Bernhard Vogel: Akt
Von der Aquarell-Skizze zur Körper-Landschaft
Wer das künstlerische Schaffen von Bernhard Vogel schon seit längerem verfolgt, kennt neben den Aquarellen aus Ländern, Städten und Landschaften sowie den großen Stadtbildern in Mixed Media-Technik natürlich auch die herausragenden grafischen Arbeiten (vorgestellt in seinem Buch „Werkverzeichnis, Radierungen 1988–2002“) und nicht zuletzt die markanten Kopfporträts des einfühlsamen Künstlers: zahlreiche Sammler, Freunde und Bekannte erfreuen sich bereits an einem vom Künstler angeregten oder in Auftrag gegebenen Porträt. Dass Bernhard Vogel nun aber auch begonnen hat, Akte in Aquarelltechnik zu schaffen, ist eine wirkliche Novität. Die Behandlung dieser Tatsache in einem eigenen Artikel ist also nur eine logische Folgerung.
Der Maler selbst spricht voller Bescheidenheit davon, dass er immer Vorbehalte hatte, was dieses malerische Thema angeht. Um in diesem Genre Interessantes zu schaffen, ist als Ausgangspunkt ein geistiges, bei manchen Malern auch ein persönliches, Vorbild und zumeist auch ein wirkliches professionelles Modell üblich. Als ich 2005 – beim ersten Interview mit dem Künstler für den „palette + zeichenstift“-Artikel in Heft 2/2006 – Herrn Vogel erstmalig auf dieses mögliche Thema ansprach, erhielt ich folgende Antwort: Wenn er, Bernhard Vogel, sich dem Wunsch vieler Bewunderer und Freunde beuge und sich in absehbarer Zeit tatsächlich dieser Thematik malerisch nähern würde – für die er durchaus einen inneren Antrieb bereits in sich spüre, dann würde dieses Urbild oder Modell wie auch das gemalte Ergebnis ganz klar abstrakt auftreten, um dann letztlich wieder für etwas anderes zu stehen. Ganz zu schweigen von irgendeiner vordergründig erotisch geprägten Konnotation des weiblichen nackten Körpers, da distanziere er sich ganz klar. Vogel sagt von seinen Akten übrigens heute selbst, das „Individuelle käme bei seinen Bildern eben nur dann heraus, wenn sich der Akt vom reinen Abbild abkehrt.“ Wenn der Beschauer die Möglichkeit habe, die dargestellte Person ausschließlich für sich persönlich zu entdecken, bestünde damit einzig und allein die Chance, seine, Vogels Kunst auch wirklich zu werten.
Doch Frauenakte und nichts anderes sollten es sein, darüber war sich Vogel von Anfang an klar, denn zur Schönheit der Frau und ihrer Art, ihn zu inspirieren, gebe es keine Alternative.
Den Ausschlag, erste Ideen dieses für ihn neuen Genres in die Realität zu überführen, gab, wie er sagt, letztlich sein Galerist Manfred Lehmann, der, obschon mit seiner Galerie Loy in Rastede bei Oldenburg weitab von den großen und angesagten Kunstzentren angesiedelt, als großer Anreger innovativer Materialien, Themen und als Mittler interessanter Künstlerkontakte gilt. Und so kam es dann zu einer einmaligen und in einem Zeitraum von wenigen Wochen fertig gestellten Aquarellserie und in der Folge zu einer Ausstellung in dessen Galerie, die neben Stadt- und Landschaftsbildern erstmalig auch diese Akte von Bernhard Vogel zeigte. Die Ausstellung wurde am 28. April eröffnet und wegen des großen Erfolges bis Mitte Oktober 2007 verlängert.
Im Gegensatz zu den Kopfporträts Vogels ist allerdings Individualität kein Merkmal dieser Akte, weswegen auch keine Modelle aus seinem persönlichen Umkreis reale Vorbilder liefern könnten. Die gewählten Personen seien schon aus den oben angesprochenen Gründen nicht relevant.
Bereits beim Setzen der ersten Striche interessiere ihn vor allem das Skizzenhafte einer Figur. Bernhard Vogel startet mit einer schnellen Anlage der Körperumrisse mit einer eher zurückhaltenden, dünn gehaltenen Aquarellfarbe. „Leicht und schnell“ müsse diese erste Bestandsaufnahme vor sich gehen, sagte mir der Maler im Interview – und diese rasche „Grunddefinition“ einer Zeichnung sei eine ihn bereits von Anfang an wirklich „fordernde Konzentrationsübung“. Er versuche dabei stets, diese erste Bildidee in einem Zeitrahmen von etwa zwanzig Minuten umzusetzen.
