Anlässlich der Ausstellung in Leer 2005
Es gehört zum Charakteristikum der Menschen in Ostfriesland - Oldenburg, dass sie ihre landschaftlichen und architektonischen Besonderheiten zwar schätzen, aber selten malen, lieber malen sie italienische oder spanische Ansichten. So existieren die hiesigen Schlösser und Kirchen, Altstädte und Häfen zwar im kollektiven Gedächtnis, doch kaum in der Kunst. Zumal eine lange Periode der Moderne deutlichen Abstand von der Wiedergabe solcher Besonderheiten der Landschaft genommen hatte; schon die Dangaster Expressionisten haben lieber Bauernhöfe als Kirchen, lieber Pfützen auf den Wegen als Blicke aufs Meer gemalt, und Franz Radziwill, der bedeutendste der hier ansässigen Künstler, malte zwar alles, stellte es jedoch häufig in neue Zusammenhänge, so dass die Ansichten ganz verfremdet erscheinen.
Jetzt ist jemand gekommen, der alles nachgeholt hat, was scheinbar versäumt worden ist - auf hohem Niveau Ansichten von Oldenburg und Ostfriesland zu malen.Es ist Bernhard Vogel. Er wurde 1961 in Salzburg geboren, ging dort zur Schule, besuchte ein Humanistisches Gymnasium und lernte nach dem Abitur noch ein Jahr Ökonomie auf dem dortigen Handelskolleg. Er hat also eine solide Ausbildung; trotzdem machte er nicht im elternlichen Geschäft, in der Wirtschaft oder in der Pädagogik Karriere, obwohl ihm diese Disziplin wohl auch gelegen hätte; denn später gab er auch Unterricht in den Techniken des Aquarells.
Die Angaben über den Verlauf seiner künstlerischen Ausbildung sind spärlich, weil er wohl primär Privatunterricht bei namhaften Salzburger Aquarellisten gehabt hat.
Salzburgs Sommerakademie ist eine der ältesten und berühmt, weil sich früher selbst Künstler wie Oskar Kokoschka nicht zu schade waren, den interessierten jüngeren Kollegen, aber auch manchem Laien Handreichungen zur Aquarelltechnik zu geben. Salzburg war also nicht nur ein Mozart- und Festspielzentrum, sondern auch Mittelpunkt für Malerei und besonders für Aquarell-Kunst.
Kein Wunder, dass jemand, der Sinn für diese Technik hat, dort seine Kunst vervollkommnen konnte.
Zwischen dem Ende des Besuchs des Handelskollegs und der ersten Ausstellung in Salzburg sind sechs, sieben Jahre vergangen, was bedeutet, dass Bernhard Vogel eine solide Ausbildung genossen hatte. Ganz offensichtlich war schon die erste Ausstellung ein Erfolg; er erhielt in einem Wettbewerb mit dem Thema "Salzburger Ansichten" den 1. Preis. Nun konnte Bernhard Vogel von seiner Kunst leben und bereits im nächsten Jahr wurde er als Seminarleiter für Aquarellkurse eingeladen oder angestellt. Organisatoren hatten also nicht nur seine Begabung als Künstler erkannt, sondern auch seine Fähigkeit, die Aquarell- Technik zu vermitteln.
Sein Stoff waren also "Ansichten", d.h. Häuser, Gebäudekomplexe, Industrieanlagen, Kulturzentren und Straßenzüge, die Charakter hatten. Der Preis von 1987 war nicht der einzige Preis, der ihm verliehen wurde. Auch in Deutschland wurde seine Aqaurellkunst mehrfach ausgezeichnet. Und darüber hinaus sind Aquarellisten, die im Freien Ansichten malen, auch in Galerien gern gesehen; so ist Bernhard Vogel auch ins Oldenburgische und Ostfriesische gekommen.
Ein Maler von auswärts aquarelliert Ansichten, die den Menschen hier vertraut sind, und entwickelt doch neue Perspektiven und überraschende Einblicke in die bekannte und gewohnte Umgebung. Kunst verwandelt. Das ist das Besondere an den Arbeiten von Bernhard Vogel, dass sie die eigentlich geläufigen Blicke auf Straßen, Hafen, Felder und Häuser auch in Leer und in den Orten drum herum anders als realistisch- fotografisch zeigen, ohne die Substanz der Ansichten zu verändern.
