Bernhard Vogel in Strausberg

Ausstellungsrede in Straußberg. 24.9. - 22.10.2005

"Land zwischen den Wassern" heißt die Ausstellung von Werken Bernhard Vogels. Der eigentümliche Plural von Wasser verweist auf die unterschiedlichen Gewässer, an deren Ufern Bernhard Vogel gearbeitet hat. Meeresküste, Flußufer, Seen und Moore, wenn Sie die Ausstellung aufmerksam betrachten, werden Sie viele Gewässer- Arten finden, die der Künstler zudem ganz unterschiedlich bearbeitet hat: Wesentlich ist die Farbgebung des Wassers abhängig vom Licht, wie Sie bei einem Vergleich etwa der Arbeiten vom Oderbruch "Schiffmühle - alte Oder" mit dem "Teufelsmoor"- Bild aus der Worpsweder Gegend leicht feststellen können. Hat Bernhard Vogel hier ein intensives Blau gewählt, das vom Vordergrund allmählich in die Bildtiefe seine Farbe zu einem helleren Ton und dabei sogar in ein Grau- Weiß wechselt, so wird in dem Oderbruch- Bild das Wasser ganz in Weiß gehalten. Es zieht sich wie ein weißes Band durch die flache grüne Landschaft und gibt gerade diesem Grün die Möglichkeit, sich vielfarbig zu entfalten. Gegenüber dem ersten Bild, wo in das Blau viele Spuren, Reste, Reflexe, Farbfäden eingebracht worden sind, so dass das Blau trotz seiner Intensität sehr beunruhigt wirkt, sehr vielschichtig und tief, eben unheimlich, wie es sich für ein Teufelsmoor gehört, wirkt das Weiß im Oderbruch- Bild wie eine glatte Fläche, und wäre das Grün nicht so saftig und ungebrochen, könnte man vermuten, Bernhard Vogel habe das Wasser in Eis verwandelt. Wahrscheinlich liegt eine schwere Gewitterluft über den Feldern. Die am hochgezogenen Horizont angedeuteten gelbbraunen Wolkenschleier und das Violett-Grau drum herum lassen vermuten, dass etwas in der Luft liegt, was mit strahlendem Sonnenglanz nichts zu tun hat.

Zugleich demonstriert der Künstler in diesem Beispiel geradezu, wie mit der Farbe grün umgegangen werden kann: Häufig, nicht zuletzt im Vordergrund wird seine Skala an den Flächenrändern bis zu einem fast schwarzen Ton ausgedehnt, in der Fläche dann aber das Grün an einigen Stellen bis zum Weiß ausgedünnt. Es ist bemerkenswert und belegt das Können des Malers Bernhard Vogel, dass er diese Spannung vom dunklen zum hellen Ton wiederholt ausprobiert und dass dennoch nirgends der Eindruck entsteht, hier werde auf Kosten der Realität und der Natur Farbe erprobt.

Zugleich muß aber gesehen werden, dass dieses Grün in seiner Vielfalt auch immer wieder gestört wird, nicht nur durch das Schwarzbraun der Baumstämme, auch durch ein undefiniertes Weiß, das sich als Ast oder Faden über die Fläche zieht, oder durch ein Rot, das gleichfalls nur als Farbakzent, nicht als Gegenstand in Erscheinung tritt.

Das Bild, ich habe das schon angedeutet, gehört zu den großen Stimmungsträgern in der Ausstellung, insbesondere wenn Sie die Baumreihe am Horizont betrachten. Hier hat der Künstler hellblaue Farbigkeit gewählt, die scheinbar von Dunst und Abendlicht bestimmt wird.

