Menschenbildnisse

Prof. Wolfgang Graninger

BERNHARD VOGEL

Diese Porträt-Aquarellserie wird visuell nicht nur bei Malereifreunden nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Ihr Charakteristikum: REALITÄTSBEZOGENE LUZIDE EXPRESSIVITÄT.

Ich schreibe als Maler-Langzeitmodell und Porträtsammler über Bernhard Vogel´s Menschenbildnisse. Ein neuer Themenbereich seines Schaffens. Jene Persönlichkeiten, die sich ohne Wenn und Aber malen ließen, sind selbstbewußt mutig. Schwankende Gemütszustände, schwelende Melancholie, einengende Frustration, Heiterkeit, helle und dunkle Charaktereigenschaften bannt der Künstler souverän aquarellierend auf strahlend weiße Büttenpapiere. Das psychologische Abbilden komplexer Persönlichkeitsstrukturen „mit Malerklaue“ ist schwieriger und aufschlussreicher als eine geschönte idealisierte Gesichtswiedergabe. Die Mahnung eines berühmten Mystikers lautet:
M E N S C H W E R D E W E S E N T L I C H !

Daß sich Künstler beim Malen auch selbst miteinbringen, ist natürlich und bekannt. Totale Objektivität des Darzustellenden gibt es nicht. Wer jemals von prominenter Hand gemalt oder gezeichnet wurde, kann den dualistischen Entstehungsprozeß eines Porträtbildes bestätigen. Das Thema Porträtmalerei ist kaum auslotbar, weil jedes Modell ein beseelter ein-maliger autonomer Mikrokosmos ist. Ohne sensitives Hindurchschauenkönnen bis ins Zentrum der Individualität, kann es keine überzeugenden Menschenabbildungen geben. Ich lasse mich immer wieder porträtieren, um zu erfahren, wer ich sei, wie ich mich verändert habe, wie ein anderer Mensch mich sieht. Die malerische Auseinandersetzung mit der „Krone der Schöpfung“ ist wahrhaft aufregend stimulierend.

Einige Anmerkungen, wie man sich als Modell fühlt, wenn man stundenlang sitzend oder stehend gemalt wird. Es ist ein lautloser Gedankenaustausch zwischen Künstler und Modell. Der Maler spürt sofort, wenn das Modell unaufmerksam, geistesabwesend oder nicht bei der Sache ist. Es kommt vor, dass intensive Gemütsregungen, Gedanken oder Sehnsüchte des Modells sich im Bild manifestieren. Das beendete Bild kann beim Modell oder Auftraggeber Erstaunen, Entzücken, auch blankes Entsetzen auslösen. Es ist riskant, von einem bedeutenden Maler gemalt zu werden.

Trotzdem drängende Fragen: Wann ist die nächste Sitzung? Wann ist das Bild fertig? Wann kann ich es erwerben? Wann kann ich es meinen Freunden zeigen? Wann gehört es mir ganz allein? Jeder kunstliebende Menschenfreund müsste ein begeisterter Porträtliebhaber und Porträtsammler sein. Lautlose Dialoge und flüchtige Blickkontakte mit hervorragenden Porträts an den eigenen Wänden sind unverzichtbare Erlebnisse, die ich keineswegs missen möchte.

Egon Schiele schrieb 1911: "Ich male das Licht , das aus den Körpern kommt."  Dieses Zitat ließe sich auch auf Bernhard Vogel´s transparente Aquarellporträts anwenden. Ich kenne nichts Vergleichbares im zeitgenössischen Kunstschaffen.