Wie beginne ich ein Aquarell?

Bernhard Vogel 1996

Der Beginn beim Aquarellieren ist für mich von großer Bedeutung, deshalb möchte ich auf dieses Thema, bzw. wie ich zu malen beginne und was ich dabei empfinde, besonders eingehen.

Der erste und zugleich wichtigste Schritt erfolgt intuitiv: es ist die Begeisterung für ein Motiv, die sich darin manifestiert, daß Spannung entsteht. Spannung kann für mich vieles sein. Das Licht spielt dabei eine wichtige Rolle: zum Beispiel Gegenlicht, das alles schemenhaft und mystisch erscheinen läßt, tiefstehendes Licht (wie am Morgen oder am Abend) mit einer stark dualistischen Wirkung, diesiges Licht oder Nebel, der alles auf das Wichtigste reduziert und viele andere Lichteffekte können begeistern. Aber auch ganz persönliche Ausschnitte können der unmittelbare Anlaß für ein Bild sein, wie z. B. der Gegensatz von alter und neuer Architektur, ein Kran als Vordergrund, große und kleine Flächen, oder einfach Gegensätze. Anregend können auch Farben sein, wie z.B. ein hellblaues Haus inmitten von grauen oder ein hellgelbes Rapsfeld, das alle anderen überstrahlt und den Höhepunkt des Bildes schon vorgibt.

Für ein Motiv soll man sich also begeistern. Die Begeisterung ist die Basis für jeden kreativen Prozeß. Schon die Suche nach einem Motiv ist für mich etwas ganz Besonders und im weitesten Sinn auch kreativ, weil dieses Aufspüren gefühlsmäßig und intuitiv durchlebt wird. Es ist zum einen der Ort im allgemeinen , wo sich das Motiv dann auch befindet. (Manchmal kann ich es mir nicht erklären, warum es gerade dieser Ort ist, doch es ist das Gefühl, das entscheidet. Ausstrahlung, Kraftfeld, Mystik, Energie sind ausschlaggebend für die scheinbar unbewußte Wahl.) Zum anderen ist es genau die Stelle, wo ich mich für die nächsten Stunden hinsetzen möchte. Es istmit Katzen vergleichbar, die scheinbar unmotiviert hin und her gehen, sich drehen und wenden, bis sie sich ihren Platz gewählt haben. Auch ich begebe mich auf die Suche nach einem magischen Ort, der mir all die Inspiration geben kann, die ich für einen Bildentwicklungsprozeß brauche. Erst dann, wenn ich diesen wichtigen und unruhigen Gefühlsprozeß durchlebt habe und fündig geworden bin, lasse ich beruhigt die Mappe fallen.

"Ein starkes Empfinden für die Natur ist die notwendige Grundlage aller künstlerischen Gestaltung." (Cezanne)

Der nächste Schritt ist für mich ein meditativer. Ich fange nicht sofort zum Malen an, sondern versuche mich langsam an diesen Platz zu gewöhnen. Nicht nur das Motiv ist zunächst wichtig, sondern auch alles andere um mich herum, also z.B. Menschen, Autos, Lichtstimmungen, Geräusche, Düfte. Einfach alles, was auf mich zuströmt, ist von Bedeutung. Die Handlung des Auspackens ist eine zusätzliche Einstimmung auf den großen Moment des ersten Pinselstriches. Doch bevor es dazu kommt versuche ich die Eindrücke durch Schauen zu intensivieren. Scheinbar unwichtige Details werden auf einmal zum Hauptthema, der Vordergrund kann zugunsten des Hintergrundes verschwimmen oder umgekehrt, Bildausschnitte variieren, viele Ideen tauchen auf, bis ich das Thema, die Aussage und den Ausschnitt im Kopf habe. Es ist ein Malen ohne Pinsel, bis ich schlußendlich weiß, was ich weglassen oder dazugeben will, auf welchen Teil ich mich konzentrieren will, was ich verändern oder übertreiben will, welche Farben mir dazu einfallen, ob die Perspektive und in welcher Form dazu beitragen kann, Spannung und Aussage zu vermitteln. Es ist ein geistiges Aufladen, der Bogen wird gespannt. Richtig sehen ist meiner Meinung der Schlüssel für ein gutes Aquarell, da diese Technik zum richtig gesetzten Pinselstrich ohne Korrektur zwingt. Je länger man schaut und versteht, desto kreativer, freier und selbstbewußter kann danach das Malen sein. Das heißt natürlich nicht, daß ich dann auch unbedingt dieses erste Vorhaben bis zum Ende durchsetzen will, doch für das erste Auftragen von Farbe ist dieses gewonnene Selbstbewußtsein für mich von großer Bedeutung. Ein unsichtbarer Raster auf dem weißen Papier ist somit die erste für mich wichtige Handlung.

