Blumenbilder als Kontrast zu Stadtlandschaften

Bernhard Vogel 2001

Meine Malweise teilt sich in verschiedene Phasen, die thematisch oder technisch begründet sind. So entstehen Zyklen von New York, Berlin oder anderen Städten und Landschaften. Eine Reise ist fast immer Inspiration für neue Themen. Ich arbeite daran so lange, bis ich innerlich erschöpft bin.

Blumenbilder stellen einen Kontrast zu diesem Ablauf dar. Sie entstehen in Ruhe im Atelier. Es ist eine Abwechslung zu den lauten, vor Ort gemalten Städtebildern oder großen Mixed-Media- Collagen und Acrylbildern.

Jeder kreativ Tätige ist Schwankungen ausgeliefert, die er durchleben und verstehen muss. Gerade in Phasen von Tiefs ist es für mich wunderbar, Blumen oder Stillleben als Neuordnung oder Beginn zu sehen. Blumen sind in meinen Bildern nicht nur Blumen, sondern etwas Metaphysisches, Geheimnisvolles, Formenspiel, Symbolik, Farbenspiel. Es ist ein meditatives Zwiegespräch, bei dem ich mich zurückbesinne auf die Grundwerte der Malerei wie Spannung, Dualismus und Fantasie.

Die Fantasie wird einerseits in der Reduktion vom Gesehenen neu entfacht. Es entsteht ein Malrhythmus, der ab einem gewissen Stadium das Motiv beiseite lässt, damit Neues entstehen kann. Deshalb sind Blumenbilder für mich wie Fingerübungen in geistiger und technischer Hinsicht. Weil das Ergebnis sehr leicht zu realistisch und lieblich ausfallen kann, werde ich gezwungen, mehr daraus zu machen als nur Blumen. Die gewonnene malerische Freiheit, die mir die Blumenmalerei stets gebracht hat, kommt auch den anderen Themen und Techniken zugute.

Wenn man sich beruflich lange Zeit mit Malerei auseinandersetzt, werden Technik und Erfahrung zum Feind. Man wird virtuos und weiß, wann und welche Farbe man ausspielen muss, wie viel Farbe sich mit Wasser verträgt, wann und wie sich eine Farbe auf feuchtem Untergrund verhält. Ich möchte es mit Goethe recht krass ausdrücken: "Wissen ist der Tod, Irrtum das Leben." Das gilt besonders für die Malerei. Wenn man glaubt, gut zu sein, bewegt man sich auf der Stelle. Die Fantasie, das Unverfrorene, das Neue ist wichtig. So geht es mir, wenn ich vor Jahren gemalte Bilder wieder ansehe. Die damals unbeachteten sind die besten.

Es gibt kein Rezept für Kreativitätsschübe. Sie kommen unerwartet, scheinbar grundlos. Blumenbilder zu malen, ist eine Hilfestellung, sich dieser beiden Phasen bewusst zu werden, um sich neu zu motivieren.

Der Wechsel zwischen Blumenbildern im Atelier und großformatigen Arbeiten auf Leinwand oder Städteaquarellen ist ein sich gegenseitig befruchtendes Betätigungsfeld, das auch bei Malkrisen weiterhilft. Ich möchte es nicht missen, immer wieder beim Einfachen anzufangen und wieder neu zu lernen.

Der abgebildete Blumenaquarellzyklus entstand aus dem Bedürfnis, neue Wege zu erkunden. Ein Buch wie dieses ist der Abschluss einer lang anhaltenden Malperiode.

Bernhard Vogel