Die Aus- oder Nacharbeitung dann erfolge stets zuhause in seinem Atelier. Diese Arbeitsphase sei ihm auch sehr wichtig, wobei allerdings die „allererste kreative Phase der Niederlegung einer Skizze immer geheimnisvoll durchscheine“.
Eine neue Farbpalette beim Aquarell
Neu an diesen Aktbildern ist vor allem eine starke Verwendung des Kontrastes von Rot- und Blautönen, wie sie auch aus den Mixed Media-Stadtbildern bekannt ist. Hier tritt aber noch in Ergänzung ein lichtgesättigtes Gelb auf. Die starke Kontrastgebung durch tiefstes Schwarz, mit dem etwa die Bilder aktueller Großstadtfluchten ihre Abgrenzung und Dynamik erhalten, fehlt dafür gänzlich. Ebenso kehrt sich Bernhard Vogel ab von seinen in den Aquarell-Landschaften wohlbekannten und häufig wiederkehrenden Farb-Harmonien der Winter- und Sommertöne – Siena gebrannt und natur, Umbra in ihren Variationen in Kombination mit verschiedensten Blautönen, die dem Betrachter oder Sammler mittlerweile schon so vertraut sind, dass man oft schon allein an ihnen die Handschrift des Urhebers treffsicher erkennt. Doch was er auch in den Akten beibehält, sind seine landschaftstypischen Formationen, die hier eindeutig in den Körpern wie auch außerhalb davon zutage treten. Und so findet er für sein erstes und immer noch grundlegendes Medium, das Aquarell, in den Akten neue Farbklänge und Rhythmen.
Viele begeisterte Bewunderer von Vogel haben auf seinen Seminaren seine Malweise studieren können. Hält man sich diesen Malprozess vor Augen, so tauchen – im bei Vogel stets spannend zu beobachtenden Fluss der Farben – dann wie von selbst in den weichen und geradezu gleitenden Körperformen, die der Künstler hier gestaltet, dreidimensionale Flächen auf, die man als „Körper-Landschaften“ bezeichnen könnte. Das reicht von der bloßen Andeutung der Körperglieder durch farbiges Fließen bei den Bildern „Liegender Akt im Licht“ und „Liegender Akt mit Polster II “bis zum geheimnisvollen Durchscheinen des Körperinneren wie in einem expressionistischen Röntgenbild beim „Stehenden Rückenakt“.
Die Körper „floaten“, das Schwebende ist der Leitsatz schlechthin – und das bei einer völlig klaren Konstruktion der Gesamtkomposition.
Eine Farbe allerdings erhält hier vernehmlich ihre größte Bedeutung, und nimmt triumphalen Einzug bei diesen Akt-Aquarellen: Wie auf einigen der bekannten Venedig-Bilder, bei denen etwa die roten Vorhänge der berühmten venezianischen „Pescheria“, einer Fischverkaufshalle, (im Buch „Venezia“, Seite 8) wild bewegt nach draußen wehen und so den irisierenden wie irritierenden Lichteinfall auf diese offene, leicht und elegant wirkende Gebäudesituation abbilden, so tobt dieses gleiche starke Rot nun in und rund um die ruhenden Körper der Aktmodelle. Die Folge ist trotz großer fingierter Entspanntheit eine vibrierende, ja knisternde Atmosphäre der Bewegtheit in den Körpern und auch in ihrer Umgebung, seien es angedeutete Schatten (Berge?) oder plötzlich lebendig erscheinende Requisiten wie Ruhebetten, Decken oder Polster. Hier wird im gestalterischen Fluss der Kunstaktion wie auch in der Kommunikation mit seinem Modell eine große persönliche Bewegtheit gleichermaßen spürbar.
Bernhard Vogel sieht dabei durchaus bewusst das Archetypische des Körpers – quasi „als eine Perfektion des Augenblicks“, wie er es selbst bezeichnet, wenn etwa „das von Blau umhüllte Rot“ des Körpers direkt zu explodieren scheint, wie wir es im Bild „Frauenakt I“ sehen können.
Das Typische und das Überindividuelle
Und noch etwas ist neben den Farben hier ganz neu im Werk des großen Künstlers und tritt deutlich in den Vordergrund: Es ist eine Verherrlichung der „wunderbaren Körperarbeit, die im Spiel der Muskeln und der Sehnen zu einem Kult werden kann“.