Bei der Konfrontation mit dem Gesehenen vor Ort sollte bei der Umsetzung vor allem die Verfremdung im Vordergrund stehen. Ist das malerische Erleben direkt in der Natur einerseits etwas Abenteuerliches und unheimlich Spannendes, birgt es andererseits auch einige Gefahren in sich. Natürlich sollte man sich im vorhinein über Perspektive, Größenverhältnisse, Farbwahl und dergleichen im Klaren sein, um damit spielen zu können. Der gewählte Ausschnitt sollte dann zu einer ganz klaren und persönlichen Aussage und Handschrift in Form von Farben, Komposition usw. inspirieren und diese auch vermitteln können. Dies kann auch erreicht werden durch Gegensätze wie Licht - Schatten, Nähe - Weite, Traum - Wirklichkeit, Klarheit - Diffuses, hell - dunkel, weich - kantig, Frontales - Perspektivisches sein. Der überbegriff für diese Gegensätze ist der Dualismus. Die Konzentration auf die jeweilige Aussage erreicht man durch über- oder (und) Untertreibung.

In dieser Zeit kristallisiert sich zum Bildausschnitt auch ein gewählter Höhepunkt heraus, den ich mir auf dem weißen Blatt schon vorstellen kann. Erst nach diesen vielen intuitiven und gefühlsmäßigen überlegungen und Meditationen fange ich zu malen an. Sehr oft versuche ich diese Imagination vorweg in Form einer Rohrfeder oder Buntstiftzeichnung ganz spontan und schnell umzusetzen. Eine Zeichnung kann noch vorhandene Hemmungen nehmen, risikofreudig stimmen oder noch vorhandene Unklarheiten ausräumen. Sie ermöglicht es, danach mit Farbe richtig loszulegen.

Wenn ich dann zu aquarellieren beginnen kann das in verschiedener Weise vollzogen werden. Die eine ist es, daß ich mir mit wenigen Pinselstrichen die wichtigsten Ankerpunkte aufs Blatt setzte, also z. B. perspektivische Linien, Kompositionsspuren, um eine Art Raster auf dem Blatt zu haben. Diese Vorgangsweise hat den Vorteil, schon relativ früh mit dem kreativen Prozeß beginnen zu können. Man braucht also nicht mehr so auf Komposition oder Perspektive zu achten. Der andere Weg, ein Bild anzufangen, ist mit dem wichtigsten Teil, sozusagen mit dem Kraftfeld des Bildes anzufangen und alles übrige daraus entwickeln zu lassen. So hat man die Sicherheit, daß das zentrale Motiv auch an der richtigen Stelle sitzt. Eine weitere Möglichkeit ist, alles fließen zu lassen, Pinselstriche, Spritzer, Farbflächen intuitiv zu setzen und einmal abzuwarten, was passiert, um danach zu reagieren.

Generell fange ich ohne jegliche Vorzeichnung gleich mit Pinsel und Farbe zu malen an. Eine Vorzeichnung hat für mich den Nachteil, daß ich mich den Linien unterordnen muß, oder daß ich Gefahr laufe, das Bild nur zu kolorieren. Doch das soll jeder selber entscheiden, denn Blei- oder Buntstiftlinien können einem Aquarell zusätzliche Spannung geben. Die Farben, die ich für ein Bild oder für einen ganzen Zyklus wähle, sind hauptsächlich intuitiv gewählt. Um einem Bild Farbklang zu verleihen, muß eine Hauptfarbe dominieren. Verstärkt kann die Farbwirkung einerseits durch untergeordnete und (oder) punktuelle Komplementärfarben werden, andererseits aber auch durch monochrome, neutrale Farben, wie grau oder braun.

Ist das Motiv beherrscht von Architektur, versuche ich vorher die Perspektive und ihre Wirkung zu verstehen, um danach über- oder untertreiben zu können, mit der Perspektive gleichsam zu spielen.

Über alles kann man jedoch eines stellen oder das ist für mich immer wieder der größte Vorsatz beim Beginn eines Aquarells: Je riskofreudiger, mutiger und selbstbewußter man beginnt, desto besser kann das Bild werden bzw. sich entwickeln, und desto öfter passieren auch überraschungen.

"Man spricht besser über Malerei, wenn man sich vor dem Motiv befindet, als wenn man sich in rein spekulativen Theorien ergeht, in denen man sich recht häufig verirrt." (Cezanne)