Bremervörde 2005

Jürgen Weichardt

Ausstellung in Bremervörde, September 2005.
Aus der Serie "Land zwischen den Wassern" EWE Oldenburg
Bernhard Vogel in Bremervörde

Meine Damen und Herren,

ich möchte Ihnen zunächst Bernhard Vogel vorstellen:

Bernhard Vogel wurde 1961 in Salzburg geboren, ging dort zur Schule, besuchte ein Humanistisches Gymnasium und lernte nach dem Abitur noch ein Jahr Ökonomie auf dem dortigen Handelskolleg. Er hat also eine solide Ausbildung; trotzdem machte er nicht im elternlichen Geschäft, in der Wirtschaft oder in der Pädagogik Karriere, obwohl ihm diese Disziplin wohl auch gelegen hätte; denn später gab er auch Unterricht in den Techniken des Aquarells.

Die Angaben über den Verlauf seiner künstlerischen Ausbildung sind spärlich, weil er wohl primär Privatunterricht bei namhaften Salzburger Aquarellisten gehabt hat.

Salzburgs Sommerakademie ist eine der ältesten und berühmt, weil sich früher selbst Künstler wie Oskar Kokoschka nicht zu schade waren, den interessierten jüngeren Kollegen, aber auch manchem Laien Handreichungen zur Aquarelltechnik zu geben. Salzburg war also nicht nur ein Mozart- und Festspielzentrum, sondern auch Mittelpunkt für Malerei und besonders für Aquarell-Kunst.

Kein Wunder, dass jemand, der Sinn für diese Technik hat, dort seine Kunst vervollkommnen konnte.

Zwischen dem Ende des Besuchs des Handelskollegs und der ersten Ausstellung in Salzburg sind sechs, sieben Jahre vergangen, was bedeutet, dass Bernhard Vogel eine solide Ausbildung genossen hatte. Ganz offensichtlich war schon die erste Ausstellung ein Erfolg; er erhielt in einem Wettbewerb mit dem Thema "Salzburger Ansichten" den 1. Preis. Nun konnte Bernhard Vogel von seiner Kunst leben und bereits im nächsten Jahr wurde er als Seminarleiter für Aquarellkurse eingeladen oder angestellt. Organisatoren hatten also nicht nur seine Begabung als Künstler erkannt, sondern auch seine Fähigkeit, die Aquarell- Technik zu vermitteln.

Der Preis von 1987 war nicht der einzige Preis, der ihm verliehen wurde. Auch in Deutschland wurde seine Aquarellkunst mehrfach ausgezeichnet.

So ist es ihm scheinbar möglich, wie ein Heimatmaler zu arbeiten, d.h. aus einer bestimmten Landschaft sich Motive auszuwählen und diese dann im eigenen Stil zu malen.

Doch Vorsicht: Das Wort Heimatmalerei ist aus mehreren Gründen nicht zutreffend: Bernhard Vogel kommt aus Salzburg und das ist mit Bremervörde nun gar nicht verwandt. Also keine Heimatmalerei für den Künstler. Doch wie steht es mit dem Publikum ? Dieses begegnet ja Gebäuden, Straßenzügen, Hafenanlagen, Feldern und Wäldern, die ihm bekannt vorkommen und mit denen es sich identifizieren könnte. Aber das ist eine sekundäre Frage, an die ein Künstler während der Arbeit nicht denken sollte.

Doch der Maler identifiziert sich tatsächlich mit dem Motiv, nicht unbedingt mit der ganzen Landschaft und ganz gewiß nicht mit allen unterschwelligen Ressentiments, die mit dieser Landschaft zusammenhängen und die er auch gar nicht kennen muß.

Bernhard Vogel wählt ein Motiv: Dazu gehört, dass er sich zunächst für den sichtbaren Raum, noch nicht für ein einzelnes Motiv öffnet. Er geht lange herum um ein mögliches Motiv und sucht nach dem optimalen Platz, von dem er dem Motiv näherkommen kann, und wenn sich Publikum einstellt, das auch Platz hat und teilhaben kann an der Malerei. Kurz Vogel entwickelt zunächst ein Gefühl für den Raum, in dessen Mitte das Motiv gelegen ist.

Nach der Wahl des Arbeitsplatzes folgt noch eine längere Zeitphase der Ruhe und Besinnung, besser der Meditation, in der alle Sinne auf das Objekt gerichtet werden, mit Fragen, die nur zu vermuten sind, Etwa: Warum von hier aus ? Stört der Busch davor ? Was sagt das Motiv ? Was teilt es mir mit ? Wie ringe ich ihm das Optimale ab - gemeint ist, die optimale Ausdruckskraft, die stärkste Aussage, die spannendste Ansicht ?

Bernhard Vogel malt vor dem Motiv, nicht im Atelier, sondern pleinair, in der frischen Luft. Im Freien zu malen, ist nicht nur eine größere körperliche Anstrengung, sondern auch ein Kampf mit den widrigen Umständen des Materials, seiner Empfindlichkeit gegenüber dem Wetter, das Vorgänge provoziert, die sich nicht steuern lassen - wie Eisbildung oder Regentropfen, die auf die Bildfläche fallen. Die Wirkung ist nicht spektakulär, nur für gute Augen sichtbar - feine kristalline Äderchen auf kleinen Flächen, die zum Zeitpunkt des Gefrierens gerade gemalt wurden.

Ich verweise auf logistische Voraussetzungen wie Wasser für das Aquarell, von der Nachfüllbarkeit des Wasserbehälters also von Handlangungen und Dienstleistungen, die der Künstler für sich selber organisieren muß. Ich rede auch von Lichtverhältnissen, die der Künstler wie selbstverständlich berücksichtigen muß, und von der Bequemlichkeit des Sitzens, das mehrere Stunden durchzuhalten ist. Ich möchte vermitteln, dass diese Blätter, deren Durcharbeitung jedem Menschen erkennbar ist, nicht auf die Schnelle und mit der linken Hand gemalt worden sind.

