Ausstellungsrede "Land zwischen den Wassern" in Oldenburg am 29.10.2005
im Museum für Mensch und Natur. EWE Oldenburg
Da kommt ein Maler von auswärts und aquarelliert "unsere"
Ansichten: Er malt den Lappan und die Wallstraße davor; er zeigt uns den Stau, an dem wir meist achtlos vorbei fahren, und macht uns darauf aufmerksam, wie vielfältig und vielschichtig dieser kleine Landschaftsausschnitt ist, zu den wir nur dann kommen, wenn das Staufest begangen wird oder wenn wir - die wenigen Glücklichen, die das können, - zu Fuß zum Bahnhof eilen. Er läßt uns einen neuen Blick auf die Lambertikirche werfen, die er allerdings nirgends ganz erfaßt, sondern immer nur als Teil einer Platzsituation - Casinoplatz, Marktplatz. Und da haben wir schon einen bemerkenswerten Ansatz für die Eigenart der Aquarelle von Bernhard Vogel: Er malt Räume, Plätze, und diese möglichst umfassend, d.h. mit Bäumen, Himmel, Licht und Architektur - und natürlich mit Farben, die sich des alltäglichen Grau entledigt haben und in der Sonne aufblühen oder im Schatten geheimnisvoll durchschaubar werden.
Wer ist dieser fremde Maler ? Bernhard Vogel wurde 1961 in Salzburg geboren, ging dort zur Schule, besuchte ein Humanistisches Gymnasium und lernte nach dem Abitur noch ein Jahr Ökonomie auf dem dortigen Handelskolleg. Er hat also eine solide Ausbildung; trotzdem machte er nicht im elternlichen Geschäft, in der Wirtschaft oder in der Pädagogik Karriere, obwohl ihm diese Disziplin wohl auch gelegen hätte; denn später gab er auch Unterricht in den Techniken des Aquarells.
Die Angaben über den Verlauf seiner künstlerischen Ausbildung sind spärlich, weil er wohl primär Privatunterricht bei namhaften Salzburger Aquarellisten gehabt hat.
Salzburgs Sommerakademie ist eine der ältesten und berühmt, weil sich früher selbst Künstler wie Oskar Kokoschka nicht zu schade waren, den interessierten jüngeren Kollegen, aber auch manchem Laien Handreichungen zur Aquarelltechnik zu geben. Salzburg war und ist also nicht nur ein Mozart- und Festspielzentrum, sondern auch Mittelpunkt für Malerei und besonders für Aquarell- Kunst.
Kein Wunder, dass jemand, der Sinn für diese Technik hat, dort seine Kunst vervollkommnen konnte. Bernhard Vogel hatte 1984
die Sommerakademie besucht und bei Wilhelm Lehmden studiert. Seit dem Ende des Besuchs des Handelskollegs und der ersten Ausstellung in Salzburg waren sechs, sieben Jahre vergangen, was bedeutet, dass Bernhard Vogel eine solide Ausbildung genossen hatte. Ganz offensichtlich war schon die erste Ausstellung ein Erfolg; er erhielt in einem Wettbewerb mit dem Thema "Salzburger Ansichten" den 1. Preis. Nun konnte Bernhard Vogel von seiner Kunst leben und bereits im nächsten Jahr wurde er als Seminarleiter für Aquarellkurse eingeladen oder angestellt. Organisatoren hatten also nicht nur seine Begabung als Künstler erkannt, sondern auch seine Fähigkeit, die Aquarell- Technik zu vermitteln.
Der Preis von 1987 war nicht der einzige Preis, der ihm verliehen wurde. Auch in Deutschland wurde seine Aquarellkunst mehrfach ausgezeichnet.
Zurück zur Ausstellung: Nachdem wir einen allgemeinen Blick auf die Aquarelle von Bernhard Vogel geworfen haben, sollten wir einige dieser Motive genauer anschauen, um den Geheimnissen der Malerei dieses Künstlers noch ein wenig näher zu kommen. Dass immer ein Rest bleibt, der nicht gesagt werden kann, haben Sie sicherlich schon vor Bildern erfahren; aber oft kann mehr gesagt werden, solange die Pinselführung mit den Begriffen der Sprache parallel verläuft.
Vier Motive möchte ich kurz betrachten, weil sie in recht unterschiedlicher Weise das Eigentümliche der Aquarell- Malerei von Bernhard Vogel verdeutlichen: Das sind die Aquarelle vom Schloß, vom Casinoplatz, vom Stau und vom Lappan. Sie werden es mir nachsehen, wenn ich das hauseigene Motiv (EWE) nicht mit heranziehe, obwohl es in seinem Kontrast von leerem Raum, einsamen Bäumen und massivem, aber zugleich transparenten Bau sehr spannend ist.
