Souveräne Aquarellmalerei

Prof. Wolfgang Graninger

"Die Persönlichkeit allein spricht im Kunstwerk."
Karl Stauffer - Bern

Da ich erst seit drei Jahren Vogel-Aquarelle sammle, könnte es anmaßend sein, einen persönlichen Text über die vitale Aquarellkunst des Weltbürgers beizusteuern. Ich bin Sammler, kein Kunsthistoriker. Ich wäre glücklich, wenn sich meine fundierte Begeisterung auch auf junge unbefangene Menschen, die die Werke Bernhard Vogels noch nicht kennen, übertragen ließe.

Künstler und Galeristen staunen, daß ich mit Nachdruck, sozusagen inbrünstig-obsessiv, Vogel-Aquarelle sammle. Auch der Künstler möchte wissen, warum, weshalb.

Sammler sind wie riesige Fässer ohne Böden. Sie sind ständig der Kunstvöllerei verfallen. Sie horten Kunstgüter, das Allerfeinste, das Künstler, mehr oder weniger glückhaft, ihrem Unterbewußtsein entreißen. Da ich nichts verheimlichen kann, werde ich die Frage, warum ich Vogel-Aquarelle sammle, klar und deutlich beantworten. Meine ersten Aquarellräusche hatte Anfang der 70er Jahre der in Paris lebende Aquarellist Gottfried Salzmann entfacht. Meine Salzmannsammlung habe ich der Albertina in Wien und dem Rupertinum in Salzburg geschenkt. Nach 25 Jahren trat Bernhard Vogel mit ganz anders gearteten Aquarellen in meinen Gesichtskreis und entfachte erneut unvergeßliche realistisch-metaphysische Aquarellwonnen.

Aquarelle sind keine Nebenprodukte der Malerei. Es sind eigenständige Farben- und Lichtzaubereien, die nicht jedermanns Sache sind. Aus Übereinandergeschichteten und verfließenden Farbschleiern tönt unsagbares Singen, sie wecken Sehnsüchte und Träume, die das sogenannte normale Leben nicht bieten kann. Vor allem die frühen Aquarelle wecken Sehnsüchte, sie berücken mich durch das Neben- und Miteinander uralter und jungenhafter Seelen- und Gefühlssubstanz, die mich immer wieder fasziniert und seltsam berührt, als würde ich in längst verloren geglaubte Paradiese blicken. Manche technische und kompositorische Unsicherheiten nimmt man gern in Kauf, weil die Gefühlsvisionen in irisierenden Farben übermächtig und innovativ sind. Es sind keine Gedankenkonstrukte, keine Originalitätssucht, keine Eitelkeit, als wollte er sagen, seht, so bin ich, ich kann nicht anders. Die Aquarellbilder der letzten Jahre zeichnen sich durch gereifte Souveränität aus. Sie entsprechen genau dem Ist-Zustand des Künstlers.

Ich hatte das unvergeßliche Glück ihn auf etlichen Malreisen in Europa zu begleiten und konnte beobachten, wie einige Aquarelle, die im Buch abgebildet sind, entstanden sind. Gebanntes Innehalten vor dem Motiv. Eruptiver Start. Die Pinselspitze gleitet zielsicher über das Papier. Ich staune, denn Farben und Formen sind nicht jene, die das Motiv vorgibt. Es wird nicht abgemalt.

Das Motiv ist nur ein inspirierender Ideenlieferant, nicht mehr und nicht weniger. Während der Nachdenkpausen können die Farbschichten trocknen. Er raucht, trinkt Kaffee, plaudert vergnügt mit übersensiblen Maladeptinnen, berät und korrigiert ihre Arbeiten. Nach drei bis vier Sitzungen ist das Aquarell fertig. Alle staunen. Wie ist das möglich? Die Zeugung eines Aquarells ist ein faszinierender Vorgang.

Wenn ein Sammler kontinuierlich Werke eines Künstlers sammelt, besteht fast immer eine Identifikation mit dem Wesen des Künstlers, ein Gleichklang der Gefühle, der Weltanschauung, denn verwandte Seelen finden einander wie von selbst. Da die wenigsten Maler auch Schriftsteller sind, können nur die Werke Auskunft über die Substanz des Künstlers geben. ”An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.”

Wer die abgelichteten Aquarelle lange genug betrachtet, wird charakteristische Wesenszüge des 38jährigen Salzburgers entdecken. Heftige und beruhigende Energien ringen im Werk nach Vorherrschaft und unverwechselbarer Eigenart. Vogel zählt, salopp gesagt, zu den erfolgreichsten Produzenten disziplinierter Aquarellräusche. Er ist kein elitärer Spezialist, er malt für alle Bevölkerungsschichten. Seine Aquarellsprache ist allgemein verständlich. Er ist ein Ärgernis für jene Kollegen, die sich schämen, nur ein Maler zu sein. Es kümmert ihn nicht. Er geht, wie von unsichtbarer Hand geleitet, zielsicher seinen Weg. Wenn er nicht mehr malen könnte, würde er dahinsiechen, denn Malerei ist sein Leben.