Bei den bereits angesprochenen zahlreichen Kopfporträts, die Vogel gemalt hat (vorliegend im Buch „Face2Face“), wurde in einer kunstvollen „Ebene der Erstarrung“ noch das jeweils Typische des dargestellten Menschen unleugbar und überdeutlich ausgesagt. Irgendwie bleibt dieser erste Eindruck für den Betrachter bestehen, und irgendwie ist er auch gar nicht anders interpretierbar als so, wie er jenen aquarellierten Menschenkopf beim ersten Mal gesehen hat. Bewirkt wird dies durch eben eine Darstellung jenes Spiel von Muskeln und Sehnen, das dabei aber als besonders herausgehoben und sehr überspitzt wie eine starre, unabänderliche Maske erscheint (vergleiche das Selbstportrait Bernhard Vogel auf Seite XX).
In Bernhard Vogels Akten hat die nunmehr als „Apotheose“ des Körpers gemeinte Schönheit der Bewegung sowohl die Weichheit und Lieblichkeit eines fruchtbaren Tales wie, an manch anderer Stelle, die Kraft und Unbändigkeit eines Wildbaches, die Schroffheit und Abstraktion von Berggipfeln, die in Vogels Berg- und Winterbildern stets klar zu sehen sind. Und: Jeder Betrachter wird sie in seinem eigenen Lichte, mit seinen eigenen Gefühlen und Reminiszenzen erleben, und er kann sie auch wieder anders erleben. Ein größerer Gegensatz zu den statischen, wie in einer Madame Toussaud’schen Zeitsequenz gefangenen, gleichsam für immer „konservierten“ Köpfen Vogels ist für mich als Rezensentin nicht denkbar! Und gerade dieser Kontrast, ob nun gewollt oder nicht, zeigt für mich die Entwicklungsmöglichkeiten eines Künstlers in Dimensionen, die weit über Maltechniken hinausgehen.
Die Erschaffung eines archetypischen Modells
Der Eindruck des „Überindividuellen“, der bei den Akten vom Künstler ganz bewusst so intendiert ist, verstärkt sich durch die Tatsache, dass die Köpfe der Aktmodelle nie individualisiert behandelt werden: vielmehr wirken sie wie hinter einem Schleier, dem Schleier des Archetypus, den ihnen der Künstler ganz bewusst umlegen will, der damit auch die ganze Figur regelrecht der Schwerkraft entzieht und so die lebendige, atmende Körper-Aura umso mehr hervorhebt. Kein Blick, kein Lächeln ist nötig: Hier „sprechen“ die Körper viel beredter von einem Ritus, einem Rhythmus, der Feier von Körper-Kulten. Der Kopf wird bedeutungslos oder nimmt die Form eines Typus an: Beim Bild „Frauenakt I“ gleicht der Kopf der dargestellten Person einer japanischen Manga-Maske und wird zur geheimnisvollen Individuation einer historischen oder auch virtuellen Priesterin oder Göttin, die zwischen der Frau, die in diese Rolle geschlüpft sein könnte, und dem Bildbetrachter als Vermittlerperson fungiert: als Führerin in eine unbekannte Welt sinnlicher beziehungsweise übersinnlicher Erlebnisse. Der Untergrund, über dem die Figur zu schweben scheint, wirkt dabei als Ebene der Erkenntnis oder eines Metaplans: sie verschmilzt eine ästhetische Farbgebung, in die ein künstliches, imaginäres Licht hineingewoben wird, und erscheint schließlich als Landschaft, wie man sie aus anderen Bildern Bernhard Vogels kennt, neu.