Die anderen Motive nehmen den Wettbewerb mit unzähligen Amateur- und berufsmäßigen Autoren auf, die sich schon an diesen Anblicken in der Vergangenheit bemüht hatten. Die Suche nach der richtigen Darstellung Oldenburger Motive, und das ist in der Vergangenheit meist eine Version des Realismus gewesen, geht weit ins 19. Jahrhundert zurück und ist uns in Reproduktionen und Grafiken erhalten. Später hat es noch eine Phase expressionistischer und postexpressionistischer Auffassungen dieser Motive von Künstlern des vorigen Jahrhunderts gegeben, die auch alle ihre Liebhaber gefunden hatten. Von da an verbot sich eigentlich das Malen der Sehenswürdigkeiten, weil die Reproduktion im Foto viel privater, viel schlichter im Aufwand den touristischen Vorstellungen und den heimischen Gemütern genügen konnte.
Bernhard Vogel hatte wohl den Auftrag, in Oldenburg zu malen, aber er war in seiner Auswahl frei. Dass er die genannten Motive auswählte, ist vor allem seinem Fremdsein zu danken; dann fallen die Sehenswürdigkeiten natürlich stärker ins Auge, das sie zu sehen nicht gewohnt ist; und außerdem die Besonderheit, wenn Sie so wollen, ihre gemütliche Beschaulichkeit, die Oldenburg zu einem beliebten Wohnort macht.
Der fremde Maler durchschaut die Idylle, so wie er das Alltägliche beiseite schiebt. Ein auf Charakteristica eines Ortes gepoltes Auge kann das Banale einer Sehenswürdigkeit vom Typischen und Vieldeutigen unterscheiden. Das hebt die Auswahl:
Der Lappan war früher mal ein Stadttor; dahinter begann irgendwo die Neustadt, und noch zu Beginn des vorigen, des 20. Jahrhunderts hatten die Passanten das Gefühl, die Stadt zu verlassen, wenn sie zum Pferdemarkt gingen. Dieses historische Element spielt im Aquarell von Bernhard Vogel keine Rolle, auch wenn er das aufragende, aber einfache Gebäude unter seines gleichen hervorhebt. Der glockenturmartige Aufsatz gibt dem Lappan etwas Wachturm- und Soldatenhaftes unter den zivilen Häusern. Aber die leise Neigung des Turms, die von den anderen Häusern scheinbar aufgefangen wird, weil sie in die andere Richtung geneigt erscheinen, versetzt den Turm in die Vergangenheit, wo Geschichte zum Spielzeug und das Militärische zum Ornament geworden ist, wie an der Vorderseite zu sehen. Dazu hat schließlich auch die Farbgebung ihren Anteil: Bernhard Vogel hat für den Vordergrund ein transparentes Blau gewählt, das die Bildszene distanziert, vom Betrachter wegrückt. Die Gegenüberstellung mit leichter Überschneidung von Cafehaus und Lappan liegt im Licht, ist ursprünglich die Kombination von einem gern besuchten und einem mit Vorsicht zu betrachtenden öffentlichen Gebäude. Ganz alte Oldenburger wissen, dass mit dem Wort öffentlich gerade hier Doppeldeutiges angesprochen werden kann - dem staatlich öffentlichen Wachhaus lag das Café Central gegenüber, das zu besuchen, Schülern verboten war - warum wohl ? Das CC ist verschwunden, das Haus geblieben und nun ein öffentlich zugängliches Caféhaus geworden.
Auch beim Stau hat Bernhard Vogel den Vordergrund blau gehalten, nun aber mit kleinen gelben Einsprengsel, die als Lichtreflexe die Oberfläche des Wassers beleben, während die helleren schattenhaften Partien im Blau neben der Lichthelligkeit auch Tiefe im Wasser andeuten könnten. Was dieses Aquarell auszeichnet, ist die allmähliche Auflösung des Dinglichen in Farben und Nichtfarben. Während am rechten Rand die Pflanzenwelt sich im spätsommerlichen Gelb verliert, nur die Molenpfosten mit ihrer Härte dem Motiv Festigkeit verleihen, werden über dem Wasser die eigentlich doch ganz festen Bootskörper ins Weiß des Blattes transformiert und in weiße Schatten aufgelöst, nur noch von einzelnen blauen Streifen zusammengehalten. Am linken Bildrand markiert der historische Kran einen Ausgangspunkt für die Straße mit ihrer Häuserfront; doch diese wird auf grau-blau-gelbe Schatten reduziert, als wäre der Stadtkern weit weg gerückt und der Hafen ein Ort für sich selbst. Für Bernhard Vogel heißt also Aquarellmalen keineswegs, nach der Realität streben und die augenscheinliche Wirklichkeit wiedergeben, sondern eine erfinden, eine Realität, in der die Gewichte anders verteilt sind, die Körper ihre Festigkeit und ihre Volumen aufgeben und Architekturen einen Schleier aus Farben vor sich ziehen. Diese Realität ist voller Fragen und Geheimnisse, ist aber keineswegs ein Märchen, denn die Elemente der Gegenwart sich sichtbar, Lampen, Motoren, Anleger,
aber der Künstler ist in der Lage, in diesen ganz sachlichen Dingen Zwischenwelten und Handlungsvorgänge zu entdecken und zu vermitteln, so dass von den Dingen ein Zauber ausgeht, der einzigartig ist.
