Delmenhorst "Zwischen den Wassern"

Jürgen Weichardt

anlässlich der Ausstellung "Land zwischen den Wassern" in Delmenhorst Turbinenhalle Nordwolle
Delmenhorst, Dötlingen, Verden

Ein Künstler erkundet eine ihm fremde Landschaft. Er befindet sich dabei zunächst in der gleichen Ausgangssituation wie alle Reisenden, die etwas sehen wollen. Doch wird der Unterschied schnell offenbar:

Schaut der Reisende auf ein Motiv, dann denkt er an die ihm dargebotene Schönheit oder an das vor ihm liegende interessante Motiv. Das ändert sich nicht, wenn er nach dem Fotoapparat greift und das Motiv aufnimmt. Die Distanz bleibt; höchstens wird ein Ausschnitt fokussiert, der sich nach der Aufnahme aber schnell wieder in das Gesamtbild einfügt, auf das der Reisende dann aber nicht mehr achtet. Denn seine Augen haben schon etwas Neues erspäht.

Bei einem Künstler wie Bernhard Vogel ist das anders. Wenn er ein Motiv sieht, dann denkt er sofort an Verwandlung. Wie banne ich das Motiv auf mein Papier ? Das heißt, wie nehme ich es von dort weg und baue es hier neu auf? und die Überlegung schließt mit ein, wie das Motiv verändert werden muß, um der Fläche gerecht zu werden ? Habe ich die vorgegebenen Farben oder muß ich sie verändern, um meinem Sinn von Komposition zu entsprechen ? Meistens gibt es keinen Grund, den Farben des gegenüber liegenden Motivs zu entsprechen, weil sie von Zeit und Natur verwandelt worden sind. Also muß beim Aquarell den Farben ein eigenständiger und höchst subtiler Denk- Vorgang gewidmet werden. Mit den Farben differenzieren sich die Künstler; Farben sind das Feld ihrer Freiheit.

Bernhard Vogel malt Ansichten und Stimmungen. Er geht dabei von einem Ist-Zustand aus, der ihm vor Augen steht, den wir auch in Fotografien und Postkarten finden können. Der Maler kennt also die Konkurrenz. Sich von ihr abzusetzen, ist ein natürliches Verlangen, das jener Haltung diametral gegenüber steht, sich anzupassen. Aber auch das wäre natürlich.

Allerdings entscheidet sich Bernhard Vogel nicht schnell für ein Motiv; im Gegenteil, er bewahrt sich eine gesunde Skepsis, so lange er sich dem Motiv gegenüber noch nicht niedergelassen hat. Er umkreist das Gelände, und es kann vorkommen, dass er keinen Zugang findet und das Motiv darum aufgibt. Andererseits ist er erfahren genug, auch dem weniger Attraktiven eine Ansicht abzugewinnen, die ihn zufrieden stellt, genügend, um ihr ein paar Stunden zu widmen.

Wir können annehmen, dass der Künstler mit der Ansicht, der er näher kommen und die er verwandeln will, einen Dialog führt, ihre Anworten - das sind ihre verschiedenen Seiten, ihre Winkel, ihre Dachfirste und Türme - abklopft, um sich dann die ihm genehme, die für seine Auffassung beste Seite herauszupicken.

Aber damit hat Bernhard Vogel nur einen Ort gefunden, noch kein Bild gemalt. Ein Künstler auf Reisen - Wanderschaft wäre vielleicht ein veralteter Ausdruck, auch wenn Bernhard Vogel das Alte, das Gewachsene, das Stürme überstanden hat, bevorzugt -, muß viel Gerät mit sich schleppen, auch wenn heutzutage das Fahrzeug in der Nähe steht und die Materialkammer jederzeit geöffnet werden kann.

Ich rede nicht von den logistischen Voraussetzungen, vom Wasser für das Aquarell, von der Nachfüllbarkeit des Wasser. Ich rede auch nicht von den Lichtverhältnissen, die der Künstler ganz selbstverständlich berücksichtigen muß, und von der Bequemlichkeit des Sitzens, das mehrere Stunden durchgehalten werden muß. Mir geht es darum zu vermitteln, dass diese Blätter, deren Durcharbeitung jedem Menschen erkennbar ist, nicht auf die Schnelle und mit der Leichtigkeit der linken Hand gemalt worden sind.