Um das Besondere und das Anderssein in den ausgestellten Bildern zu entdecken, müssen wir nach der Arbeitsweise des Malers Bernhard Vogel fragen und in seine Bilder hineinschauen.
Bernhard Vogel malt nicht ab. Auf meditativem Wege, d.h. nach langer Suche und Anschauung wählt er sein Motiv. Das ist immer mehr als ein Gegenstand, es gehört ein Umraum dazu, der die reale Situation erkennen läßt.
Am drei Bildern soll diese Arbeitsweise näher betrachtet werden: Zwei Ansichten vom Hafen in Leer und ein Blick auf den Rathausturm. Vogel hat vom Hafen zwei verschiedenartige Bilder geschaffen, abhängig vom Standort des Künstlers - einmal einen Panorama- Blick, der weit über das Küstenland schweift und dem Fluß ins Meer zu folgen scheint, und einmal einen Durchblick zwischen zwei Schiffen auf den gegenüber liegenden Quai mit Häusern der Stadt. Sie fangen den Blick im nicht so fernen Hintergrund auf.
In beiden Fällen konzentriert sich der Künstler auf die Häuser, Straßen, Wasser und Schiffe, die vor ihm liegen, nicht aber auf die Luft darüber, nicht auf den Himmel. Er rückt den Horizont dicht an den oberen Bildrand, ganz im Unterschied zu den alten Niederländern, die den Horizont tief angesetzt haben, um vom Himmel - nicht zuletzt aus religiösen Gründen - möglichst viel zu zeigen. Bernhard Vogel aber beschäftigt sich mit der heutigen Welt und unterscheidet auch nicht mehr, wie einst noch die Romantiker, zwischen schöner Landschaft und häßlicher Technik. Er nähert sich diesen Motiven vergleichsweise objektiv und wertfrei. Aber er akzentuiert und interpretiert, was zum Malen vor ihm ausgebreitet ist. Er komponiert den Bildaufbau:
In beiden Bildern zieht sich das Wasser diagonal durch die Bildachsen; es entspricht unserer Stimmung, diese Diagonale von links unten nach rechts oben als aufbauend zu empfinden.
Aber Bernhard Vogel hat auf die Motive nicht verzichtet, die wenigstens optisch Verbindungen zwischen den beiden Bildhälften und damit zwischen den beiden Ufern herstellen: Die Masten und im anderen Fall die Aufbauten der Schiffe. Diese ragen so dicht vor dem Auge empor, dass sie das andere Ufer fast verdecken; nur der Durchblick erlaubt die Sicht hinüber zur anderen Seite.
Doch bleiben wir beim großen Hafenbild: Solche Panoramablicke sind beliebt. Viele Menschen, die kaum noch laufen können, klettern Berge, Emporen und Galerien hinauf, um einen Panorama- Blick zu erhaschen. Er verschafft ein erhabenes Gefühl, als wäre man etwas Besonderes auf dieser Erde. Bernhard Vogel hat also einen außerordentlichen Standpunkt gewählt, aber er verherrlicht nicht, was zu sehen ist, er registriert und verwandelt. Auf die Verwandlung kommt es an: Natürlich können wir verifizieren, was an Einzelheiten dargestellt ist - Wohn-, Geschäfts- und Lagerhäuser, ein Silo, einige Schiffe an den Molen auf beiden Seiten des Hafens und schließlich eine grau verhangene Wolkenfront mit der Prophezeihung von schlechtem Wetter.
Geht das Auge aber den einzelnen Formen nach, entdeckt es Auflösungserscheinungen, die der Betrachter nur als formale Aufgabenstellung für die Aquarellmalerei verstehen darf, nicht als Zeitkritik. Unter dem Pinsel von Bernhard Vogel werden die Bauwerke leicht und transparent, mitunter geben ein Lichtschein, die hellere Färbung eines Daches sogar vor, in das Haus hineinsehen zu können. Mauern werden transparent.
