Land zwischen den Wassern

Berhard Vogel 2005

text für das 4. Callweybuch

»Der Termin ist die beste Inspiration«, sagte Gioacchino Rossini. Ich spürte diese Art von Herausforderung und Druck, als ich den Auftrag annahm, ein Buch mit über sechzig Aquarellen, vier Auflagen von Radierungen und einen Kunstkalender innerhalb von drei Jahren für das große Firmenjubiläum der EWE Aktiengsellschaft rechtzeitig fertig zu stellen. So ein Auftrag will strategisch geplant und genau vorbereitet sein. Dafür war mein Partner, der Galerist und Freund Manfred Lehmann zuständig und bestens geeignet. Zuerst wurden die Motive geordnet und in größere Sektoren zusammengefasst. Daraus resultierten vier große Malreisen: Ammerland, Ostfriesland, Rügen und Brandenburg mit Polen, außerdem zwei Städtereisen nach Oldenburg. Das ist das Versorgungsgebiet der EWE Oldenburg mit seinen landschaftlichen und baulichen Höhepunkten.

Für das Malen vor Ort ist das Aquarell die ideale Technik. Geschichtlich gesehen war die transparente Wasserfarbentechnik zuerst nur ein Illustrationsfüllsel für grafische Konturen z. B. für Buchillustrationen. Erst durch die berühmten Reiseaquarelle von Albrecht Dürer und die Aquarelle der Romantiker begann die Entwicklung dieser Technik als eigenständiges Medium. Stimmungen und Erlebtes konnten spontan eingefangen oder skizziert werden. In Österreich hatte diese Technik besonders im19. Jahrhundert z.B. bei Thomas Ender oder Rudolf von Alt einen großen Stellenwert. Aus dieser Tradition heraus begann in den 70er Jahren, besonders mit dem österreichischen Maler Kurt Moldovan, etwas Neues. Nicht mehr das Akademische, also die perfekte Wiedergabe des Gesehenen oder der Stimmung war wichtig, sondern vielmehr eine eigenständige Bildaussage und Handschrift.

Mit dem Galeristen begannen wir die erste Malreise im Frühjahr 2002. Unser erster Standort war Verden an der Aller, von wo täglich eine Fahrt in die verschiedenen Richtungen begann. Es war eine sehr regnerische und trübe Woche, nicht gerade stimmungsvoll und repräsentativ für das schöne Alte Land, Worpswede, Stade oder Cuxhaven. Ich bin allerdings kein Maler, der stundenoder tagelang auf das richtige Licht wartet. Ganz im Gegenteil: Gerade eine neutralgraue Stimmung lässt jede Form von Fantasie offen, was Licht und Farben betrifft. Ich male mir sozusagen meine eigene Stimmung. Viel wichtiger ist die Komposition, die Spannung der Formen, wie der Weg ins Bild mit Bildeinund -austritt. Obwohl die Vorgabe war, markante Monumente und Firmengebäude mit Wiedererkennungswert zu schaffen, war für mich das Abbild oder die Wetterstimmung überhaupt nicht wichtig. Die innere aktuelle Stimmung und die Beziehung zur präsenten Umgebung fließt ohnehin unbewusst in das Gemalte mit ein. Für neue Bilder brauche ich keine Ideen oder besondere Themen. Neue Motive oder eine Malreise wie dieser Auftrag bringen genug Begeisterung und Antrieb mit, um in den Malrhythmus zu kommen, bei dem das Motiv selbst nicht mehr wichtig ist. Perspektive, Tiefe, faszinierende Gegensätze sind sicher mitentscheidend für das Gelingen eines Bildes. Das wahre Kreative passiert aber völlig unabhängig von akademischen und theoretischen Vorgaben und deshalb auch vom Gesehenen und schlussendlich sogar von einem selbst. Das ist der schöpferische Prozess.

Angekommen am Zielort lag es nun an mir einen geeigneten Blickwinkel zu finden, der für eine bildnerische Umsetzung spannend genug war. Meistens gelang es, weil ich dabei völlige Freiheit hatte, ohne Beeinflussung des Auftraggebers. Ich kann nur das malen, von dem ich auch überzeugt bin und wenn die Kriterien Bildaufbau, Tiefe, Spannung und Komposition im ästhetischen Sinn erfüllt werden.

Das erste fertig gestellte Bild war das Feuerschiff von Cuxhaven an einem sehr kalten und regnerischen Tag. Es begann eine Serie, die sich immer schneller und dynamischer vermehrte. Die Unsicherheit, dem Auftrag eventuell nicht gerecht zu werden, schwand mit jedem gelungenen Bild, und immer begeisterter ging ich ans Werk. Es sammelte sich ein Schatz an. Viele Bilder wurden erst zu Hause im Atelier fertig gestellt. Mit Abstand betrachtet, kann man seine eigenen Bilder besser und effektiver kritisieren. Viele Skizzen, Zeichnungen und Fotos werden dafür verwendet. Dieses Prinzip der Nachbearbeitung findet bei jeder meiner Malreisen statt.