Ich möchte ein zweites Bild der grünen Fläche gegenüberstellen, eines der Kirchenbilder, die auf diesen Malreisen zwischen den Wassern entstanden sind, und die Bernhard Vogel wegen ihrer architektonischen Einheit und Unberührtheit gewählt hat: Das Bild "Kirche am Markt in Lieberose". Im Katalog wird eine Fotografie klein daneben gesetzt, nicht um anzudeuten, wie sich der Künstler an die Realität gehalten hat, sondern um die Kraft und Festigkeit dieses Bauwerks sichtbar zu machen. Denn Bernhard Vogel hat daraus ein transparentes Gebilde gemacht, das gleichsam Außen- und Innenraum miteinander zu vermischen scheint. Die Mauer trennt nicht, sondern verbindet. Die hervortretenden Pfeiler und Chorabschnitte werden zu Einlässen - natürlich nur scheinbar -, die das Innere der Kirche ahnen lassen. Nur zu einem Teil ist diese Helligkeit auf den Lichteinfall zurückzuführen; natürlich könnten sie von der Sonne erleuchtet sein. Viel bedeutender ist aber das Farbprogramm, das Bernhard Vogel in diesem Bild verwirklicht: Von der violett- farbenen Basis aus, dem Straßenpflaster, über das dunkle Rot der Mauern, vertikal gegliedert durch die Stützpfeiler der Kirche führt die Farbentwicklung weiter bis zum dunklen Orange über dem Dach und einem hellen Orange am ferneren Himmel. In gleicher Weise führt Bernhard Vogel diese Farbskala von links vorn nach rechts in die Bildtiefe, wo letztlich das helle Orange unterhalb der Mittellinie des Bildes auftritt.

Man kann dieses Orange mit Bedeutung belegen; aber der Künstler läßt diese Möglichkeit offen; er füllt sie nicht mit Bedeutung an, so dass jeder Betrachter hier seine eigene Interpretation bei solcher Farbgliederung eines Kirchenbildes entwickeln kann. Der Künstler läßt das zu; denn er will, dass sich der Betrachter Gedanken macht - aber er schreibt sie nicht vor.

Heben wir noch ein drittes Bild hervor, "Fischerkietz" in Strausberg. Hier ist eine gewagte - so möchte ich das nennen - Mischung aus Gelb und Grün und dazu Orange-Rot zu sehen. Auch die Plazierung eines im Grunde leeren Raumes in den unmittelbaren Vordergrund scheint mir riskant und wird allein durch das Farbenspiel gerechtfertigt: Man sieht vier große Partien nebeneinander: Gelb - Weiß - Braun - Grün.

Bernhard Vogel malt keine Bilder der Schönheit, jedenfalls nicht absichtlich, auch wenn er sich sehr gut vorbereitet: Dazu gehört, dass er für den Raum, noch nicht für das einzelne Motiv, aber für den Raum aufgeschlossen wird. Wir alle kennen die beiden einander widerstrebenden Empfindungen gegenüber Räumen: Entweder springt unser Empfinden nicht an, weil der Raum anders ist als unsere Erwartungen, oder wir empfinden ihn als hinreißend schön, so dass er uns überwältigt. Beide Empfinden hindern Bernhard Vogel am Arbeiten. Darum geht er lange herum und inspiziert Objekt und Umgebung und entscheidet sich dann zwischen zwei, drei möglichen Arbeitsplätzen mit herausragender Sicht auf das Motiv. Die letzten Entscheidungen, die Tropfen, die das Faß zum Überlaufen bringen, können nach ganz banalen Gesichtspunkten fallen, etwa ob die Zuschauer einen guten oder gar keinen Platz zum Zusehen haben, ob ihr Verhalten störend ist, ob das Licht passabel ist usf.

Nach der Wahl des Arbeitsplatzes folgt noch eine längere Zeitphase der Ruhe und Besinnung, besser der Meditation, in der alle Sinne auf das Objekt gerichtet werden, mit Fragen, die nur zu vermuten sind, Etwa: Warum von hier aus ? Stört der Busch davor ? Was sagt das Motiv ? Was teilt es mir mit ? Wie ringe ich ihm das Optimale ab - gemeint ist, die optimale Ausdruckskraft, die stärkste Aussage, die spannendste Ansicht ?

Ich rede nicht von den logistischen Voraussetzungen, vom Wasser für das Aquarell, von der Nachfüllbarkeit des Wasser. Ich rede auch nicht von den Lichtverhältnissen, die der Künstler ganz selbstverständlich berücksichtigen muß, und von der Bequemlichkeit des Sitzens, das mehrere Stunden durchgehalten werden muß. Mir geht es darum zu vermitteln, dass diese Blätter, deren Durcharbeitung jedem Menschen erkennbar ist, nicht auf die Schnelle und mit der Leichtigkeit der linken Hand gemalt worden sind.