Eine Aussage Vogels zum „künstlich erschaffenen Raum“, wie er um das Aktbild herum wirkt, gab mir, nachdem ich vom diesjährigen Interview in Salzburg wieder in mein Büro zurückgekehrt war, Rätsel auf, und ich musste nachfragen: „Bei passender Atmosphäre erschafft man künstlichen Raum nur erst im Verborgenen.“ Soll heißen: Wenn beim Malprozess alles optimal ist, der Zeitpunkt richtig, das Licht stimmt auch, und das Atelier ist aufgeräumt, dann kann sich dieser Prozess möglicherweise nicht optimal entfalten. Dies gelingt Herrn Vogel daher wohl am besten im seinem Atelier, in dem eindeutig nichts chaotisch, aber vieles noch ungeklärt ist, viele malerische Arbeitsprozesse in allen Entwicklungsphasen befindlich sind und daher auch quasi metaphysisch auf neue Arbeitsphasen einwirken können. Es bleibt spannend, abzuwarten, welche neue thematische Herausforderungen diese Arbeitsweise in Zukunft im Werk von Bernhard Vogel annehmen wird…
Schwerelosigkeit als Ziel
Schwerelosigkeit ist aber ein wichtiges Thema nicht nur in der Mystik, es gab sie selbst in der Kunstrichtung des Konstruktivismus Anfang des 20. Jahrhunderts, die doch auf geometrischen Modellen und damit eingeschlossen starker Körperlichkeit und großen Massen aufbaut. Sie fand auch Ausdruck in den Bildern ihres Wegbereiters Kasimir Malewitsch und anderer russischer Größen oder etwa des Deutschamerikaners Lyonel Feininger. Der bekannte niederländische Architekt Rem Kohlhaas, dessen Gesamtwerk diesem Hauptthema verschrieben zu sein scheint, formulierte es jüngst so: „In den sowjetischen Schulen haben sie tatsächlich die bald zu erwartende Aufhebung der Schwerkraft gelehrt.“ Und nicht nur dort war das der Fall. In der deutschen Architekturzeitschrift „Frühlicht“ (4 Ausgaben, 1921–1922), bei den italienischen Futuristen und der niederländischen Stijl-Bewegung wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Möglichkeiten, ob in Architektur, Malerei oder Design einen Anschein der Schwerelosigkeit zu erwecken, ausgiebig erforscht und zum Gestaltungsthema gemacht.
In diesem Sinne sind auch Vogels „neue Körper“ als Aura spürbar, die die Gesetze der Erdanziehung aufzuheben scheint
BUs
072 Liegender Akt, 2007
Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die in einer eleganten Vasenform gehaltenen, nach oben gereckten Beine des entspannt daliegenden Modells. Da diese Details größtenteils im gleichen Farbtonwert gehalten sind, wird der Fokus darauf noch verstärkt.
06280 Frauenakt I, 2007
Der Hintergrund einer sanften Landschaft gleicht dem im Bild „Liegender Akt“, doch scheint der hier aufrecht dargestellte Körper förmlich vor dieser Landschaft zu schweben.
06229 Stehender Rückenakt, 2007
Der Oberkörper dieser Frau bietet in seiner eleganten Drehung und luziden Durchsichtigkeit – als blicke man auf fluoreszierende Körperorgane – ein Bild äußerster Eleganz.
06233 Sitzender blauer Akt, 2007
Dies ist der einzige Akt in der gezeigten Bilderfolge, der noch die bekannten „Vogel-typischen“ Farben Siena und Ultramarin aufweist. Das von Blau umflossene Weiß des Körpers gemahnt zunächst an schimmernde Rüstungen vergangener Zeiten, dann wirkt es aber doch mehr wie eine „Fechter-Montur“ des 21. Jahrhunderts, die zwar den herausgehobenen Status der Person als Sportlerin und Kämpferin erkennen lässt, aber genauso ihre große Verletzlichkeit.
06234 Liegender Akt im Licht, 2007 und 06239 Liegender Akt mit Polster II, 2007
Sparsame Farbflächen, die den Körper nur andeuten, und maskenhafte Gesichter definieren Typisches. Bernhard Vogel meint, seine Akte seien bei weitem nicht nur fließend, sondern durchaus auch „zackig und hart wie eine Steinlandschaft“. Der Leser und Betrachter ist gehalten, sich selbst ein Urteil bilden.
06236 Liegender Akt auf dunkler Decke, 2007
Die Decke umschließt den Körper eng wie eine Hängematte: die Muskeln bleiben angespannt, denn der ganze Körper muss sich dieser Dehnung und Straffung anpassen…
Neue Bücher von Bernhard Vogel:
Kurstermine 2008:
Atelierkurse: 18.-20.1, 20.-24.2., 26.-30.3., 13.-15.6, 19.-21.9., 06.-09.11., 16.-18.12.
Malreisen 2008:
10.-13.4. Linz
25.-30.5. Rhein
20.-24.7. Hamburg
24.-29.8. Venedig
07.-11.9. Pfitztal
28.9.-04.10. Toskana
Geplante Ausstellungen:
16.10. 07: Wiener Neustadt, Domgalerie
19.10.07: Düren, Galerie Vetter
03.11.07: Galerie Schneider Berlin
23.11.07: Galerie „G“, Heidelberg
2008: April: Galerie Koch, Hannover; Mai: Catto Gallery, London; November: Galerie Weihergut, Salzburg