Der Beginn eines Aquarells wird von einer Zeichnung eingeläutet: Mit einem kleinen Pinsel skizziert der Künstler zunächst einen auffälligen Gegenstand im Bildinneren, nicht an irgend einem beliebigen Rand, sondern mitten auf der Oberfläche, um später nach allen Seiten weitergehen zu können. Aus dem Rückblick kann man allerdings kaum feststellen, wo der Künstler begonnen hat; es gehört zu seinen Fähigkeiten, den Anfang in den Gesamtzusammenhang zu integrieren.

Aber natürlich ist der Anfang in vielerlei Hinsicht wichtig; Er gibt ein Maß vor, das für alle anderen Gegenstände und Motive die Proportionen bestimmt, er setzt die ersten Farbakzente und öffnet damit auch die Tür zu dem Farbklang, der danach das Blatt beherrschen wird. Als erfahrener Aquarellist weiß Bernhard Vogel um die Notwendigkeit, weiter zu arbeiten, alles aus dem Anfang zu entwickeln und nicht zu schwanken, zu zweifeln.

Indem er darauf verzichtet, das Motiv wirklichkeitsgetreu abzumalen, was übrigens keine Kunst wäre, sondern es in freie malerische Rhythmen zu verpacken, es skizzenhaft anzudeuten und dabei doch so genau, wie das Malen es erlaubt, vorzugehen, schafft er sich ein Problem: Er sucht die Grenze zwischen der Wiedererkennbarkeit des Gegenstandes und der absoluten Freiheit der Farbsetzung, der er oft großen Spielraum gewährt, sich ohne Bindung an einen Gegenstand zu entfalten.

Vergleichen Sie einmal, wenn Sie gleich durch die Ausstellung gehen, die Darstellung von Delmenhorst, "Blick vom Turm", mit seiner relativ genauen Darstellung der einzelnen Häuser, mit dem Bild von der Huder Klosterruine, wo zwar die Ruine auch erkennbar ist, aber die Formen der Bäume, selbst der Fassade ziemlich aufgelöst erscheinen. Es geht hier zunächst nur um den Methoden-Unterschied, Das Delmenhorster Bild zählt zu den Panorama-Blicken, die Bernhard Vogel zu lieben scheint, denn die Ausstellung enthält mehrere solche Sichten von einem erhöhten Standort auf Stadt, Industrieanlagen, Hafenbecken, Flüsse. Der Blick aus der Ferne führt zu einer relativ sachlichen Darstellung wenigstens der Details. Im Katalog können Sie an Hand einer Fotografie auch beobachten, dass der Künstler das Stadtbild zu seinen Gunsten verändert hat, indem er Einzelheiten, und das können ganze Häuser sein, wegläßt. Anderseits zögert er nicht, bei den erfaßten Bauwerken auch solche Kleinigkeiten aufzunehmen wie geöffnete Fenster oder Türen. Dass diese Distanzbilder nicht völlig realistisch erscheinen, liegt an der Farbwahl und an einigen Bildpartien, wo die Farbe sich nicht den Formen unterwirft, sondern sich ballt, einen Knäuel bildet und damit Ungenauigkeit, Abstraktion, Autonomie ins Bild trägt. Hier im Delmenhorster Aquarell sind solche Vorgänge leicht zu erkennen. Das Bild sagt auch deutlich an, warum dieser Blick gewählt worden ist: Das zentrale Gebäude liegt wie ein Fremdkörper, vielleicht wie ein wildes Tier inmitten der sonst so bürgerlichen Giebelhäuser und roten Dächer. Das Düstere hat der Künstler herausgestrichen durch das Schwarz im Vordergrund hinter dem starken Rot der Dächer. Das Schwarz verbindet sich mit grauen Architekturformen, die sich nicht in allen Details erklären. Aber es ist Winter, ein Grund für das relativ kalte Bild, und das Schwarz wandelt sich in der Ferne in ein Weiß des Schnees. Die andere Diagonale geht von den roten Dächern rechts unten aus, überspringt das schiffsähnliche Bauwerk, das scheinbar in den Hafen eingefahren ist und findet Stützung im Gelborange offenbar elektrisch erleuchteter Bäume. Doch dann vermischen sich Schwarz und Rot, lösen sich von allen Architekturen und Pflanzen und bilden einen Knäuel vor dem Kirchturm, als gebe es da eine unerklärbare Situation.

