Warum gerade Aquarell?

Oft werde ich gefragt, warum ich mich gerade auf die Technik des Aquarells spezialisiert habe. Meiner Meinung nach ist diese Technik ein ausgesuchtes, auf die eigenen Bedürfnisse und Erfordernisse abgestimmtes Werkzeug, um sich kreativ auszudrücken. Ihre Wahl ist deshalb etwas ganz Sensibles und Persönliches.

Das Ziel ist es, mit der Technik eins zu werden, was gleichsam bedingt, auf den Empfang von kreativen Wellenlängen zu schalten und diese dann wieder bildlich umzusetzen. Es bedarf jedoch eines besonders harmonischen Zustandes, um letztlich als Filter für das Kreative fungieren zu können.

Papier, Farbe und Pinsel sollten - wie das Musikinstrument für den Musiker - etwas Vertrautes, Aufregendes sein, gebend und nehmend zugleich, eine immer neu zu erfahrende, nie richtig zu verstehende, aber aufgrund der Wahlverwandtschaft stetige Herausforderung darstellen.

So glaube ich, daß man als Künstler zumindest eine Zeitlang einen Bund mit dem Werkzeug schließt, damit es ein Teil von einem selbst wird, die sprichwörtlich verlängerte Hand. Die hohe Spezifikation der jeweiligen Technik bedarf einer vollen Hingabe und Konzentration, um an die Grenzen zu stoßen und um frei davon zu sein.

Am Anfang war es für mich eine Suche nach einem Ausdrucksmittel, ein Ausprobieren und Experimentieren, bis ich 1983 bei einem Aquarellseminar mit I. R. Toledo zum ersten Mal richtig intensiven Kontakt mit dem Medium Aquarell bekam. Erst durch die vielen Bilder der Teilnehmer wurde mir das breite Spektrum dieser Technik vor Augen geführt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Seit diesem Schlüsselerlebnis arbeite ich vorrangig mit diesem Medium, kombiniert und ergänzend mit der Zeichnung und der Druckgrafik.

Wie der Name schon sagt, arbeitet man beim Aquarell mit Wasser, und dieses Wasser fasziniert mich immer wieder aufs neue. Farben werden erst durch Wasser auf dem Papier zum Leben erweckt, werden zu schwimmenden Strukturen, treffen auf neue, und es entstehen immer wieder neue Spektren, die man nicht bewußt erzeugen kann. Wasserränder, phantasievolle Gebilde, Farbkombinationen passieren, alles fließt, und als Beobachter wie auch Lenker dieses faszinierenden Prozesses ist man einfach überrascht.

Der Zufall ist beim Aquarell ein wichtiges Charakteristikum, es ist das scheinbar unbewußt Passierte, ein durch Spontaneität und Risiko entstandener und zugelassener Arbeitsprozeß, der sich z.B. von der Ölmalerei unterscheidet, denn beim Aquarell entsteht der Zufall von selbst ("unter Mithilfe der Natur", wie W. Kandinsky sagt), und der kreative Prozeß des Aquarellisten beginnt, wenn er dieses Abenteuer weitergeht, reagiert, den Zufall sich zunutze macht und daraus etwas Neues, Überraschendes aufkeimen läßt, im vollen Bewußtsein eines Nicht-korrigieren-Könnens. Spontanes Reagieren, Riskieren und Phantasie in Verbindung mit der Inspiration bekommen eine eigene Dynamik, die das Aquarellieren so einzigartig macht. Ist es beim Aquarell ein Loslassen und vor allem Zulassen, so hat man beim Öl doch eine gewisse Sicherheit, da man alles wieder übermalen kann.

Transparenz in Verbindung mit dem Papierweiß ist eine weitere wichtige Eigenschaft des Aquarells, die mich fasziniert und diese Technik auch so anspruchsvoll macht. Es sind die übereinanderliegenden und genau zum richtigen Zeitpunkt getrockneten Schichten, die Farben zum Leuchten bringen, denn jeder auch noch so leicht aufgetragene Pinselstrich ist unwiderruflich aufs Papier gebannt und muß somit seine Bedeutung haben.

Sicher kann man auch waschen und versuchen mit dem Pinsel zu korrigieren, doch ist die Farbe einmal eingetrocknet, verletzt man somit das Papier, und die neu aufgetragenen Pigmente leuchten nicht mehr so wie im ersten Zustand. Manchmal können solche Waschungen sogar neue Strukturen ergeben, die wiederum ganz andere Bilder erzeugen, doch der echte aquarellistische Prozeß ist verlorengegangen. Deswegen ist das erste Auftragen auf das weiße Papier die wichtigste und immer beherrschende Aktion beim Aquarellieren, denn es ist immer präsent und Ausgangspunkt für alles weitere, ähnlich dem Thema in der Musik.

