Bernhard Vogel Akt – Stadt – Land
Über drei Themen, Venedig- Buch, Stadtlandschaften und Akte, ist in dieser Einführung zu sprechen, aber nicht über die Biografie von Bernhard Vogel, der in den letzten beiden Jahren mehrfach in diesem Haus und im Museum für Natur und Mensch, in Delmenhorst und Leer an entsprechenden Orten seine Aquarelle vorgestellt hat. Biografische Hinweise finden Sie in den ausliegenden Büchern, auch in dem kleinen Band über Venedig, den ich Ihnen als erstes vorstellen möchte.
Das Bändchen ist in diesem Jahr erschienen in einer Auflage von 1800 Stück. Der Salzburger Sammler Wolfgang Graninger hat ein kurzes einfühlsames Vorwort geschrieben, von angenehmer Kürze, und darauf folgen dann die Abbildungen der Aquarelle. Ehe Sie aber auf das Vorwort von Herrn Graninger stoßen, finden Sie vor und hinten zwischen Einband und erster Seite einen Stadtplan von Venedig, auf dem die Orte markiert sind, wo Bernhard Vogel gemalt hat. Die Nummern bezeichnen die Seiten, auf denen die betreffenden Aquarelle abgebildet sind – aber nicht nur diese, sondern auch kleine Fotos von der realen Situation der jeweiligen Örtlichkeit und Fotos vom arbeitenden Künstler, damit niemand meinen kann, es wäre ihm alles nur so zugefallen. Im Grunde sehen wir bei fast jeder Seite – zuweilen auch Doppelseite – vierMomente eines Prozesses: Der Stadtplan führt uns an den Ort, dabei sollte uns nicht beunruhigen, das der Plan aus dem Jahr 1920 stammt. Im Unterschied zu den meisten anderen Städten in Europa hat sich Venedigs Straßen- und Kanäle- Verlauf kaum verändert, das war gar nicht möglich, so dass dem alten Baedecker immer noch gefolgt werden kann. Wir stoßen zuerst auf die Fotografie des jeweiligen Motivs. Als zweiten Schritt und Abbildung entdecken wir die begonnene Arbeit, ein Papier, auf dem vielleicht nur eine Farbe aufgesetzt ist.
Dann wäre das fertige Aquarell zu nennen, das als erstes auf jeder Seite ins Auge fällt, und daneben die Fotografie des Ortes. Sie verdeutlicht, dass sich Bernhard Vogel in der Erarbeitung des Motivs alle Freiheiten erlaubt, die die Farben, die Feuchtigkeit des Farbauftragens und die Stimmung ihm abverlangen können. Was sich Bauherren und Stadtverwaltung nicht gestatten dürfen, kann der Künstler: Häuser umfärben, höher werden oder verschwinden lassen. Und dabei verändert er die Stadt überhaupt nicht, Venedig bleibt Venezia auf jeder Seite in jeder Farbe, die Bernhard Vogel verwendet. Sie finden die vier Aquarelle hinter mir in diesem Büchlein „Venezia“. Vor den Originalen haben Sie Gelegenheit, die Arbeitsweise von Bernhard Vogel noch ein wenig genauer zu studieren: Und damit kommen wir zum zweiten Punkt meiner Einführung. Nehmen wir das vielgestaltigste Aquarell: "Vaporettostation mit Salute“, das nicht die Sonne über der Adria wiedergibt, sondern einen grauen nebeligen Tag, an dem es regnen wird und der Dunst die Fernsicht verschleiert. Zwei Faktoren stützen dieses Stimmungsbild: die dunklen Pfosten im Vordergrund, die scheinbar ungeordnet in den Kanalgrund gestoßen wurden, und die grau verschleierte Kirche „Sta. Maria della Salute“, die jeder gesehen hat, der in Venedig war.
