anlässlich der Ausstellung "Malreisen" in der Galerie Loy 2005
Meine Damen und Herren,
Sie haben es eben schon gehört: Mit dem Maler Bernhard Vogel verbindet sich ein heute eigentlicher seltener Begriff des reisenden Künstlers: Natürlich reisen andere Künstler auch; sie haben weniger Zeit als vorher; aber sie reisen von Event zu Event, von Ausstellung zu Ausstellung, für die sie Installationen oder Videos vorbereitet haben, die ihre Anwesenheit notwendig machen. Im übrigen aber arbeiten sie in ihrem Atelier, das nicht selten eher einem Filmstudio gleicht als dass es unserer konventionellen Vorstellung von einem Maleratelier mit Staffelei und Plätzen entspricht, wo die Bilder gestapelt werden können, sobald sie trocken sind.
Natürlich hat Bernhard Vogel solch ein Atelier in Salzburg, und selbstverständlich hält er sich dort auch gelegentlich auf. Häufig aber reist er herum, um zu malen. Neben der eben beschriebenen Malfahrt von Leer bis zum Paradies in Polen, vorbei an Oldenburg, Delmenhorst, Bremervörde, Strausberg bei Berlin finden Sie in dieser Ausstellung noch ganz andere Städte versammelt, deren Glanz die genannten Orte glatt überstrahlt: Venedig beispielsweise, oder die Berge zwischen Salzburg und Zell am See, oder die Nordsee- und Ostsee- Küsten vor Rügen bzw. vor Sylt. Und mittendrin ganz bescheiden Oldenburgs Lappan.
Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass solche Reisen zu den Ansichten, die gemalt werden sollen, durchaus keine Vergnügungsfahrten sind, auch wenn sie gelegentlich solchen Charakter annehmen, dann, wenn der Künstler seine Arbeit sucht - also noch nicht begonnen hat, oder wenn er seine Arbeit abgeschlossen hat und erleichtert ist, dass ihm ein neues Aquarell gelang. Denn Bernhard Vogel malt im Freien, und das heißt, auch das Wetter ertragen zu müssen, abgesehen von den Wegen, wohin kein Auto mehr fährt.
Vor ziemlich genau vierzig Jahren ist mir hier in Oldenburg schon mal ein solcher Künstler über den Weg gelaufen, der bis zum Gefrieren des Aquarellwassers im Freien arbeitete, freilich im Ergebnis ganz anders als Bernhard Vogel: Er sortierte das Gesehene zu konstruktivistischen Ordnungen. Das war AAC Labberton, ein Niederländer, der ein Weltenbummler war.
Damit sind wir bei der Arbeitsweise von Bernhard Vogel, die alles andere ist als konstruktivistisch: Die Arbeit beginnt mit der allmählichen Verfestigung des Standortes. Selten, dass er sofort sich niederläßt und das Malzeug auspackt; vielmehr werden alle möglichen Sichtweisen, bezogen auf das, was nahe ist, wie auf das, was fern ist, gegeneinander abgewogen, bis er den für diesen Augenblick optimalen Platz gefunden und eingenommen hat. Wer ihn beobachtet, braucht Geduld, so wie er Geduld gegenüber seinen Beobachtern aufbringen muß.
Dann folgen in leichten Zeichnungen schon mit Farben umrissene Konturen der wichtigsten Motive bzw. Details, ehe er mit sehr feuchtem Pinsel an die Formung der größeren Flächen geht. Diese Spannung zwischen frei gesetzter Motiv-Skizzierung und dem Auffüllen der Farbflächen könnte mißverstanden werden, als würde das Blatt mit den vollen Farben nun schon abgeschlossen: Mit scheint aber, dass die Skizze einer Blume, eines Schiffes, eines Hauses dem Künstler viel leichter fällt, zumal er den Gegenstand vor Augen hat, als die Erarbeitung der Farbflächen, auch wenn diese ihm vor Augen liegen. Denn er muß ja nicht die Farben der Realität treffen, sondern jenen Farbklang, der zu den bereits ins Bild genommenen Farben paßt, sie ergänzt, sie eventuell steigert.
Wir müssen unterscheiden zwischen fest an einen Gegenstand gebundenen Farben, etwa den Blütenblättern, der Hausfassade, selbst der Berghänge, und jenen Farben, die autonom im Bild arbeiten, konterkarieren, widersprechen, harmonische Beziehungen eingehen oder die vorhandenen Farben steigern, vielleicht zuspitzen. Wir haben auch und in jedem Bild zu unterscheiden zwischen bewußt gesetzten, auch autonomen Farben und freien ungebundenen Farbsetzungen, die sogar auf Zufällen beruhen können, wenn etwa ein Tropfen vom Pinsel fällt und einen zufälligen Markierungspunkt setzt. Dazu gehören auch die offenbar von ganz feuchten Pinseln ablaufende feine Farblinie, die ungebunden durch das Bild gezogen wird, nirgends eine gegenständliche Begründung findet, aber eine höhere, kompositionelle Bedeutung hat, weil sie nämlich festgefügte Farben auflockert, vielleicht sogar Flächen durchschneidet und am Ende die Sicherheit einer Komposition in Frage stellt.