Erstaunlich ist, dass Bernhard Vogel das alte Rathaus am Markt erfaßt, wie es sich die Erbauer vor 120 Jahren vorgestellt haben - als eine städtische Burg mit vielen Türmchen und schmalen hohen gotischen Fensterlein, zurückversetzt in eine Zeit, als es ein Oldenburger Bürgertum mit Rathaus- Eigenständigkeit noch gar nicht gegeben hatte. Dieser fremde Maler, der natürlich auf den Salzburger Bühnen ständig mit irgendwelchen vergangenen Scheinwelten konfrontiert wird, hat die Fähigkeit, die Träume früherer Oldenburger Stadtverordneter zu erfassen, denen ein kostbares historisches Rathaus nicht gut genug war, weshalb sie ein noch älteres neu bauen wollten, freilich in der historischen Ausformung überall ein bißchen korrigiert. Bernhard Vogel malt dieses neogotische Gebäude in einem märchenhaften blaugrünen Farbton, der es ganz weit weg rückt vom roten Kirchenportal und dem jugendstiligen Hauserker auf der gegenüberliegenden Seite. Während aber das Kirchenportal vor lauter Eingangsstufen und - toren kaum zu erkennen gibt, welches der richtige ist - auch heute noch rütteln Fremde an allen Türen, bis sie die richtige gefunden haben, weswegen jetzt ein Schild dort steht "geöffnet", kehrt das Rathaus sein schmales Antlitz dem Betrachter entgegen, nur dass der Abschnitt unzugänglich bleibt, denn der denkbare Eingang ist nur Schein. Heute wehrt eine Bronze jedes Näherkommen ab.
Was sagt Bernhard Vogel mit diesem Bild ? Oldenburg ist eigentlich eine gradlinige Stadt ohne andere Probleme als die, die alle haben, aber auch hier voller Bescheidenheit. Aber damit es auch nicht zu schön und zu einfach ist, schaffen sich die Oldenburger ein paar Probleme selbst, hausintern, lokalisiert und nicht ganz ohne Witz, so daß darüber auch gelächelt werden darf.
Haben wir eben die Lambertikirche in Beziehung zum Rathaus gesehen, so steht sie im letzten der ausgewählten vier Bilder im Hintergrund und in Beziehung zum Schloß. Architekturgeschichtlich ist das sicherlich berechtigt, denn in den Fassaden des Schlosses manifestiert sich Baugeschichte, in der Fassade der Kirche eher nicht. Aber Bernhard Vogel geht es nicht um die kunst- und architekturgeschichtliche Würdigung, sondern wiederun um ein Ensemble aus Natur und Architektur, um Malerei im Licht und darüber hinaus in den malerischen Prozess, vom Gegenständlich- Konkreten, das immer sein Ansatz ist, zum Abstrakten vorzudringen, weil sich in ihm das Malerische in seiner Reinheit am besten ausdrücken läßt. Im Schloßbild ist der Eckturm das Moment deutlichsten Realismus' - auch wenn dieser Begriff insgesamt für das Werk von Bernhard Vogel kaum anzuwenden ist; er ist eine Hilfe, um dann von einem schon allgemeiner werdenden Innenhof zu den Teilen des späten 19 Jahrhunderts mit ihrer schmucklosen Fassade zu gelangen, die der Künstler nur noch andeutend gemalt hat. Und der gleiche Vorgang im Vordergrund, wo die kraftvollen Baumstämme wiederum dem Realismus nahe sind, die Büsche aber zu dichten, teilweise mehrschichtigen Farbflecken werden, in denen Einzelheiten schließlich verschwimmen, sich zu abstrakten Farbflecken verwandeln.
Ich darf das noch einmal zusammenfassen, was die Bilder von Bernhard Vogel charakterisiert: Er malt mit eigenständigen Farben subjektive Ansichten von Plätzen und Räumen, in denen er die Architekturen zart und transparent, oder mächtig und unzugänglich darstellt. Immer geht er von einem Motiv aus, aber im Prozess des Malens findet er Möglichkeiten, auch den bildimmanenten Weg vom realistischen Gegenstand bis zur freien Farbsetzung zu gehen und damit die Möglichkeiten der Malerei auszuloten.
Das alles geschieht in der freien Luft - Fachausdruck »plein air», ohne dass der Betrachter etwas von den Anstrengungen gerade dieser Malweise merkt, wenn er nicht einzelne unerklärbare Farbflecken in den Kompositionen als mögliche Regentropfen wahrnimmt. Aber nicht jeder Farbfleck war ein Regentropfen.
Meine Damen und Herren, gegenüber den einzelnen Aquarellen von Bernhard Vogel dürfen Sie durchaus Ihre Phantasie spielen lassen, wenn Sie sich an die Fakten halten. Ich habe Ihnen Beispiele gezeigt; die vielen aufragenden Bilder von Rastede bis Leer, von Dangast bis Polen können Sie sich nun selbst erschließen.