Das Wasser, das hier fast ganz ruhig zwischen den Pfosten steht – übrigens ist keine der beliebten Gondeln zu sehen –, ist so trübe, dass sich die Pfosten nicht in ihm spiegeln. Auch wieder eine populäre Motivik, auf die der Künstler verzichtet hat. Wir können festhalten, dass Bernhard Vogel durchaus Möglichkeiten des Malens zurücknimmt, auf sie verzichtet, wenn sie vom Gesamteindruck ablenken, wenn sie die Gewohnheit fördern, wie wir Venedig sehen möchten. Der Künstler will ein anderes, nicht zwangsläufig kritisches Bild von der Lagunenstadt, aber auf alle Fälle ein eigenes Bild, das den Klischees nicht entspricht.
Wenn wir den Farbablauf einmal benennen sollen, dann finden wir die größere Menge an Dunkelheiten im Vordergrund, darauf folgt ein hellerer Streifen, als wenn dort die Wolkendecke aufreißen wollte, und dann der Dunst, der nur widerwillig die Salute freigibt. Ganz gezielt gesetzte kleine rote Formen durchbrechen dieses Grau, markieren eine vertikale Helligkeit, ein Streifen quer durch das Grau, um dann in einem Rotgrau hinter der Salute zu verschwinden. Das zweite Aquarell – „Rio degli Ognisanti“ – lebt von ganz anderen Farben, primär von einem Wechsel von Blau nach Rot und dann in eine unbestimmte Helligkeit des Abendhimmels. Das Blau im Vordergrund ist extrem kräftig, sicherlich getragen von der Realität. D.h. vom Blau der hier schon seit Jahrhunderten stehenden Pfosten mit ihrer blauweißen spiralenhaften Bemalung. Zusammen mit dem Blau des Wassers ist diese Dominanz durchaus begründet, erlaubt aber den betreffenden Farben eine große Eigenständigkeit. Das Rot beginnt schon im Mittelgrund, sich vom Blau abzusetzen, um dann die Architektur auf der rechten Seite des Kanals zu beherrschen. Es überquert die Brücke und verliert an Intensität, je mehr es sich der Kirche nähert, deren Kuppel wieder grau vor einem gelblichten Himmel steht. Weiß tritt zwischen den blauen Formen auf und besetzt das linke Ufer, bis es sich mit dem Rot auf Brückenhöhe trifft. Im Grunde ist gerade der Ort, der am dunkelsten sein müsste, unter der Brücke, zum hellen Mittelpunkt der Komposition gemacht worden.
Ein kleines gelbes Quadrat hat den Ort besetzt, der durch die Brücke dunkel sein müsste, aber vom fernen Licht überstrahlt wird: Aus der Brücke über dem Wasser wird eine Brücke über dem Licht. Eine spannende Verwandlung der Realität, und zugleich eine realistische Darstellung von Lichtverhältnissen. Das vierte Aquarell hier an der Wand stammt, Sie werden es nicht erraten, aber wissen, aus Oldenburg. Ich habe Ihnen die Methode einer Bildbetrachtung bei Aquarellen von Bernhard Vogel angedeutet, hier vor dem uns allen bekannten Motiv können Sie diese leicht selbst anwenden.
Im Prinzip muss ich meine Wortwahl nicht ändern, wenn ich auf die Aktmalerei von Bernhard Vogel zu sprechen komme: Sie ist primär auch Aquarell- Malerei, d.h. die Farben werden zumeist dünnhäutig aufs Papier aufgetragen, ja, sogar sparsam: fast könnte man meinen, der Aquarell- Maler spart an Wasser, wenn er relativ große Zonen in einzelnen Bildern von Farbe und Wasser unberührt lässt. Die Aquarelle allein nach diesem Verhältnis von Weiß und Farbe zu sichten, ist eine spannende Aufgabe. Eine andere Eigentümlichkeit, die Berhard Vogel herausarbeitet und die eng mit dem skizzierten Verhältnis zu tun hat, ist die Raumdarstellung: Der Akt als Figur, Person und Körper muss sich in einem Raum befinden; nur wenige Gegenstände füllen diesen in seiner Ausdehnung stets offenen Raum: Liegen, Betten, Kissen, ganz selten ein Gegenstand, der nicht unmittelbar zu diesem Akt-Ensemble dazugehört. Diese karge Ausstattung lässt uns an ein Atelier denken, nicht an ein Schlafzimmer, vor allem aber daran, dass es hier um die malerische Konkretisierung einer Situation geht – eine menschliche Gestalt in relativier Deutlichkeit in einem offenen, in seinen Dimensionen ungeklärten Raum, inmitten ungeklärter Gegenstände oder genauer inmitten von Farben, zuweilen auf der Grenze zum Weiß, zuweilen dieses Weiß auch selbst als Licht auf dem Körper.
