispiel eines „depressiven Ortes, der von den Bergen erdrückt wird“ – eine Einschätzung, die durch die Bergbahnkatastrophe des Jahres 2000 leider eine gewisse Nachdrücklichkeit bekommen hat.
Bei diesem Aquarell widersetzte sich Vogel malerischen Regeln, die er gewöhnlich sehr befürwortet: nämlich Motiv niemals in der Mitte, kein mittiger Horizont! Auch wenn alles in diesem Bild so schön ausgewogen erscheint, hat es seltsamerweise doch eine bedrückende, unruhige Aussage. Die Tiefenwirkung, die er bei der Vollendung des Bildes im Atelier eingebracht hat, entsteht durch den frei ins Bild gesetzten, mit Tusche eingemalten Zaun mit seiner bewussten Schräglage, das Abfallen/Abkippen des Bildes nach rechts, als würde der ganze Bergzug und das Dorf mit ihm abrutschen. Vogel hält das Setzen eines Rahmens an sich für gefährlich, aber hier ist er für ihn notwendig, um vom Zentrum abzulenken. Beim Betrachten des Bildes solle man vor allem Flächen wahrnehmen.
Information
Bernhard Vogel, geboren 1961 in Salzburg, seit 1987 als freischaffender Maler und Leiter von Aquarellseminaren tätig. Er ist Träger zahlreicher Aquarellpreise und hat viele Publikationen über sein Werk, das Radierungen wie Aquarelle und Acrylbilder gleichermaßen umfasst, zum Teil im Eigenverlag herausgebracht. Sammlungen seiner Arbeiten befinden sich zum Beispiel in staatlichen Museen wie der Albertina Wien, Staatliche Grafische Sammlung München; in vielen Firmenarchiven: Siemens Deutschland und Österreich, BASF Schwarzheide, EWE Oldenburg. Aktuelle Ausstellungen, Kursangebote und alle Publikation sowie einige sehr interessante Texte über Bernhard Vogels Entscheidung, Künstler zu werden, über sein Schaffen, seine Technik und sein künstlerisches Credo der Widersprüchlichkeit sind auf der website www.bernhard-vogel.at zu finden.
Bücher
„Radierungen / Etchings“, Pict Salzburg 2002?Kunstkalender 2005 "Europa Aquarelle", Pict Salzburg 2004?Buch "Face2Face" Aquarellportraits, Pict Salzburg 2004?Kunstkalender "Zwischen den Wassern", Ewe Oldenburg 2004?Ausstellungskatalog "Downtown", Galerie Weihergut Salzburg 2004?Kunstkalender "Flowers 2006", Pict Salzburg 2005?Das Buch "Zwischen den Wassern", Ewe Oldenburg 2005 ist nur über die Galerie Loy beziehbar (www.galerie-loy.de) ? Buch "Flowers", Pict Salzburg 2005
Abbildungen
Gehöft in Breitenbergham, 2005, 56 x 76 cm
Tonangebend für die Komposition und letztendlich auch hier beim malerischen Beginn des Bildes war der große dunkle, fast schwarze Heustadel im Kontrast zu den kleineren Stadeln daneben. Das Manko an Tiefe wird durch starke Vertikalen auf der rechten Seite ausgeglichen – in Form von blauen Sträuchern und durch einen Weg, der ins Licht und um die Kurve geht.
Winterlandschaft bei Kaprun, 2004, 56 x 76 cm
Vertikale und dünne Linien und Flächen im Vordergrund stehen hier im Spannungsfeld mit den großen dunklen und eher waagrecht „gezogenen" Flächen im Hintergrund.
Sonnalm, Blick auf Kaprun, 2004, 56 x 76 cm
Dies ist das völlige, heitere Gegenbild. Bei der Komposition ist aber ebenfalls der spannungsreiche Aufbau, das Setzen der Farben wichtig. „Besonders reizvoll war für mich beim Malen der schwungvolle Bildeintritt, der zuerst perspektivisch von rechts nach links zieht, um dann aufzusteigen und in der Form der Berggipfel nach hinten zu führen."
