Alles wird Landschaft
Auf das Motiv kommt es schon längst nicht mehr an in der Aquarellistik Bernhard Vogels. Was den Künstler heute erregt, ist die durchdachte Dramaturgie formaler Elemente, die nicht mehr eng an das Gegenständliche gebunden sind. Vogel wird immer ein an nahen Dingen, an Stadt-Physiognomien, an bestimmten Landstichen und Menschengesichtern interessierter Maler bleiben. Die puren Spiele der plätschernden Wasserfarben und die diffusen Seelenlagen, die sich angeblich in Pfützen und Rinnsalen spiegeln, überlässt er zur gefälligen Untersuchung anderen. Alles, was Farbe in den Augen anderer so ausdrucksstark macht, so reizvoll entfesselt, widerstrebt seinem konstruktiven Naturell. Farbe gehört diszipliniert, in Bahnen gebracht. Das angebliche Vehikel des Emotionalen muss auf Schienen gesetzt werden. Dieses Rohmaterial, in dem so viel beunruhigender Sprengstoff verborgen ist, soll geschliffen werden wie ein trüber Stein, der danach nach präzisen Regeln funkelt. Das Ungefähre und Verfließende, das Andeutende und nicht ganz Erfasste, eben die vielfach vorgeblendeten Schutzschilde des Dilettantismus, sind dem Künstler ein Graus.
Bernhard Vogel ist ein Anti-Wasserfarbenkünstler nach landläufigem Verständnis. Er bedient nicht die vulgärimpressionistischen Erwartungen, er agiert niemals affirmativ zu Motiven und Stimmungen. Er ist ein Erzieher zum strukturierten Sehen. Wie ein Kristallschleifer holt er auf seinen Reisen das Unerwartete aus dem visuellen Alltagsgeröll, das jeder zu Gesicht bekommt und mit dem die meisten doch nicht mehr sehr viel anfangen können. Es ist doch alles schon zu Tode gepinselt und geknipst und die Standardforderungen de Moderne wie Wahrhaftigkeit der Empfindung in den Scherben der aufgebrochenen Form wirken antiquiert. Keine guten Voraussetzungen für alle Liebhaber der schnellen, diebischen Aneignung von Welt-Souvenirs - seien es rasch hingewaschene Nachbilder schöner Städte, Blumen oder Gesichter. All dem setzt der Künstler ein bemerkenswert vom herkömmlich Aquarellistischen emanzipiertes Gestaltungsmodell entgegen.
Für Bernhard Vogel sind die Ansichten des allzu Bekannten wie des Unbekannten gleichermaßen interessant und ergiebig. Er porträtiert Venedig nicht anders als eine Industrieanlage, ein attraktives Blütenarrangement, einen Alpenzug, eine toskanische Hügelmelodie oder eine nördliche Flacherstreckung. Für ihn gilt es, das Vorgefundene - sei es im augenblicklichen Erleben und Einfühlen auch noch so reizvoll und stimmungsträchtig - von allem Floskelhaften und Gefühligem zu reinigen, aus dem Nebel des Subjektiven zu schälen. In einem strikten Prozess der räumlichen und farbigen Neuordnung entstehen durchbrochene, ineinander verschränkte Schichtungen aus Licht und Farbe, die manchmal besonders behandelt wird.
Bernhard Vogel blickt in die Welt und man erkennt das, was er gesehen und gemalt hat. Das wird wahrscheinlich immer die traditionelle Basis bleiben. In diese ohne jeden Zwang und jede Vordergründigkeit eingezogen ist aber ein besonderes Form-Farbgerüst, das aus jeder Ansicht mehr macht als einen mehr oder weniger anmutigen Abdruck der Wirklichkeit, als der Aquarellmalerei häufig missverstanden wird.
Bernhard Vogel verwandelt alles in überlegen konzipierte Landschaften aus Elementen, die sich den Anschein des Realistischen geben. In Wahrheit ermalt sich Bernhard Vogel eine eigenständige Fantastik aus räumlichen Staffelungen und Verwerfungen, farbigen Barrieren und Durchlässen, Lichtführungen und Lichtschranken. Bernhard Vogels winterliche Bergkämme und norddeutsche Sommerheidezonen sind nicht stimmungslos, aber das Atmosphärische entsteigt nicht naturalistischen Niederungen. Es geht längst nicht mehr um Motive, sondern um komplexe Malkultur, deren Distanziertheit der kulinarischen Erlebbarkeit nicht im Wege steht.