Wenn wir auf die Geschichte der Aktmalerei schauen, dann hatte sie stets stark erotische Beziehungen gehabt, nicht zuletzt in der spannenden Beziehung zur Prüderie der jeweiligen Zeit. Davon hat – so scheint es mir – Bernhard Vogel großen Abstand genommen.. Er würde sich dann in eine unbesiegbare Konkurrenz zu den Massenmedien begeben, und solche Konkurrenz steht einem Künstler nicht an. Sie ist zu billig.
Also geht es ihm um etwas anderes: Er nimmt den weiblichen Körper, bevorzugterweise den Körper einer jungen Frau, verzichtet aber auf eine genauere, d.h. realistische Bezeichnung dieser Person, er lässt das Gesicht in malerischer Offenheit uncharakterisiert – und jeder, der will kann an Heidi Klump und ihre Supermodels denken. Oder an ein Salzburger Madel, ganz nach Belieben. Also ist es nicht eine bestimmte Person, die Bernhard Vogel gemalt hat, sondern ein Typus, ein Motiv, das Anlass genug ist, die Fragestellungen der Aquarellmalerei neu aufzurollen. Jedes dieser Bilder enthält eine unsichtbare, aber auffindbare Skala von klarer Formsetzung mit präziser Kontur als Ausgangspunkt und einer sich auflösenden, vielfältigen, vielschichtigen, konturlosen Farbwolke, in der alle Ränder und Grenzen aufgehoben sind. Ganz selten ist der Akt selbst Träger dieser Auflösung präziser Farbgebung, meistens ist es der Raum hinter dem Akt, wo der Künstler die farbige Gegenposition zur exakten Formgebung des Aktes entwickelt hat. Auch das Aktaquarell entsteht in einem Prozess ganz ähnlich den Ansichten von Venedig: Stets ist eine Farbfläche Ausgangspunkt in der schon niedergelegten Struktur des Motivs. Von einer ersten Farbe muß der Betrachter ausgehen und die anderen dieser ersten zuordnen. Dann erschließt sich das Aquarell.
Der Akt wird – wenn nicht gezeichnet, so doch in seinen Umrissen vor dem Malbeginn auf dem Blatt platziert, gleichgültig ob nur im Kopf oder mit einem Stift auf dem Papier – wie das Modell gegebenenfalls auch erst Platz nehmen muss, ehe es gemalt wird. Alle anderen künstlerischen Vorgänge sind intuitiv, aber beruhen auch auf Erfahrung. Schauen wir auf die ganze Folge von Aquarellen, dann sehen wir, dass der Künstler die liegende Haltung bevorzugt. Den Grund sehe ich darin, dass der liegende Akt der Landschaft ähnelt, wenn er auch einen ganz anderen Ausdruck bewirkt. Diese Ambivalenz, die nicht nur das einzelne Aktbildnis, sondern die ganze Ausstellung bestimmt, dieser Wechsel zwischen Figur und Landschaft, Land und Wasser, Architektur und Raum und Körper, alle gleich, d.h. phantasievoll und konsequent als Aquarell behandelt, macht diese Ausstellung sehenswert. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.