Hat Bernhard Vogel den optimalsten Blick auf das Objekt gefunden, hat er sich eingerichtet und die Leinwand oder den Karton hergerichtet, kann die Arbeit beginnen:

Bleibt mir noch, den Werdegang von Bernhard Vogel in aller Kürze darzustellen. Bernhard Vogel wurde 1961 in Salzburg geboren, ging dort zur Schule, besuchte ein Humanistisches Gymnasium und lernte nach dem Abitur noch ein Jahr Ökonomie auf dem dortigen Handelskolleg. Er hat also eine solide Ausbildung; trotzdem machte er nicht im elternlichen Geschäft, in der Wirtschaft oder in der Pädagogik Karriere, obwohl ihm diese Disziplin wohl auch gelegen hätte; denn später gab er auch Unterricht in den Techniken des Aquarells.

Die Angaben über den Verlauf seiner künstlerischen Ausbildung sind spärlich, weil er wohl primär Privatunterricht bei namhaften Salzburger Aquarellisten gehabt hat.

Salzburgs Sommerakademie ist eine der ältesten und berühmt, weil sich früher selbst Künstler wie Oskar Kokoschka nicht zu schade waren, den interessierten jüngeren Kollegen, aber auch manchem Laien Handreichungen zur Aquarelltechnik zu geben. Salzburg war und ist also nicht nur ein Mozart- und Festspielzentrum, sondern auch Mittelpunkt für Malerei und besonders für Aquarell-Kunst.

Kein Wunder, dass jemand, der Sinn für diese Technik hat, dort seine Kunst vervollkommnen konnte. Bernhard Vogel hatte 1984 die Sommerakademie besucht und bei Wilhelm Lehmden studiert. Seit dem Ende des Besuchs des Handelskollegs und der ersten Ausstellung in Salzburg sind sechs, sieben Jahre vergangen, was bedeutet, dass Bernhard Vogel eine solide Ausbildung genossen hatte. Ganz offensichtlich war schon die erste Ausstellung ein Erfolg; er erhielt in einem Wettbewerb mit dem Thema "Salzburger Ansichten" den 1. Preis. Nun konnte Bernhard Vogel von seiner Kunst leben und bereits im nächsten Jahr wurde er als Seminarleiter für Aquarellkurse eingeladen oder angestellt. Organisatoren hatten also nicht nur seine Begabung als Künstler erkannt, sondern auch seine Fähigkeit, die Aquarell- Technik zu vermitteln.

Der Preis von 1987 war nicht der einzige Preis, der ihm verliehen wurde. Auch in Deutschland wurde seine Aquarellkunst mehrfach ausgezeichnet.

Bernhard Vogel erscheint wie ein Heimatmaler für jene, denen diese Kirchen und Landschaften durch täglichen Umgang zur Heimat geworden sind. Man kann seine Arbeiten so verstehen, doch geht es ihm primär um Malerei. Als Salzburger ist er nicht für den nord- oder ostdeutschen Heimatgedanken empfänglich, sondern für Besonderheiten und Charakteristica eines kleinen Landschaftsausschnitts, wo dieser auch immer liegen mag. Vor allem aber geht es ihm um Malerei, speziell um Aquarell- Malerei, um den Umgang mit flüssigen Farben und trockenen Strichen, geträufelten Punkten, dem Pollockschen dropping und ihrer Handhabung, so dass ein Bild entstehen kann, das die Malerei zu Beginn des 21. Jahrhunderts rechtfertigt. Da stellt sich längst nicht mehr die Frage nach Ungegenständlich oder figürlich, abstrakt oder gegenständlich, selbst die Frage nach einem Realismus mit welchem Adjektiv davor auch immer ist passè. Jeder Künstler steht für sich allein, ist Einzelkämpfer und muß Wege finden sich zu behaupten oder Malerei nur noch als Feierabend- Job zu treiben. Davon gibt es viele; Bernhard Vogel gehört nicht dazu. Seine perfekte Gestaltung von Bildern zwischen freiem Farbverlauf und erkennbarem Landschafts- oder Architektur- Motiv haben so viel eigenständigen Charakter, dass sie für ihren Autor zeugen, sie sind unverwechselbar und harren Ihrer Betrachtung.