„Du weißt, wie sehr sich der Mensch über seine eigenen Werke täuscht, so dass du begierig sein solltest, mit Geduld die Meinung anderer zu hören.“
Leonardo Da Vinci
Im neuen Ausstellungskatalog der Galerie KOCH-WESTENHOFF sind erstmals Lübeck-Aquarellansichten von Bernhard Vogel abgebildet. Sie sind im Frühjahr 2003 bei heftigsten Regengüssen und nur ab und zu bei Sonnenschein entstanden. Die Anregung, Lübeck, das Zentrum norddeutscher Backsteingotik, zu malen, hat Bernhard Vogel mit Freude aufgegriffen. Als langjähriger Vogel-Sammler zweifle ich nicht, dass die Exponate mit Begeisterung angenommen werden. Kunstbesessene wissen, dass ohne Kunstbegeisterung nichts Bedeutsames gelänge, weder Malen, Kunstsammeln, noch Kunstvermittlung.
Vogels Aquarellkunst ist nicht nur traditionsgesättigt. Eine „geniale Ader“ zu besitzen, ist eine unverdiente Gabe. Sie nimmt den Künstler in die Pflicht, täglich neue Bilder für nimmersatte Kunstfreunde zu schaffen – und verantwortungsvolle Kunstsammler müssen täglich entscheiden, ob dieses oder jenes Bild, das sie erwerben möchten, sammelnswert und eventuell museumswürdig ist. Es wäre pure Zeitverschwendung, sich mit „gefälliger Tageskunst“ auseinander zu setzen. Es ist schwierig genug, geniale Kunst von perferkt gekonnter Kunst zu unterscheiden. Manche Aquarellenthusiasten glauben, mit „hingewehter Aquarellmalerei“ schnell reüssieren zu können. Irrtum. Die leichteste Kunsttechnik entpuppt sich im Nachhinein als die schwierigste.
Die Lübeck-Aquarelle sind auch eine Huldigung an die berühmte Hansestadt. Sie sind, wie alle Vogel-Aquarelle, eigen-artig, eigen-ständig, eigen-sinnig, eigen-mächtig, eigen-tümlich visionär. Der zweiundvierzigjährige Salzburger wagte es – nach MUNCH und KOKOSCHKA – die atmosphärisch dichte und architektonisch betörende Inselstadt zu malen, besser gesagt, zu porträtieren, Unsichtbares sichtbar zu machen, das bei flüchtiger Betrachtung selten oder überhaupt nicht wahrgenommen wird. Ich gestehe, ich bewundere und bin immer wieder fasziniert von genial gemalten Bildern, die ewig jung und zeitlos sind. Die Frage, wie modern oder zeitgemäss Vogelbilder sind, ist sekundär, sie erübrigt sich von selbst, denn künstlerische Qualität ist immer aktuell.
Als schreibender passionierter Kunstsammler, Begleiter und Freund des Künstlers auf Malreisen und bei internationalen Malseminaren, Vogel ist auch ein begnadeter Seminarleiter, gerate ich in Verdacht der Schönfärberei. Mitnichten. Schließlich ist der Künstler sein schärfster Kritiker. Werke, die für die Veröffentlichung freigegeben sind, wurden von ihm „abgesegnet“.
Ein knappes Geleitwort ist das beste. Alles, was der Künstler zu sagen hat, ist an und in den Bildern ablesbar. Abschließend möchte ich Paulus zitieren: „Der Mensch erntet, was er Sät“.