Landschaften

Text aus dem gleichnamigen Buch, das 2008 herausgekommen ist.

Landschaften in der Malerei haben etwas Klassisches, Traditionelles. Trotz vieler Kunstrichtungen und Tendenzen wird dieses Thema nie unmodern werden, da es mit Raum, Tiefe, Phantasie und vor allem mit der Natur zu tun hat. Die Natur zu spüren, Teil der Natur zu sein, sie zu verstehen und zu atmen, ist die Sehnsucht eines jeden Menschen, ein Grundbedürfnis, das durch Landschaftsbilder geweckt wird.

Landschaftsbilder zu malen ist für mich immer wieder ein essentielles Erlebnis, eine Blutauffrischung und Neuanfang, besonders wenn es direkt vor Ort passiert. Die Natur mit ihren Stimmungen motiviert zu Mut und Phantasie, zu neuen Ideen und Erkenntnissen.

Ich bin zwar Steinbock und in vielen Dingen Kopfmensch und Analytiker, aber in der Malerei ist es oft das Gegenteil. Ich glaube, dass Kunst etwas Abgekoppeltes von Kopf und Egoismus ist und sich nur dann entfalten kann, wenn man sich nicht selbst im Wege steht. Nicht nur im Sport, sondern auch in der Malerei braucht man ständiges Training, um erfolgreich zu sein. Es ist nicht so sehr die Technik und das Können, worauf es ankommt, denn das ist leicht erlernbar, sondern das Feingefühl zu spüren und zu nützen, das zwischen Anspannung und Loslassen liegt. Es gibt kein Lehrbuch, kein Gesetz, keinen Lehrmeister, der dieses ambivalente Spannungsverhältnis besser vermitteln kann, als durch persönliche Erfahrung, wenn es in Form von Talent in einem schlummert. Es ist das Geheimnis der künstlerischen Umsetzung, das Loslassen und Aufheben der irdischen Schwerkraft, kombiniert mit tiefen Vertrauen. Alles andere ist Kopieren oder bleibt an der Oberfläche hängen.

Wenn ich direkt vor dem Motiv aquarelliere, bin ich Teil der Natur, tauche in die Atmosphäre ein, spüre die Luft und bin Wind und Wetter ausgeliefert. Mit Konzentration, Begeisterung und Anspannung versuche ich einen Dialog herzustellen. Das geschieht mit den ersten Kompositionsskizzen und Pinselstrichen. Danach bekommt der Malprozess immer mehr Eigendynamik. Es passieren überraschende Wendungen, Unfälle, Fehler und Zufälle, denen durch die aquarellistische Technik des Fließens und des Auswaschens mit Wasser nachgeholfen werden kann.

Das Bild nimmt nun langsam Gestalt an, die Richtung zu einer Bildaussage ist erahnbar. Jetzt beginnt für mich die schönste Phase beim Malen, die besonders bei Landschaften intensiv und leichter möglich wird – das Malen einer Seelenlandschaft, einer eigenen Bildsprache, die mit dem Abbild nichts mehr zu tun hat. Es sind auch völlig irrationale Entscheidungen, die jetzt in schneller Abfolge das Blatt bedecken und verdichten. Ein wunderbarer Rhythmus in die Tiefe entsteht, der sich immer mehr verselbständigt, dass man das Gefühl hat, nur mehr zuschauen zu müssen. Der Pinsel malt das Bild allein fertig.

Oft werde ich bei Malkursen gefragt, wo das ist, was ich gerade male. Ich sehe es nicht. Diese Malentscheidungen entspringen aus einer inneren Notwendigkeit in rhythmischer Abfolge. Es ist wie eine Geheimsprache, die ich auftrage, aber nicht verstehe. Diese Phase ist auch nicht wiederholbar oder auf Befehl jederzeit einsetzbar. Sie kommt wie das Glück, dem man als Maler nachhelfen kann, sofern man sich diese Freiheit erlaubt und genug Phantasie hat. Ein großes Maß an innerem Vertrauen ist ebenfalls nötig, um diese Wandlung mit Gelassenheit zu erwarten. Wenn man verkrampft ist, darauf wartet oder mit viel Fleiß sich einen künstlerischen Stil aneignen will, scheitert man oder man verliert die Lust.

Man wird demütig in der großen Weite der Natur. Mystik und Geschichte verwandeln Gegenden in Evolutionslandschaften. Begeisterung und Meditation wechseln sich ab. All das ist notwendig für einen kreativen Prozess, eine Mixtur, ein explosiver Cocktail, das wie Benzin, den künstlerischen Motor anspringen lässt. Der Kolben bewegt sich zwischen Loslassen und Anspannung, Plus und Minus, Kalt und Warm, Männlich und Weiblich, Hart und Weich, Licht und Schatten, Gelingen und Scheitern und so weiter . Ich habe davon geträumt und sehne mich nach der reinen gleichförmigen idealen Bewegung. Diese Energie lässt Leben entstehen und Sehnsucht, weil wir immer nur ein Teil vom Gegenteil sein können. Kreativität und Kunst macht diese Sehnsucht sichtbar.

Kunst ist wie ein paralleles Leben, in das man nicht eingreifen, sondern nur zulassen und geschehen lassen soll. Selber hat man nur die Aufgabe, sich vom Egoismus zu entfernen. Ein Beweis dafür ist die Beurteilung der eigenen Bilder. Die eigene Verklärtheit, das Wunderliche und der Egoismus lassen einen oft ganz falsche Wege gehen. Damit das nicht passiert, braucht man zumindest einen Mentor, einen ehrlichen Kritiker, der das Kreative versteht und somit unbefangen urteilen kann. Selber kann man daran arbeiten, indem man sich in die Natur begibt, Demut und Bescheidenheit übt und sich der Urform und Grunddisziplin der Malerei bedient, Landschaften zu malen.

Bernhard Vogel