Zell am See, Bellevue, 2004, 56 x 76 cm
Das Interesse des Malers liegt hier eindeutig beim Weinbauernhaus im Vordergrund und bei der Zeichnung der Weinreben. Gefragt, mit was er am liebsten anfange, kommt ganz eindeutig die Aussage, dass am Anfang der zentrale Bildteil steht. Alles andere käme zufällig. Was nicht extra gesagt werden muss, ist, dass jahrelanges Üben eine Voraussetzung ist, eine solche Zufälligkeit in der Meisterschaft der Komposition zu erreichen. „Zufällig“ sind hier die sternförmigen Lichter, die sich gleich strahlenden Autoscheinwerfern eine Bergstraße rechts hinauf winden. Oder der schöne, flechtenartig sich auswachsende grünblaue Farbklecks, der neben der Fahrrinne eines Schiffes liegt, das man nicht mehr sieht, das aber soeben den See überquert zu haben scheint. Dieses Bild birgt viele Geheimnisse…
Houses of Parliament, 2005, 56 x 76 cm
Eine wahre Hommage an William Turner: ob in der Wasserspiegelung oder im überirdischen Lichteinfall in der Bildmitte, der an die berühmtesten Bilder des englischen Meisters erinnert, der in seiner Meisterschaft fast bis zum sich selbst farbig auslöschenden Aquarell vorgedrungen war.
New York Rental, 2004, 50 x 120 cm, Collage aus Acrylfarben, Zeitungsausschnitten, Pappe, Holzleim
Eine Hommage an die lichtdurchfluteten „Kathedralen“ der Jetztzeit, lässt uns Bernhard Vogel einen der neuen schönen Türme sehen, fast schöner noch und ephemerer als der von Architekt Daniel Liebeskind für New York am Ground Zero geplante. Erreicht wird der Effekt der sich scheinbar auflösenden Einzeltürme durch transparente Acrylschichten. Es gibt deckende und auch transparente Acrylfarben – der Aquarelltechnik sehr ähnlich.
Salzburg, Blaue Türme, 2004, Radierung, 30 x 40 cm, 3 Platten
Bernhard Vogel war in der Wahl seiner Medien schon immer sehr vielseitig. Neben dem Aquarell wandte er sich schon früh der Kaltnadel-Radierung und dem Aquatinta-Verfahren zu und erlangte, wie sein Buch Radierungen/Etchings 1988–2002 beweist, schon früh eine große Meisterschaft.
Regent’s Street, London, 2005, 54 x 76 cm
Stadtlandschaften können auch beschwingte Kurven aufweisen. „Auf diesem speziellen Platz hat man einen faszinierenden Blick auf die Regent´s Street mit ihrer lang gezogenen Kurve Richtung Piccadilly. Das Abendlicht hat es mir leicht gemacht, die beiden Straßenseiten klar zu trennen. Das Gewirr von Autos, Bussen und Laternen malte ich fast auswendig, um nicht zu detailgenau zu werden."
Stillleben mit roter und grüner Vase, 2005, 56 x 38 cm
Wieder ist die Gestaltung der Flächen der Fokus des malerischen Interesses. Vergleicht man damit ein Vasenstillleben von Simon Fletcher (in palette + zeichenstift, Heft Nr. 60, Seite 8 und 9), wo das Durchscheinende der Vasen in einer fast konkav zu nennenden Formgebung einen verblüffenden Effekt erzielt, ist es bei Vogel das hochgradig Konvexe der schimmernden Oberflächen, die ein verspiegeltes farbiges Glas als Material der Vasen vermuten lassen. Die Gegensatzpaare könnten nicht größer sein: hart gegen zerfließend (bei Fletcher); glänzend gegen matt, Schärfe-Unschärfe, Opazität-Transparenz…