Es liegt dann nahe, dass sich die Farbe verselbstständigt, autonome Farbflecken auftreten läßt, die sich in die Motivik nicht integrieren lassen wollen. Beispielsweise der rote wolkige Fleck, der ziemlich genau die Bildmitte bestimmt und die Wasserfläche gelblich moderiert.
Im anderen Bild sind es vor allem die beiden Schiffsleiber, die das Farbklima bestimmen: Ein Blau mit leichten violetten Tönen und ein Grün, mit roter Unterfläche geben den Rahmen für einen weiten Raum vor, der weißlich gelb in Höhe des Wassers, und dunkel grau am Quai aufgefüllt wird
Andererseits erscheint gerade das Element, das gewöhnlich transparent ist und Tiefensicht erlaubt, in den Bildern von Bernhard Vogel eher dicht und geschlossen - das Wasser. Sonnenbeschienen liegt es hell vor Augen; auf seiner Oberfläche, und das macht gerade seine scheinbare Dichte aus, spiegeln sich Schiffsrümpfe und Gebäude, aber ins Wasser kann der Blick nicht einzudringen.
In dem kleineren Hafenbild ist diese Konfrontation von fester realer Dinglichkeit und Transparenz nicht so differenziert ausgeformt, denn neben dem Wasser sind auch die Schiffsleiber hart und dinglich gemalt. Ganz offensichtlich will Bernhard Vogel jede Romantik des Hafen- und Seemannslebens vermeiden, aber natürlich auch keine fotografisch korrekte Ansicht wiedergeben, sondern vor allem die Farben wirken lassen. Jedes seiner Bilder entwickelt seinen eigenen Klang.
Schauen wir noch kurz das Bild mit dem Rathausturm an: Es basiert auf roten und blauen Tönen, blau für den Himmel, wobei dieses Blau nicht sommerlich schönes, sondern winterlich kaltes Wetter ankündigt. Dann fällt auch schon das ausgesparte, also von Farben nicht besetzte Weiß auf, das im Vordergrund und zwischen den Häusern aufblinkt. Es ist Schnee gemeint, und als guter Aquarellist weiß Bernhard Vogel natürlich, das Weiß an besten durch Aussparen zur Geltung gebracht werden kann. Dass dagegen Rot steht, mildert nicht die Wirkung des Weiß - es läßt uns frösteln.
Bernhard Vogel malt vor dem Motiv, nicht im Atelier, sondern pleinair, in der frischen Luft. Im Freien zu malen, ist nicht nur eine körperliche Anstrengung, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den widrigen Umständen des Materials, seiner Empfindlichkeit gegenüber dem Wetter, das in einzelnen Aquarellen Vorgänge provoziert, die sich nicht mehr steuern lassen - wie Eisbildung oder Regentropfen, die auf die Bildfläche fallen. Die Wirkung ist nicht spektakulär, nur für gute Augen sichtbar - feine kristalline Äderchen auf kleinen Flächen, die zum Zeitpunkt des Gefrierens gerade gemalt wurden.
Bernhard Vogel meditiert angesichts Landschaft, Stadtausschnitt oder Architektur. Er verinnerlicht, und dazu gehört auch das Nachvollziehen der möglichen Gedankengänge jener, die einst Plätze, Räume, Häuser errichtet haben. Ehe also der Pinsel ins Wasser und Farbe getaucht wird, hat sich Bernhard Vogel die Motivik visuell und meditativ zu eigen gemacht.
Weil der Künstler im Angesicht der Motive arbeitet, sind ihm Titel mit Ortsangaben nicht unwichtig. Die Bildinhalte haben auch für ihn einen Wiedererkennungswert. Die Freiheit gegenüber dem Motiv, die sich Bernhard Vogel nimmt, ist die des Meisters, der sich sicher ist und der das Abmalen in kleinlicher Gradlinigkeit verabscheut als Erbsenzählerei gegenüber dem Erfindungsreichtum der Architekten wie des Künstlers.