Bernhard Vogel - Ein Meister kalt / heisser Schönheit

Prof. Wolfgang Graninger

MENSCH, WAS DU LIEBST, IN DAS WIRST DU VERWANDELT WERDEN,
GOTT WIRST DU, LIEBST DU GOTT, UND ERDE, LIEBST DU ERDEN.

Angelius Sillesius

- und wieder ist Salzburg in der beneidenswert glücklichen Lage, einen immer heller leuchtenden Stern am Kunsthimmel als Botschafter neuer Aquarell- und Malkunst in die Länder des Erdkreises zu entsenden. Nur nicht verzweifeln, denn ich muß weit ausholen, um das Wesen des Jungstars nach und nach vor das innere, dann vor das äußere Auge zu bekommen, denn Künstler machen bekanntlich nichts anderes als ihr Wesen in Kunstwerken zu manifestieren.

Natürlich verrät auch das äußere Erscheinungsbild des Menschen Bernhard Vogel typische Wesensmerkmale seiner Kunst : hart-sensibel, trocken-männlich, intellektuell, realitätsbezogen, sportlich-drahtig, hyperaktiv, eiskalt-beobachtend (wie einst der berühmte ADOLF MENZEL in Berlin), als gäbe es keine Gefühle, nur Sehen - Sehen - Sehen-

Man täusche sich nicht. Hinter dieser "modernen Fassade" kauert, in sich versunken, ein sehr verletzlicher Mensch oder ein kleiner Junge, der nach wunderschönen Farben, nach Wohltaten des Sonnenlichts und heilender Menschenliebe Ausschau hält. Wäre dieser innere Mensch nicht so wissens- und lebensgierig, hätte er kaum das Bedürfnis sich malend mitzuteilen. KUNST ENTSTEHT AUS PERSÖNLICHEN DEFIZITEN.

Denn hätte man alles, würde man dem Überfluß nichts Neues hinzuzufügen haben.

Ende der 80er Jahre ist Vogel mit erstaunlich sicher gemalten Aquarellveduten bekannt geworden; so bekannt, daß die Graue Eminenz für Aquarellmalerin, Herr Hofrat Dr. WALTER KOSCHATZKY, auf ihn aufmerksam geworden ist und die hektischen Aquarellausstöße schriftlich und mündlich, also von höchster Stelle, beglaubigt hat.

Mister Vogel ist fast immer unterwegs und versucht Kunstinteressierte auf Aquarellsymposien in die Mysterien der Wasserfarbenmalerei einzuführen. WER LEBEN SPENDET, BEKOMMT LEBEN ZURÜCK.

Nicht der Animateur, der Künstler soll vorgestellt werden. Auch malt er gern in Städten (Salzburg - Venedig - London - New York), die berühmte Kollegen vor ihm künstlerisch ausgeweidet haben, vielleicht auch deshalb, um sich mit ihnen zu messen. Kunstproduktion ist immer auch sportlicher Wettkampf, kein Vorsichhindämmern und Träumen. Ehrgeiz ist vonnöten, um sich in den Schlangengruben der Galerien zu behaupten. Und er tut es sehr gut, unser Star, zum Leidwesen jener, die nicht so rasch produzieren und verkaufen können.

Ich glaube (wenn auch nicht immer), daß schnelles Schaffen ein Wesensmerkmal des Genies ist.

(Man denke an Mozart, Rossini, Makart). Schön wär´s, bekäme Salzburg, natürlich unter veränderten Vorraussetzungen, einen neuen Makart.

SCHÖN NENNEN DIE LEUTE SEHR OFT, WAS IHNEN GEFÄLLT, UND DAS IST RELATIV. (Georg Christoph LICHTENBERG)

Ich behaupte hinter vorgehaltener Hand, daß die Qualität eines Bildes vom Grad seiner Schönheit (=Vollkommene) abhängig ist. Wer anderer Meinung ist, möge es anhand anerkannter Meisterwerke beweisen.

Die Bandbreite des Schönheitsgrades ist nach oben hin offen - und riesengroß. Vogels beste Arbeiten sind im oberen Drittel der Schönheitsskala angesiedelt. SCHÖNHEIT UND WAHRHAFTIGKEIT SCHLIESSEN EINANDER NICHT AUS.

Anerkennend sage ich: Vogel ist ein Meister kalt/heißer Schönheit, der eher die Sinne als das Herz zu bezaubern vermag. Eine Parallele zum älteren Kollegen GOTTFRIED SALZMANN ist augenfällig.

Ein Vergleich, Salzmann - Vogel, wäre ein faszinierendes Dissertationsthema.

Ich habe Angst, der Text könnte zu sehr an der Oberfläche verweilen und dringe zu wenig in die Tiefe der Materie ein. Andererseits sollte man dem Betrachter Mühen und Freuden, selbst fündig zu werden, nicht ersparen. Auf, entdecken wir gemeinsam die Schönheit in Vogels Werk!

Anlaß der Erstellung des neuen Kunstkataloges ist die fruchtbare Ausbeute eines New York-Aufenthalts.

Was wir zu sehen bekommen, ist eine bis jetzt eher verschüttete Seite des Künstlers, der sein chaotisches Triebleben in die New Yorker Straßenschluchten sozusagen "hineingeschmissen" und somit transformiert hat.

Das brodelnde Natterngezücht menschlicher Triebe entspricht haargenau dem Charakter dieser Megastadt, die alles Menschenwürdige verschlingt, sollte man sich nicht in Acht nehmen.

Faszinierender Großstadtexpressionismus überschwemmt die Malflächen. Nur staunend können wir abwarten, bis auch in uns der Entschluß reift, dieses verkommene Weltwunder der Zivilisation zu betreten und zu erforschen. Nur ein vorsichtig-ängstlicher Sammler kann so reden, der noch 100 Jahre JUNGE KUNST sammeln möchte.

Man wird säuerlich lachen, wenn ich zusammenfassend sage:

Herr Vogel ist zuallererst ein wunderbarer introvertierter Mensch, erst dann Künstler und "Telepath", denn er malt Blumen, Landschaften und Städte nicht wie sie jetzt aussehen, sondern wie durch Zauberhand bannt er die geheimnisvolle Fülle ihrer Vergangenheit auf Leinwand und Papier. Weil ich die Bilder so "vergangenheitstrunken" sehe, kam der frag-würdige Vergleich mit Makart zustande, den ich nach wie vor (zur Belustigung vieler?) aufrechterhalte.

Den aphoristischen Text überdenkend, bin ich froh, die Freiheit der Subjektivität nicht nur schreibend ausleben zu können, auch darüber, daß Kunst eine der letzten Enklaven ist, wo dies noch möglich ist.

LIEBEN WIR UNSERE KÜNSTLER! Sie sind keine Goldesel, die nur materielle Reichtümer in Aussicht stellen.

Es sind zitternde Menschen, die noch IDEALE haben