Denn das gehört zu den charakteristischen Merkmalen der Malerei von Bernhard Vogel, dass sie immer auch den Zweifel in sich trägt:
Das ausgewählte Motiv wird aus dem Mittelpunkt herausgenommen oder sogar nur wie die Rialtobrücke in die Ferne verlagert. Nur keine weitere Postkarten- Ansicht; davon gibt es genug. Je deutlicher das Motiv, das alle Reisenden kennen, je wohlgeformter die Berge und Täler, um so schöner, aber auch um so konventioneller das Bild. So entwickelt Bernhard Vogel eine Methode, diese Schönheit mit der Auseinandersetzung um die Autonomie der Farben zu verbinden, also eine Spannung zu erzeugen, die es ermöglicht, hinter die Motive zu schauen, um die Farben auf sich wirken zu lassen.
Ein gutes Beispiel ist diese Landschaft auf Rügen, 2002. Vordergrund und Hintergrund bestimmen eigentlich den Bildinhalt.
Der auslaufende Berg- bzw. Küstenstreifen erlaubt den Rückschluß, dass das gesamte Mittelfeld auch Landschaft ist. Eigentlich sehen wir aber nur drei grüne Flächen, unkonturierte Flecken, die sich sogar einer perspektivischen Zuordnung entziehen. Ein hellerer großer Fleck darüber gewinnt an Inhalt dank der Reste von Landschaft rechts im Hintergrund. Hier handelt es sich demnach also nicht um einfache Farbflächen, sondern um Farbflächen, die einen Inhalt haben - natürlich Wiesen. Aber die Ausformung dieser Grünflächen bleibt so offen wie möglich; so dass wir auch von einer starken Abstraktion sprechen können.
Dass dieser Begriff dem Künstler nicht fremd ist, lassen andere Bildelemente deutlich werden, z.B. die einzelnen Linien, von denen ich schon gesprochen habe, und die wir hier im Bild auch erkennen können. Sie stören nicht, aber sie befremden; denn zuerst wird nach ihrem Inhalt gesucht. Da dieser sich nicht einstellen will, verfolgen wir die Linie, die irgendwo herkommt und irgendwo hin verläuft, einzig dazu da, die unter ihr liegende Farbfläche zu durchtrennen und sie dabei zu steigern oder zu mildern, jedenfalls zu relativieren.
Alle diese Beobachtungen lassen sich auch im größten Bild der Ausstellung feststellen: Dieses Bild genießt einen Sonderstatus, weil Bernhard Vogel es als Multimedia- Bild außerhalb des Aquarell- Kanons geschaffen hat. Multimedia meint hier eine Mischung aus verschiedenen Malarten, die wiederum auch unterschiedlich eingesetzt werden: Also Acrylmalerei, Collage, Ölmalerei. Besonders von der Collage gehen etliche optische Reize aus, wenngleich sie klein gehalten sind: Z. B. die Relikte der Reklame, oder die Anspielungen an die großen Werbeflächen an den Hochhäusern; ferner Textstellen, die eine andere Feinstruktur ins Bild bringen. Aber auch die Malerei basiert auf verschiedenen Methoden: Dabei kann selbst die gegenständlich gebundene Farbe in ein Fließen geraten, ohne deswegen ihren Inhalt aufzugeben - siehe das Licht in den Schluchten der Großstadt, das Fließen des Lichts, getragen vom Verkehr. Dagegen stehen die schwarzen Fassaden, wobei dieses Schwarz sehr häufig als Schatten verstanden werden muß, nicht als Ruß oder als ursprüngliche Hochhausfarbe. Diese Dunkelheiten hellen sich zum GrunD hin auf, während sie im Vordergrund auf einen fast grellen Kontrast mit dem Straßenlicht einzugehen haben: Im Hintergrund kann das Schwarz sogar über Grau in ein Weiß verwandelt werden, ehe dahinter die Hafenbecken ihre Dasein signalisieren.
Von New York nach Oldenburg, für die beweglichen Eingeborenen hierzulande kein Problem. Statt Empire State Building der Lappan, aber statt Mixed Media nun eine Farbradierung, ein neues Experimentierfeld des Künstlers und ein Resultat der Malreise, von der schon gesprochen wurde.
Auch hier hat Bernhard Vogel nicht den einfachsten Blick gewählt, er hat die Hauptsache, das alte Stadtor ein wenig nach hinten, als Abschluß der räumlichen Komposition gesetzt und von dort die Häuserfront einer Straßenhälfte nach vorn gezogen. Um zu verhindern, dass das Rot dieser Häuser links alles überstrahlen und den Lappan schließlich ins Abseits drängen, hat Bernhard Vogel einen Zeitpunkt gewählt, wo die tiefer liegende Sonne schon einen Schatten über die Wallstraße hinweg auf die Häuser wirft. Dunkelheit, fast Schwarz wird das strahlende Rot gemildert. Die schon angesprochenen autonomen Bildmittel sind in einer so kleinen Arbeit weniger ausgeprägt, sind aber in der Organisation des Straßenpflaster durchaus zu erkennen.
Meine Damen und Herren, Wir sehen, dass Bernhard Vogel an alle seine Motive ganz unbelastet von früheren Bildern, unbelastet auch von Vorbildern und älteren Erfahrungen hergeht. Jedes Motiv wird einer individuellen, eigenen Sehweise unterworfen. Das ist an den drei schmalen Blumenbildern abzulesen: Sie zeigen nicht nur verschiedene Blüten, was wir auch erwarten können, so zeigen auch verschiedene Ordnungen, die vielleicht den jeweiligen Blumen zuzuordnen sind: Rhythmus, Chaos und bei den Schwertlilien fließende Formen.
Meine Damen und Herren, es gibt noch viel mehr zu sehen.