Hat Bernhard Vogel den optimalen Blick auf das Objekt gefunden, hat er sich ein- und die Leinwand oder den Karton hergerichtet, kann die Arbeit beginnen:

Betrachten wir das Motiv, das er sich in Bremervörde ausgesucht hat: Dieses kleine Kirchengebäude an einer Straßenkreuzung. Ihn interessiert dabei zunächst die Gesamtschau, d.h. die Kirche in Beziehung zu anderen Häusern, die alle nicht in Konkurrenz treten, sondern zurückhaltend und auf Distanz gemalt sind. Überragt wird die Kirche dagegen von einem Fernsehturm, den Bernhard Vogel jedoch in Weiß und hellem Grau zeigt gegenüber dem Rot Farben, die sich nur deswegen halten, weil der Himmel grau ist und eine gelbe Wolke den Turm umspielt. Und gleichsam verankert wird die Kirche in die moderne Stadtanlage durch die Ampel, die optisch mit dem Kirchendach in Berührung kommt. Die Kirche liegt im Mittelpunkt der Komposition, sie wird diagonal in die Tiefe der rechten Bildhälfte gerichtet, der Turm in den Hintergrund gerückt, wo er vom Medientower überragt wird. Sich dabei etwas zur Situation von Kirche und Glauben zu denken, ist nicht verboten.

Doch wer in dieser Verortung der Kirche etwas Kritisches sehen möchte, sollte allerdings auf die Farbwahl schauen: Die intensivsten Farben gelten dem Kirchenschiff, während beim Medientower nur ein unbestimmtes Gelb in die Luft steigt, und da gelegentlich als Klischee von einer gelben Giftwolke gesprochen wird, könnte diese Farbe auch als etwas Widerwärtiges gesehen werden. Sicher ist das nicht, zumal das Gelb auch als Lichtreflex in einem aufsteigenden Dampf gesehen werden kann. Immerhin ist das Gelb der einzige größere Farbeinsatz, der das Violett-Grau des Himmels durchbricht, vor dem das gestufte Rot der Dächer besonders intensiv wirkt.

Worauf es mir ankommt, ist zu zeigen, dass Bernhard Vogel nicht wild drauflos malt aber auch nicht detailsüchtig alles präzise abmalt, was er sieht, sondern die Farben bewußt mehrsinnig einsetzt und die gegebenen Architekturen kompositionell ordnet..

Ein anderes außergewöhnlich intensives Beispiel ist das Teufelsmoor: Es liegt auf der Hand, wenn der Künstler dort einen Blickwinkel wählt, in dem flache Landschaft und Wasser miteinander verbunden werden. Aber wie: Er rückt zunächst den Horizont ganz an den oberen Bildrand, d.h. vom Himmel ist nur ein schmaler Streifen noch zu sehen, was die Flachheit dieses Landschaftsausschnitte noch unterstreicht; womit aber auch ein Unterschied zu den alten Niederländern erkannt wird.. Dann richtet er den Blick auf einen Wasserlauf, der fast ohne Wellen gemalt wird, also nahezu unbewegt in der Landschaft steht. Vielleicht eine trügerische Ruhe; schließlich heißt die Gegend Teufelsmoor. Das ist vielleicht das stärkste Blau, das in dieser Ausstellung zu sehen ist.

Aber wie dieses Blau nun behandelt ist, macht die Kunst dieser Arbeit aus und zeigt das Können des Salzburger Aquarellisten:

Die Intensität geht vom vorderen Bildrand aus und verliert sich in der Tiefe des Landschaftsausschnittes. Es wird zur Spiegelfläche, in der sich weniger die Ufer spiegeln können, weil nur ein Baum links im Vordergrund aufragt und über den Uferrand schaut, doch werden die Farben des Himmels als helle Töne wiedergegeben. Das mag ganz realistisch sein, wie es in der Landschaft tatsächlich zu sehen ist. Doch in der Farbkomposition kommt es darauf nicht an: Die Stimmigkeit dieses Bildes beruht auf dem sanften weichen Übergang vom intensiven Blau zu einem Grau, das am Ende fast an Weiß heran ragt, eingespannt zwischen dunklen Uferrändern, hinter denen einige grüne Zonen vom Land künden.

Diese große blaue Malfläche nutzt Bernhard Vogel nun, um die Kraft einzelner Farbtupfer zu erproben. Dass er überhaupt informelle Spuren einsetzt, um die Farbstärke zu erhöhen, ist eine Erfahrung aus der Kunstgeschichte, aus dem Tachismus der fünfziger Jahre. Diese leicht zu Gelb neigenden Farbspuren sind in gleicher Weise als Ausdruck der Emotionalität und der Spontaneität des Künstlers zu verstehen wie tachistische Spuren vor 50 Jahren. Nur bindet der zeitgenössische Künstler aber diese Elemente seiner spontanen Äußerung an eine Landschaft, einen Gegenstand und gibt diesen einen weiteren Sinn: Sie sind nicht nur Details der Landschaft, sondern auch Träger von Details der subjektiven, emotionalen Ausdrucksweise des Künstlers.

Schaut man auf die lange Reihe der Aquarelle, dann ergibt sich ein wechselvolles Spiel mit unterschiedlichen Ausschnitten, die alle nicht nur eigenen Charakter haben, sondern auch für die äußerst sensible Kunst von Bernhard Vogel stehen.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Weichardt