WOLFGANG GRANINGER

über einzelne Werke Bernhard Vogels

Bernhard Vogel ist bereits so bekannt und populär, daß ich es nicht für nötig erachte, eine Einführung in das Werk zu geben. Ich habe fünf Aquarelle ausgewählt, um Höhen und Tiefen mit Intuition und Gefühl auszuloten, den Mund für köstliche Aquarellhappen wässerig zu machen, jedoch Verstand und Kritik nicht gänzlich außer Acht zu lassen, da für viele Menschen das ständige Kritisieren eine Lieblingsbeschäftigung ist.

Malerei ist eine sinnlich/metaphysische Angelegenheit, eine Brücke, die indirekt/direkt nach drüben, in eine andere noch unbekannte Welt führt. Wer von Kunst besessen ist, weiß, wovon ich rede. Eine ”geniale Ader” zu besitzen, ist eine seltene Gabe, mitunter eine Bürde, die sich nicht wie Flöhe abschütteln läßt. Bernhard Vogel besitzt diese ominöse Ader und steht somit immer öfter im Mittelpunkt divergierender Interessen. Alles, was er produziert, gelangt unweigerlich an die Öffentlichkeit.

LANGHE & ROERO (PIEMONT)
Für Piemont-Kenner ist es ein wiedererkennbarer Landschaftsausschnitt. Die in Dämmerschlaf versunkenen Hügelketten sind in abgeschattetes Olivgrün getaucht, während die weitausladenden Weingärten im Vordergrund von einer brünstigen Lichtorgie umzingelt werden. (Ich denke unwillkürlich an Musik von Alexander Skrjabin.) Die Farbenfieberglut zerteilt ein weißer Weg, der allmählich im Bauch der ”suggestiven Seelenlandschaft” versickert.

SIENA (PIAZZA DEL CAMPO)
Altertümlich-brüchiges Häusergewirr säumt die Rundung und Weite des leeren Platzes. Gebrochene Farbakkorde versetzen uns in eine schier unentrinnbare Traumsituation. Der eingezäunte Platz gleicht einer Richtstätte, wo Unerhörtes geschah oder noch geschehen wird. Dem unbewohnten? Palazzo links entströmt unerbittliche Bedrohung, die im gekrümmten Straßenpfeiler (genau in der Mitte des Vordergrundes) kulminiert. Es ist eher eine Stadt der Verstorbenen als der Lebenden. Die Helligkeit rechts verheißt unsägliche Hoffnung. Der berühmte Platz wird von Dunkelheit und Helligkeit sozusagen in die Zange genommen. Es ist eine visionäre Topografie.

BEI NOFETTA (APULIEN)
Ein balladeskes Erlkönig-Stimmungsbild ? Nebel überschwemmt den uralten Olivenhain, dessen knorrige Stämme und agressiv/gezacktes Geäst umso gespenstischer in Erscheinung treten. Die kühl/kalte Farbskala wird nur selten von wärmenden Farbschleiern belebt. Es ist ein unheimliches Aquarell! Man denkt an psychische Zustandsbilder, an Schizophrenie, Jugendliches Irresein, an überhastete Aufbrüche ins Jenseits u.s.f. Die Konfrontation - malerisch/grafisch- ist an diesem ”romantischen” Aquarell besonders gut ablesbar.

MÖRBISCH (BURGENLAND)
Weltabgewandte geduckte Häuserreihen am Rande der Welt, eine verzauberte Örtlichkeit in Blau. Es besticht der unerhörte Reichtum an Poesie, Phantasie und sich verzehrende Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt als jene, die wir zur Genüge kennen. Wieder ein Meisteraquarell, welches in der Lage ist, die Seele an den Wurzeln zu packen und in Regionen mitzureißen, wo es kaum noch ein Zurück gibt.

GIOVIAZZO (APULIEN)
Die Häuser- und Schiffsszenerie verbindet ein magisches Band: Scheinbare Ruhe - atmosphärische Transparenz - wunderbare Geschlossenheit. Die arktisch anmutende Stimmung würde eine plötzliche Sonneneinstrahlung im Nu zerstören und in die hart konturierte mediterrane Wirklichkeit zurückversetzen, die der Künstler, gemäß seiner Vorstellungskraft, sofort wieder malerisch verwandeln würde. (Photorealismus wäre für Bernhard Vogel ein ungenießbares Fremdwort!) Die in sich ruhende Hafenansicht ist ein Beispiel für wunderbare Wasserfarbenmalerei, die man unentwegt in sich hineinschlürfen möchte, so strark ist die Sogwirkung.

Natürlich könnte man aus den subjektiv besprochenen Stichproben weit mehr herauslesen. Auch die eingangs angesagte Kritik fällt aus, da es nichts zu kritisieren gibt. Irgendwie tröstet mich der Gedanke, daß ich nicht der einzige Sammler bin, der ständig nach neuen und älteren Vogel-Aquarellen Ausschau hält, um die Sammlung zu erweitern, eine Sucht, die mit dem Ableben des Sammlers erlischt. Über die müßig-brisante Frage, ob dieser oder jener Aquarellist besser als Vogel sei, mögen Experten und engagierte Kunstfreunde herumrätseln. Ich habe gewählt. Vergleichbares konnte ich bis jetzt nicht entdecken.