Der Bann war gebrochen und voller Optimismus begannen wir die nächste Malreise zu planen: die Insel Rügen mit Hiddensee. Für mich, nachträglich gesehen, die schönste Malreise, weil alle Motive auf dieser Insel kompakt zu erreichen waren und alle von der sommerlichen Ostseestimmung geprägt wurden. Dies hat mich beflügelt und ich malte mit Begeisterung. Aus mehr als dreißig Bildern wurden schlussendlich nur zwölf für das Buch ausgesucht. Ein Lieblingsmotiv auf Rügen war Sassnitz, einer der schönsten Binnenund Fischerhäfen, die ich bis jetzt erlebt habe. Hiddensee ist wieder etwas völlig anderes und es war sehr schade, dort nur einen Tag zu verbringen.

Den nächsten angepeilten Sektor bereisten wir im Herbst 2002. Diesmal war die Küste Ostfrieslands Thema und Hauptziel, aber auch Schlösser, Burgen und Städte wie Rastede, Leer, Westerstede, Jever, Delmenhorst, um nur einige zu nennen. Besonders eindrucksvoll und sehr berührend war für mich die Melancholie und Einsamkeit der weiten Landschaften Ostfrieslands und das Meer im Spätherbst. Neu waren auch die vielen fast urwüchsig anmutenden hohen Bäume und Alleen, die entlaubt wie riesige Kraken wirkten, sowie der überall üppig wuchernde Rhododendron.

Eine neue noch nie vorher gesehene Landschaft mit ihren vielen unterschiedlichen und geschichtsträchtigen Orten malerisch tätig kennen zu lernen, ist für mich ein zwar altmodisches, aber sehr intensives und tiefgehendes Erlebnis. Entgegen dem flüchtigen Zeitgeist und der Schnelllebigkeit male ich gerne direkt vor dem Motiv. Oft mussten meine Begleiter das Bild mit Regenschirmen abdecken und mich mit heißem Kaffee und Schnaps retten. Kalter Wind und kriechende Kälte konnten Mütze, Handschuhe und viele Wollschichten nicht aufhalten. Die ersten Pinselstriche und Flächen wollte ich aber unbedingt vor Ort malen, denn der erste Farbauftrag schimmert dann durch alle auch im Atelier darüber gelegten Schichten. Über den Jahreswechsel hinaus hatte ich Zeit, diesen dritten sehr vielseitigen Zyklus zu überarbeiten und zu vollenden.

Im nächsten Frühjahr machten wir uns wieder auf und besuchten Orte in der Nähe von Oldenburg, auf den Ostfriesischen Inseln, Küstenorte sowie Werftanlagen und Fabriken. Auch die schöne Altstadt von Oldenburg war Thema und Programmpunkt dieses Aufenthalts. Es war die abwechslungsreichste Malreise des Auftrags, denn schon allein auf einer der Ostfriesischen Inseln könnte man mindestens eine Woche verbringen. Es war ein intensiver Wechsel von Motiven, und ich konnte dazwischen kaum Luft holen. Die Arbeit in der Werftanlage Papenburg war ein Höhepunkt und völlig außer der Norm, was die Motive angeht. Das Innere eines Schiffes in seiner Entstehung zu malen ist, als wäre man bei einer Operation dabei. Das Stahlgehämmer habe ich noch jetzt in den Ohren.

Die letzte Malreise war die schönste, was das Wetter betrifft. Es war der Jahrhundertsommer 2003 und ich konnte bis spät in den Abend malen. Die Reise ging in die Region Brandenburg mit Westpolen. Vom Ausgangsort Straußberg bei Berlin fuhren wir Ziele an wie Lieberose, Chorin, Schwedt, Fürstenwalde, Königs Wusterhausen, Eberswalde sowie Ziele in Westpolen. Dazu kamen noch die malerischen Landschaften des Oderbruchs östlich von Berlin. Die ostdeutschen Städte mit ihren Jahrhundertwendehäusern haben mich sehr begeistert. Am liebsten würde ich sie alle selbst renovieren. Eine so große Ansammlung fantastischer Architektur habe ich selten woanders gesehen. Die ausgestorbenen, noch nicht entdeckten und ganz abseits gelegenen Orte wie z. B. Lieberose habe ich besonders ins Herz geschlossen. Es war ein wunderbar inspirativer Abschluss und ich nahm mir viel Zeit, auch noch im Atelier daran zu arbeiten. Vielleicht wollte ich den Abschied hinauszögern, weil ich diesen Auftrag lieben gelernt hatte.

Der richtige Abschluss wird mit der Ausstellung stattfinden, die für einen Künstler auch Abschied und Ende bedeutet. Deswegen bin ich bei einer Vernissage nie euphorisch, eher traurig und einsam.

Es war eine sehr schöne, meditative und intensive Zeit in Norddeutschland, die ich nie vergessen werde. Ich hoffe, dass durch dieses Buch viele Menschen angeregt werden, diese Landschaften zu besuchen, zu entdecken und zu erleben!

Bernhard Vogel