Bergbilder

Bernhard Vogel 1996

Bergbilder sind für mich stets neue Herausforderungen. Unbekannte Formen, Farben und Kompositionen fordern auf, Wagnisse einzugehen, verlangen nach ungewohnten Umsetzungen, entfachen Begeisterung, lassen neue Kreativität entstehen.

Einmal Feuer gefangen, treibt es mich immer wieder an, vor allem in der Europasportregion, den Zyklus „Bergbilder“ fortzusetzen. Der Beginn war ein Auftrag vor 3 Jahren, anläßlich der 25-Jahrfeier der Europasportregion ein Buch zu gestalten, welches mein Freund Helmut Hierner initiierte und projektierte.Ich war am Anfang noch unsicher und voller Skrupel, doch gerade diese Unsicherheit und das damit verbundene Risiko waren die Basis für einen neuen ungeahnten kreativen Impuls. Zusätzlich angespornt durch Bergbilder u.a. von Turner, Hradil, Böckl, Stark und vielen anderen Künstlern, wollte ich dieses schon fast vergessene Thema schließlich doch wieder aufgreifen und bewältigen.

Gerade in der Gegend um Zell am See und Kaprun ist so ein Vorhaben für mich besonders reizvoll. Hier sind es nicht nur die Berge, die einen malerisch herausfordern sondern auch das zusätzliche Spannungsverhältnis von Natur und Technik. Vor allem das Kitzsteinhorn mit seinem erschlossenen Gletscher demonstriert dies eindrucksvoll und ist auch zu meinem Lieblingsmotiv geworden. Einerseits ist es der Berg mit seiner starken Ausstrahlung und seinen markanten Formen, der als König mächtig und beängstigend seine Umgebung beherrscht, andererseits sind es die vielen schwarzen und roten Strommasten, Leitungen, Gebäude und Lifttrassen, die vergebens gegen den übermächtigen Berg ankämpfen. Staumauern, monumentale Eingriffe in hochalpine Natur, der Mastenwald im Tal, Kraftwerke, Stauseen und Mauern regen an und auf, vermitteln Ideen, inspirieren. Malen in den Bergen bedeutet für mich auch „unter Strom stehen“

Man befindet sich im hochalpinen Gelände in einer anderen fast außerirdischen Welt, und wenn man das Glück hat, in fast 3000m Höhe, ein Bild entstehen zu lassen, ist das für mich ein Grenzerlebnis. Man kann über sich hinauswachsen, man steht über den Dingen, hat alle Chancen.

Aber auch das Umfeld in dieser Region bietet unzählige Motive für einen Maler: der Zeller See mit seinen Spiegelungen, die Schmittenhöhe mit seinen eindrucksvollen Panoramen, alte Stadeln und Bergbauerndörfer fern jeglicher Zivilisation, Bergmassive in unterschiedlichen Gesteinsformen, weite Täler, Klammen und viele andere sind ein unerschöpfliches Thema. Ein besonderer Aspekt dieses Zyklus waren dabei die unterschiedlichen und völlig neuen Motive im Wandel der Jahreszeiten. Im Herbst und Frühling ist es das so differenzierte und besondere Licht, im Sommer sind es die üppigen Farben und die Möglichkeiten, 3000m Seehöhe malerisch zu erleben. Der Winter war jedoch besonders aufregend, malte ich doch teilweise bei -15 Grad. Das Malwasser und der Pinsel froren ein, die Bilder bekamen besonders viele Schichten, da sie sofort zu Eis wurden. Es ergaben sich neue Strukturen, fremde Farben und Mischungen und damit völlig andere Umsetzungsmöglichkeiten und Erfahrungen - dabei enstand eine neue Technik. Bei einigen abgebildeten Bilder sieht man noch die eingetrocknete Eiskristallzeichnung, wie z.B. bei „Schloß Kaprun“ oder „Kitzsteinhorn II“. Ich glaube nur der, der so etwas Wunderbares selbst miterlebt hat, kann meine Begeisterung dafür wirklich teilen. Aber auch der Schnee, der die Landschaft so eindrucksvoll aufs Wichtigste vereinfacht, zwingt zur Reduktion und ist sozusagen eine Vorstufe für die Abstraktion.

Der Jahreszeitenzyklus „Bergbilder“ ist innerhalb der letzten 3 Jahren entstanden und ich bin es nicht müde geworden, einen immer wieder neuen Versuch zu wagen, denn bewältigen wird man die Berge nie, sind sie doch ewig unerreicht, Skulpturen Gottes.

Bernhard Vogel