Buchtext Dresen-Berlin-Venedig
Galerie der BASF Schwarzheide
Aquarellmalerei entsteht an der Schnittstelle des malerischen Abbildungs-Begehrens und der freien künstlerischen Fantasie. Der Hauptantrieb zur Kultivierung der an sich "armen" Kunst der Wasserfarbenmalerei speist sich aus dem Willen, den Eindruck einer bestimmten Landschaft, die Atmosphäre einer ganz besonderen Stadt mit möglichst wenig Reibungsverlust kompositorischer oder maltechnischer Art auf ein Blatt Papier zu bannen. Unüberschaubare Heere von Freizeitmalern folgen der Illusion, das "Traumbild" ihrer momentanene Begeisterung mit ein paar Tropfen gefärben Wassers und wenigen Pinselschwüngen und Tupfern fixieren zu können. Sie wollen sich nicht die Einbildung eines individuellen, unverwechselbaren Künstlertums stören lassen und verdrängen die zweite wesentliche Bedingung der Aquarellmalerei, ohne die das "dürftige" Handwerk feuchter, flüchtiger Farbspuren auf Papier wenig mehr als Anmaßung meisterschaftlicher Abstraktionsqualitäten bleibt.
Aquarellmalerei erhebt sich von dekorativer Dilettantentätigkeit zur Kunst erst dann, erweisen sich die "Effekte" - seien es simpel oder kompliziert auftretende - als Ergebnis echter gestalterischer Prinzipien. Der Grat zwischen "Klekserei" und Malerei ist gerade in der Wasserfarbenkunst enorm schmal und oft genug steht auch der geübte Kunstbetrachter ratlos vor Schöpfungen, die ihn einerseits sofort begeistern, denen er andererseits aber nicht trauen will - gerade weil sie ihn auf der Stelle in Flammen des Entzückens setzen. Die Farbe ist in der Aquarellmalerei wie in keiner anderen Disziplin direkte Lichtträgerin und verkörpert an sich das Kompositionsvermögen. Das stellt die denkbar höchsten Ansprüche an ihre "Phänomenologie". Wasserfarbe ist die nächste Verwandte der Glaskunstfarbe. Das macht sie gewissermaßen "absolut", aber auch angreifbar für jeden, der nicht an die unmittelbare mystische Kraft des Farbigen glaubt, sozusagen Rationalist ist.
In der Kunst des Salzburgers Bernhard Vogel sind beide Komponenten bedeutsamer Aquarellmalerei - die atmosphärisch-emotionale Aneignung der sichtbaren Realitäten sowie die Transformation des visuellen "Trivialbefundes" in ein abgehobenes ästhetisches System - auf ideale Weise ausbalanciert. Wahrscheinlich ist es dem vielköpfigen Gefolge der Malschüler nicht immer vollkommen klar, was ihm beim Blick über die Schulter des Meisters auf zahlreichen "Trainingsreisen des Sehens und Festhaltens" tatsächlich geboten wird - nämlich die Umwandlung des "banalen" Anblicks mehr oder weniger berühmter Städte und Stätten in ein eigenständiges Geflecht aus aquarellistischen Reizen, in dem der nostalgische Blick das vielgeliebte Bekannte entdeckt. Glücklicherweise ist Bernhard Vogel resistent gegen neugierige Enthüllungsversuche eines Kreativvermögens, das ihn zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Könner seines von sogenannten Meistern heillos überschwemmten Faches gemacht hat.
Vogel hat als Landschafts- und besonders Städtemaler dort begonnen, wie alle von Lichterscheinungen gefesselten Künstler den Höhepunkt der Kunst orten. William Turner - der Magier der Sonnengeburten und Gestirnsdämmerungen über düster glühenden Fluten, zittert in den frühen, aus dem "Schleierprinzip" entwickelten Arbeiten nach. Bald jedoch weicht der "Duft der Farben" jenen sich verdichtenden Ordnungstrategien, die das Bild immer mehr von den oberflächlichen Verführungsqualitäten des flüssigen, hochtransparenten Farbmaterials emanzipieren und letztlich in eine ästhetisch äußerst komplexe Collagetechnik führen.
Bernhard Vogel begibt sich heute mit Vorliebe zu Orten des Aufbruches und der dramatischen Veränderung. Berlin ist so ein Magnetpunkt, aber auch Dresdens restaurative Baustellen mit ihrem optichen Gespinst aus Kränen und berühmten Denkmalssilhouetten fasziniert den Maler, der nach beinahe zwei Jahrzehnten künstlerischer Tätigkeit mehr Bildfeld-Analytiker als Stimmungsimpressionist ist, wie man das von einem "Veduttisten" erwarten könnte. Im Grunde baut Vogel - trotz seiner enormen Popularität als vergleichweise naturalistischer "Abbildner" - an einer Gegenwelt zum Klischee der Stadtansicht. Man erkennt Motive und Architekturen - schön und gut - aber das eigentlich Faszinierende an diesen Aquarellen ist die Dichte von visuellen Texturen und die ist unabhängig vom Gegenstand der Darstellung. Vogel verwandelt Blumenmotive in ein Labyrinth von Helligkeiten und Schatten. Er "porträtiert" Cities am liebsten aus der Perspektive eines Aussichtsturmes und betont so das Geflechthafte der Formen. Er fühlt sich dort gefordert, wo andere aus "ästetischen" Gründen die Nase rümpfen. Der Bauch einer Maschinenhalle in Schwarzheide ist für Vogel genauso ergiebig wie der "Bellottoblick" auf das Elbflorenz oder die Palastspiegelungen der Serenissima - jenes dunstigen Urbanwunderwerkes, das spätestens seit den Dokumentaristen und Impressionsten des 18. Jahrhunderts und erst recht seit dem unübertroffenen Farb-Parfümeur namens Turner Traum und Albtraum jedes Venedig-Malers ist.
Bernhard Vogel hat heute eine gestalterische Freiheit erreicht, um die ihn Konkurrenten nur beineiden können. Der geborene Aquarellist braucht eigentlich gar keine Wasserfarbe mehr. Er benützt das Medium der Durchsichtigkeit gelegentlich sogar "gegen den Strich". Von der zartesten Andeutung bis zur opaken Blickbarriere aus vielen Farbschichten reicht das Spektrum des Farbeinsatzes. Nahtlos geht das "Wasserfarbenbild" über in "Mixed Media" - der anderen Domäne Bernhard Vogels. Gewellte, geriefelte Papierreste, tropfende Farbverläufe über Fotofragmenten und noch viele andere Kombinationen des Materiellen schließen sich in einem homogenen Ganzen zusammen. Vogel malt gewissermaßen mit "Abfällen", stuft die Wirksamkeit der einzelnen Farb- und Formstimmen exakt nach seinen Vorstellungen, instrumentiert extreme Raumkonstellationen perfekt mit "schrägen" Oberflächenreizen. Was auf der Leinwand sitzt, lässt den Blick in die Bildtiefe stürzen. Solche "Falltüren" und "Kunststücke" machen jede Komposition zum Abenteuer. Ein Hauch davon weht auch in den traditionellsten Aquarellen des außergewöhnlichen Salzburger Künstlers.
Anton Gugg