Das Bild der Klosterruine ist dagegen eine Farborgie in Grün und Gelborange. Abgesehen von einem Baumstamm in der linken Bildhälfte und der perspektivisch sich im Hintergrund verlierenden Fassade mit ihren zwar breiten, aber sich auflösenden Mauern hält Bernhard Vogel alle anderen Details im Ungewissen; genauer, er versteckt sie in einem dichten Bündel von Grüntönen, das darum keine Konturen und Details sichtbar werden läßt, weil die Farbflächen ausgewaschen scheinen. Nur fadenartige Linien gleich Lianen und viele punktähnliche Tropfen durchsetzen das Grün und deuten die Vielsichtigkeit gerade dieser Partien an.So werden gerade in einem solchen Bild die dem Aquarell eigenen Gegensätze von Form und fließenden Farben, von konzentrierter Setzung und Zufälligkeiten des Dropping herausgearbeitet. Diese Bildmittel werden noch um fadenähnliche Linien ergänzt, die sich hier über das ganze Bild hinweg ziehen. Sie finden sich in fast allen Aquarellen, haben aber keine inhaltliche Bedeutung. Doch nutzt der Maler dieses Mittel, um dichte Farbflächen zu gliedern, zu zerschneiden, aufzulösen und auf diese Weise gerade zu beleben.

Bernhard Vogel erweist sich in seinen Bildern - in beiden Kategorien - als Meister dieser spezifischen Technik des Aquarellieren. Sie wissen, dass er aus Salzburg kommt.

Salzburg hat nicht nur eine schöne Architektur, die Erinnerung an Mozart und die Festspiele, sondern auch eine Sommerakademie, in der berühmte Künstler einfachen Malern und Malerinnen das Malen näherbringen. Dort steht das Aquarell hoch im Kurs. Auch wenn Bernhard Vogel nun nicht die Sommerakademie besucht hat, ist er ein begnadeter Aquarell- Künstler geworden. Er hat mehrere Jahre lang bei Salzburger Künstlern privat Aquarell- Techniken studiert. Dem muß vorausgegangen sein, dass jemand sein Talent erkannt hat, was in einer Akademie gewöhnlich viel schwieriger ist. Diese Entdeckerin muß den Studenten überzeugt haben, dass seine Neigung zur Kunst und zum Aquarell nicht auf tönernen Füßen stehe, sondern den ersten Versuchen nach voll entwicklungsfähig sei. Denn zuvor hatte Bernhard Vogel nach dem Abitur noch Ökonomie an einem Wirtschaftskolleg studieren wollen, allerdings nur ein Jahr, ausreichend um sich Grundkenntnisse anzueignen, ehe er dann das Kunststudium betrieben hat.

Zu den wichtigsten Eigenschaften in der Kunst gehört die Geduld - er hat nicht, wie heute manche jungen Kollegen, sich sofort um Ausstellungen gekümmert, sondern er hat gewartet, bis er die Technik gut beherrscht und bis die richtige Ausstellung gekommen ist. Sie hatte den Titel »Ansichten von Salzburg", war ein Wettbewerb und brachte Bernhard Vogel einen Preis ein, eine Einzelausstellung und bald darauf auch die Berufung als Lehrer für Aquarell.

Selbst zu lehren, ist natürlich eine permanente Herausforderung: Besser zu werden vor sich selbst, besser zu sein als die Besucher seiner Kurse.

Die Aquarell-Technik hat den Vorteil, auf die feinsten Schwankungen in der Stimmung zu reagieren. Das ist auch ihr Nachteil; denn dabei entstehen Zufälligkeiten, und Schwankungen in der Stimmung problematisieren das bisherige Bild. Bernhard Vogel weiß um diese Gefahren und um die Mischung, die beiden Seiten gerecht wird - den Ansichten und den freien Farbbeweguungen. Mit ihnen sorgsam und doch ganz frei umzugehen, macht ihn zum Meister des Aquarells.