Es hat eine Zeit gegeben, und sie stand eigentlich am Aufbruch zu unserer heutigen Welt, da galt es für gänzlich unbezweifelbar, daß die kontinuierliche Entwicklung der intellektuellen, forschenden und ordnenden Kräfte des Menschen herausführen werde aus den - vermeintlich - chaotischen Niederungen vorangegangener Zeiten, hin zu einer, alle Nöte mehr und mehr vertreibenden Freiheit des Individuums, zum Licht einer glückvollen Menschheit. Es hat zwar immerhin der niederschmetternden Schläge eines vollen Jahrhunderts gebraucht, um die Haltlosigkeit solcher Utopien mehr und mehr zu erkennen, doch war man sich wohl kaum je zuvor so sehr bewußt wie heute, daß die bestimmenden Kräfte allen Geschehens weit weniger aus dem rationalen Denken, aus Klarheit und Erkenntnis des Vernunftgemäßen, des allgemein Nutzvollen erwachsen, als aus so manchen dumpfen Trieben unkontrollierter Emotion. Angst, Haß, Gier, Selbstsucht und Täuschung scheinen mehr und mehr die Herrschaft an sich zu reißen.
Darüber vermag es wohl kaum hinweg zu trösten, daß niemand so erbittert, so erschreckend und schonungslos wie die Künstler der jüngsten Jahrzehnte es in eine satte, selbstgefällige Gesellschaft dieser Zeit warnend und verzweifelnd immer wieder hinein geschrien hatten. Aber es sind längst die Augen dafür aufgegangen, daß es mit Verdrängung der Wirklichkeit, mit einem Wegschauen von der Kunst unserer Tage und deren Abschieben in ein höchstens belächeltes Eck der Bedeutungslosigkeit, als etwas Sinnloses, sozusagen ein Hobby von Außenseitern, nicht mehr getan ist. Die Welt ist nämlich - weiß man längst - nicht so wie sie eine entfesselte, hektisch ihre Lust suchende und befriedigende Konsumwelt uns rastlos vorspiegeln will, sondern vielmehr wie sie Künstler uns enthüllen.
Nun hat es den Anschein, daß weit von breiter Realität immer wieder Kunstwerke aufkommen, in denen Schimmer der Hoffnung aufleuchten. Vielleicht entspricht dem schon mancher Alltag: da gibt es Sehnsucht nach Stille, Besinnung, Verinnerlichung und mehr und mehr Menschen erleben dies in der Natur. Man sucht deren Unberührtheit. Da gibt es das Erspüren von Schönheit, man findet sie in einem Ausgleich zur Last alltäglicher Anforderung; eine Blüte da, ein Gedanke dort, ein Bauwerk. Und dann gibt es das Berühren der Emotion durch die ungreifbare Vision, ein Anflug des Erinnerns kann es sein, das Auftauchen von Erlebtem, das zu einem Begreifenlassen des Zeitlosen führt, inmitten aller Unerbittlichkeit des Vergänglichen.
Es ist wohl keinem Medium in ähnlicher Weise gegeben wie dem Aquarell all dem zu dienen. Dieses (anscheinend) leichte Hinsetzen von verfließenden Farbflächen (mit deren Wirkung auf die menschliche Psyche) und von Farbräumen, die in das Unbegrenzte und Grenzenlose des Geschauten hineinführen, all das vermag sich den direkten Weg in unsere eigene Erlebnistiefe zu öffnen. Und wenn ein Künstler sein Erleben zu Farben, Klängen und Ahnungen verdichtet hat, so vermögen eben diese, aus einer Bildfläche als Mittler zu unserem Erlebnis zu werden. Alles das Vorangesagte geht mir so beim Betrachten der vor mir liegenden Blätter von Bernhard Vogel durch den Kopf.
Es waren schon seine Salzburg-Aquarelle, die man 1992 publizierte, Werke von hohem Reiz, die neben einer stupenden technischen Perfektion auch die Schönheit der Heimatstadt des Künstlers ebenso subtil wie spontan zu schildern vermocht hatten. Auch die vorangegangenen Toscana-Blätter ließen nicht weniger ansprechend seine Neigung zu italienischer Natur und Kultur erkennen. Mehr noch, sie schon hatten gezeigt, wie sehr er aus Gesehenem Bilderlebnisse zu gestalten vermag.
Nun aber will mir scheinen, erlangt er mit den Aquarellen von venezianischen Blickpunkten eine Stärke, eine Aussage, die dem, was das Aquarell an Vergeistigung erreichen kann, wohl am nächsten kommt. Natürlich liegt da etwas bei den Motiven selbst. Was wundert, daß die Malerei Venedigs von Tiepolo bis Guardi in bis dahin unvorstellbare Bereiche vorgestoßen war, daß ein William Turner eben hier hatte Aquarelle entstehen lassen, die alles sprengten was es bisher gab, und nicht zuletzt unser größter Aquarellmaler, Rudolf von Alt, hier Werke schuf die zum Vollkommensten dieser Kunst gehören. Und auch daran ist vieles, was gänzlich ungreifbar ist: die Seeluft, die Farben, der Himmel und Sonnenuntergänge, die geheimnisvollen Winkel versteckter Palazzi, das Plätschern der Gondeln in den schmalen Seitenkanälen, wie man es erleben kann wenn man den Sight-seeing Herden der Trampelpfade entronnen ist, alles das erst macht Venedig aus.
Erst das, was spüren läßt, wie Generationen hier ihren Fleiß, Unternehmungsgeist, ihre Lebensfreude, Phantasie und Liebe zur Schönheit zum Ganzen einer Wirklichkeit gemacht haben. Das ist es, was die Augen eines Künstlers aufsuchen, was sie in einer verfließenden Vision uns übergeben. Und eben weil wir in unserer Zeit dieser Zeitlosigkeit, dieser Wirklichkeit des Ungreifbaren, dieser Unvergänglickkeit menschlichen Hoffens und Strebens sosehr bedürfen, darum - glaube ich - beglücken uns diese Venedig- Aquarelle vor uns so sehr.
Sieht man genauer zu, fällt auf, daß Bernhard Vogel uns ein Venedig ohne Menschen zeigt, eine beglückend menschenleere Stadt. Vielleicht belasteten ihn die Menschenmassen, die Hast und die Geschäftigkeit des Lebens und Treibens; vielleicht auch die Gier der Kulturkonsumenten wie sie hinter dem hoch gehobenen Schirm einer dahinplappernden Reiseführerin von Attraktion zu Attraktion eilen, von Zeit zu Zeit in einem Faltblatt nachsuchen, ob der gepriesene Palazzo, das geschilderte Denkmal noch am Platze wäre. Vielleicht verachtet er sie, verdrängt es. Ich vermeine allerdings mehr zu erspüren, nämlich daß alle Rastlosigkeit nur Oberfläche ist, die Wirklichkeit aber in der Ruhe des Unvergänglichen liegt. Leider ist Venedig nur allzu vergänglich. Wir alle sind es ja; mit alldem, was wir denken, hoffen und tun.
(HR. Prof. DR. Walter Koschatzky, war Leiter der neuen Galerie Joanneum in Graz und Direktor der graphischen Sammlung Albertina)