Ein weiters spezifisches Merkmal beim Aquarell ist für mich die Einfachheit, mit der man auskommt. Pigmente mit Bindemittel in Näpfchen oder Tuben zur malbaren Farbe gemacht, Malgrund aus 100% Baumwollresten, ein paar Pinsel genügen, die aufregende Wechselbeziehung einzugehen mit dem Motiv vor Ort. Man ist beweglich und kann sofort reagieren. Die Spontaneität, die Schnelligkeit, die beim Aquarell so wichtig ist, macht es leichter oder zwingt einen, Bilder in Form von Kürzeln und Symbole zu setzen, das Motiv nur als eine Anleihe, als Inspiration zu sehen, um kreativen Rhythmus zu erfahren.

Meine Aquarelle beginnen und entstehen auch fast nur vor Ort, wo ich meine Anregungen und Phantasien holen kann. Reisen, Sehnsucht nach Licht, Farben und neuen Formen, fremde Kulturen und ihre Menschen kennenzulernen, sich damit auseinanderzusetzen, angeregt zu werden, all das ist für mich untrennbar und vor allem unmittelbar mit dem Malen und besonders mit dem Aquarell verbunden.

Albrecht Dürer hat sich erst durch seine Reisen erstmalig mit dem Aquarell als eigenständige Malerei beschäftigt und ist mit seinen Blättern zum Wegbereiter des modernen Landschaftsaquarells geworden. Aber auch Macke, Klee und Moillet mit ihrer berühmten Tunisreise und andere bedeutende Meister in der Geschichte des Aquarells haben sich durch Reisen dem Aquarell zugewendet und gaben diesem Medium einen festen Stellenwert in der Kunst. Jedesmal, wenn ich in der Tate Gallery in London die Aquarelle von Turner bewundere, faszinieren mich auch seine dort ausgestellten Malutensilien, die er auf seine Reisen mitnahm.

Es sind Sehnsüchte nach Atmosphärischem, Licht und Geheimnisvollem, nach dem Eins-Sein mit der Natur, die mich immer wieder antreiben zu reisen. Max Schmidt sagte 1870: "... aber es läßt sich im allgemeinen sagen, daß die unendliche innerste Reihe unserer Gemüthsstimmungen von der harmlosen Heiterkeit bis zur tiefsten Schwermuth eine Ausdrucksweise im atmosphärischen Leben unseres Erdballs findet oder richtiger, daß die Seele für ihre verschiedensten Stimmungen entsprechende Widerklänge in den Wandlungen unserer Atmosphäre findet".

Sicher kann man auch Skizzen oder Photos machen und im Atelier viel bequemer aufs Papier bringen, doch um ein gutes Bild zu schaffen, gehört für mich einfach mehr als nur gute technische Fähigkeiten; es ist die Atmosphäre, alles um mich herum, das ich brauche, um die Herausforderung mit dem Motiv anzunehmen. Besonders die Technik des Aquarells bietet sich als Medium zur Sichtbarmachung des Atmosphärischen, der Luft und des Lichtes auf ideale Weise an.

Erlebnisse sind für mich beim Malen wichtig, Kreativität entsteht durch die Inspiration des Gesehenen, durch die geschärften und für alles aufnahmebereiten Sinne. Erlebnisse wie auf 2000m Höhe Eiskristalle entstehen zu sehen, die wie Lebewesen im Ultramarinblau Spuren ziehen, bei schwüler Hitze in New York mitten am Times Square sich von aufheulenden Sirenen und durch das Getöse beflügeln zu lassen, in Nevada Farben mit rotem Wüstensand zu vermischen und dabei Indianer kennenzulernen, beim Malen im Schilfgürtel des Neusiedlersees den Flügelschlag eines Silberreihers zu studieren, vom Straßenrap in Brooklyn zu neuen Farben angespornt zu werden, einen streunenden Hund auf Santorin, der mir das Malwasser austrinkt, als Freund zu gewinnen, das Quaken eines Frosches in einem toskanischen Tümpel zu interpretieren, in Las Vegas um 3 Uhr in der Früh bei grellem Neonlicht vor dem Plaza Hotel den ganzen Irrsinn irgendwie aufs Papier zu bringen oder am Alexanderplatz mit Berlinern über die politischen Veränderungen zu diskutieren, sind nur einige von vielen Erfahrungen, die für mich und meine Bilder als Inspiration wie Bestandteil einfach wichtig sind.

Es ist, wie Emil Nolde sagt: "Ausflüge ins Traumhafte, ins Visionär, ins Phantastische stehen jenseits von Regeln und kühlem Wissen. Es sind freie, herrliche Gefilde und Gebiete voll Reiz und Schwarm in lichtem geistigen Erleben, wer nicht träumen und staunen kann, kommt nicht mit."